Hier sind die Azubis Chef
Nicht nur Auszubildender, sondern auch Boss auf Zeit : Immer häufiger bieten Unternehmen dem Nachwuchs die Chance, einmal selbst das Ruder zu übernehmen.
Hört sich nach einem Traumjob an: Schon als Azubi der Chef zu sein, zu sagen, wo es langgeht und was zu tun ist. Felix Schindler hat so einen Job. Der 19-Jährige macht im dritten Jahr seine Ausbildung zum Systemgastronom bei der norddeutschen Bäckereikette "Junge" und verbringt das letzte halbe Jahr seiner Lehre als Filialleiter in der Azubifiliale in der Lübecker Innenstadt. Eine ganz normale Filiale. Ganz normal? Nicht ganz. Denn hier arbeiten nur Azubis. Zwar stehen ihnen zwei Mitarbeiter der Stadtbäckerei Junge als Beratung zur Seite, aber im Grunde genommen entscheiden die Azubis alles selbst, erzählt Felix. Die meiste Zeit sind sie auch alleine im Laden. Klar, dass da auch mal Fehler gemacht werden und nicht immer alles rund läuft. Da kommt es schon mal vor, dass das Brot zu früh aus ist und zur Hochbetriebszeit zu wenig Mitarbeiter eingeteilt sind. Aber aus Fehlern lernt man und beim nächsten Mal macht man es dann besser.
Azubifiliale führt zum Erfolg
Es hat ihn gefreut, als sein Chef ihn fragte, ob er in der Azubifiliale seine Ausbildung beenden möchte. Denn längst nicht alle der 168 Azubis bekommen die Gelegenheit, einige Monate in der Filiale zu arbeiten. Seit 1994 betreibt die Bäckereikette schon die Azubifiliale in der Hansestadt. Man wollte damit den eigenen Nachwuchs stärken, so Gerd Hofrichter von Junge. "Die Azubis machen hier große Schritte in ihrer Entwicklung und treten viel selbstbewusster auf", hat er beobachtet. Das, was der Nachwuchs dort lernt, gehe über das hinaus, was man in einer normalen Ausbildung mitbekomme. Die Methode hat Erfolg: Immer wieder kommen die Azubi-Landessieger aus den Reihen der Bäckereikette. Für Felix war eigentlich immer klar, dass er eine Führungsposition anstrebt - die Monate als Filialleiter haben ihn darin nur bestärkt. Er reicht einer Stammkundin den "Coffee to go" über den Tresen: "Einen schönen Tag noch und bis morgen!"
Azubis an die Macht
Wie sehr es motiviert, einmal selbst Herr im Haus zu sein, haben immer mehr Unternehmen erkannt und geben ihren Lehrlingen die Chance dazu. "Guten Tag, kann ich Ihnen helfen?" Wer Anfang Oktober im Kaufland in Grimma einkaufte, wunderte sich vielleicht über das ungewöhnliche junge Personal. Denn die Filiale wurde vier Wochen lang von mehr als 100 Auszubildenden geleitet - die Führungskräfte hatten frei. Nun hatten dort Einzelhandels-Azubis im zweiten und dritten Jahr das Zepter in der Hand. Sie wurden über ein Assessment-Center ausgewählt. Schalten und walten, wie es sonst der Chef macht: Ob Bestellungen, Besetzung der Kassen, Kundenanfragen oder Sauberkeit im Markt, alles wurde auf die Azubis übertragen. Eine spannende Aufgabe, findet Luise Wölfel, die an dem Projekt "Azubis an die Macht" teilnahm: "Ich habe erfahren, was es heißt, eine Führungskraft zu sein und was man alles auf dem Schirm haben muss." Dadurch habe sie einen größeren Respekt für ihre zukünftige Tätigkeit bekommen, sagt die 25-Jährige. Sie sei überrascht gewesen, wie positiv die Kunden reagierten, berichtet sie. "Wie läuft es denn so", das wollten viele wissen. Immer wieder wurden die Chefs auf Zeit von den Kunden angesprochen. Außerdem habe es sie gefreut, dass sie von allen Beteiligten ernst genommen wurde:"Wenn etwas schiefgelaufen ist, wurde uns unkompliziert geholfen. "Kaufland möchte mit dem Projekt Nachwuchskräfte fördern und ihnen tiefere Einblicke in die Vielfalt und Verantwortung ihrer zukünftigen Tätigkeit geben, so André Schweimer, Geschäftsführer Vertrieb. Ziel sei es, Führungskräfte aus den eigenen Reihen zu entwickeln. Das Projekt sei fester Bestandteil der betrieblichen Ausbildung geworden und bisher haben mehr als 4500 Azubis an 50 Standorten teilgenommen.
Motivierend, einmal selbst Herr im Haus zu sein
Auch im Hornbach-Markt in Sinsheim wurden die Kunden sechs Wochen lang vom Nachwuchs beraten und bedient: "Die Bohrmaschinen suchen Sie? Die finden Sie gleich dort drüben. Suchen Sie ein bestimmtes Modell?" "Mit diesem Projekt wollten wir die jungen Leute durch Learning-by-Doing auf ihre Arbeit im Baumarkt vorbereiten und zeigen, wie vielseitig der Job sein kann", so Lucien Dellwo, Ausbildungsleiter bei Hornbach. Schließlich sei ein Baumarkt komplexer als andere Handelsunternehmen. Denn die Mitarbeiter sind nicht nur Verkäufer, sondern Berater in unterschiedlichsten Bauprojekten. Verantwortung übernehmen, Entscheidungen in Eigenregie treffen, den Teamgeist fördern und Einblicke in die Aufgaben eines Marktmanagers erhalten. "Dabei haben die Azubis gelernt, auch mit schwierigen Situationen umzugehen. Das stärkte ihre Kompetenzen und ihr Selbstbewusstsein. "Einer der 28 Azubis (von 551 deutschlandweit), die im Azubimarkt in Sinsheim bedient haben, war Pascal Hadjieff. Die Zeit sei nicht nur spannend gewesen, sondern habe ihm auch gezeigt, wie weit er mit seinem Wissensstand und den Fertigkeiten ist. "Es war super, auch mal die Arbeit zu machen, die sonst mein Chef gemacht hat, wie zum Beispiel Reklamationen bearbeiten oder die Warenbestellungen zu erledigen. "Er habe gelernt, wie wichtig es tatsächlich ist, dass alles seine Ordnung und seinen festen Platz hat. Besonders habe ihn das Feedback der Kunden gefreut, sagt der 19-Jährige: "Ich habe sogar eine E-Mail mit einem Lob bekommen, das ist vorher noch nie so passiert!"













