Anlaufstelle für Studenten aus Arbeiterfamilien – die Initiative ArbeiterKind.de

- ArbeiterKind.de-Informationsstand am Tag der offenen Tür der Ruhr-Uni Bochum
An deutschen Universitäten bietet seit einigen Jahren die Initiative ArbeiterKind.de ihre Hilfe für Studenten aus Nicht-Akademiker-Familien an. Warum eigentlich? Zu Gast bei einer Gesprächsrunde von ArbeiterKind.de.
Kaffee gibt es nicht. Auch keinen Kuchen und keine Namensschilder. Die ArbeiterKind.de-Ortsgruppe an der Ruhr-Universität Bochum versteht sich nicht als Selbsthilfegruppe, bedient nicht die Klischees über diese. Ein Stuhlkreis ist aber tatsächlich aufgebaut. In ihm sitzen Studenten, die sich darüber austauschen, welche Hürden es mit sich bringt, als angehender Akademiker aus einem nicht-akademischen Umfeld zu kommen. Dazu gibt es jeden ersten Mittwochabend im Monat eine offene Gesprächsrunde. Zu dieser kann, neben den bis zu 10 ehrenamtlichen Mentoren, jeder kommen, der Unterstützung im Studium braucht oder sich generell über das Angebot von ArbeiterKind.de informieren möchte. Im ersten Moment fragt man sich, warum auch heutzutage noch Studenten, die aus keiner Akademiker-Familie stammen, eine solche Anlaufstelle brauchen. Warum macht die soziale Herkunft einen Unterschied? Sind es rein finanzielle Aspekte? Können Eltern ohne akademische Grade, aber mit guten Einkommen, ihren Kinder das Studium nicht auch zumindest mitfinanzieren?
Vorbehalte gegen das Studium aus der Welt schaffen
Biologiestudent Martin Meschkat ist einer der Bochumer Mentoren von ArbeiterKind.de. Aus seiner Erfahrung als Mentor kennt das 22jährige „Arbeiterkind“ das vielleicht größte Problem von Studenten aus Nicht-Akademiker-Familien: „Für die meisten ist die Hauptsorge nicht die fehlende finanzielle Unterstützung der Eltern, sondern deren mangelndes Verständnis für das Studium.“ Ein Unverständnis, das außerdem zwischen den Studiengängen divergiere. „Besonders Studenten der Geisteswissenschaften beklagen sich darüber. Ihre Eltern können sich wenig unter einem solchen Studium vorstellen, während beispielsweise die Ingenieurwissenschaften oder Medizin eher Akzeptanz finden“, fügt Martin hinzu. Um solchen Sorgen und Vorurteilen entgegenzuwirken, gründete die Gießener Doktorandin Katja Urbatsch im Mai 2008 ArbeiterKind.de. Gestartet als Internetportal, unterhält die nicht kommerzielle und unpolitische Organisation deutschlandweit mittlerweile 80 Ortsgruppen mit über 3000 Mentoren. Die Arbeit fokussiert sich vor allem auf zwei Bereiche. Zum einen soll Studenten aus Arbeiterfamilien Hilfe in ihrem Studienalltag angeboten werden. Speziell jene, welche als Erste aus ihren Familien und Freundeskreisen studieren (in den USA oft auch als „first-generation-students“ bezeichnet), wissen oft nicht wirklich wie ein Studium finanziert werden kann, wie wissenschaftlich gearbeitet wird oder Auslandssemester und Praktika absolviert werden. In ihren Umfeldern treffen sie selten auf jemanden, der ihnen als Orientierungspunkt dienen könnte. Zum anderen möchte ArbeiterKind.de aber auch schon angehende Abiturienten motivieren, trotz möglicher Vorbehalte ihres sozialen Umfelds und damit verbundenen, praktischen Schwierigkeiten, ein Studium aufzunehmen. Gerade dies scheint ein Bereich zu sein, in dem tatsächlich noch Überzeugungsarbeit zu leisten ist. Laut einer aktuellen Sozialstudie des Deutschen Studentenwerks, nehmen von 100 Akademikerkindern 71 ein Hochschulstudium auf, während es von 100 Kindern nicht-akademischer Herkunft nur 24 sind, obwohl doppelt so viele die Hochschulreife erlangen.
Praktische und emotionale Hilfe bei Sorgen und Nöten

- Die Mentoren der ArbeiterKind.de-Ortsgruppe Bochum
ArbeiterKind.de bietet Schülern und Studenten mit diversen Onlineangeboten Rat und Hilfe an oder betreut sie gleich vor Ort, wie durch Martin und seine Mentorenkollegen und -kolleginnen in Bochum. Im Gegensatz zum Onlineportal, findet der Informationsaustausch in der Ortsgruppe natürlich ganz zwischenmenschlich statt. Die Nöte der studierenden „Arbeiterkinder“ kennen die Mentoren alle mehr oder weniger aus eigener Erfahrung. Sie bekamen zum Beispiel nachmittägliche Anrufe von ihren Müttern, die sie mit der Frage „Schläfst du?“ begrüßten. Schließlich liegen alle Studenten zu dieser Tageszeit ja noch im Bett. Oder sie mussten heftige Diskussionen mit dem Vater führen, der der Meinung war, dass man als Student ja nicht so viel zu tun habe und deshalb noch drei Nebenjobs annehme könne. „Den Eltern fehlt schlicht selber die Erfahrung, was Studieren bedeutet. Daraus entsteht bei vielen das Unverständnis für ihre studierenden Kinder. Die wiederum entfremden sich so von der Familie, was sie eigentlich nicht wollen und womit sie nicht umgehen können“, erklärt Cara Küffner, Ansprechpartnerin im Nordrhein-Westfalen-Büro von ArbeiterKind.de, die an diesem Mittwochabend bei der Bochumer Ortsgruppe reinschaut. Dabei kann das Studium an sich schon genug Kopfzerbrechen bereiten. Wenn dann noch derartige Gefühlswirrungen hinzukommen, sei das für einige Studenten eventuell sogar ein Grund das Studium abzubrechen. „Auch ich habe mich am Anfang meines Studiums fehl an der Uni gefühlt. Ich sorgte mich ums Geld und mir fehlten einfach Informationen“, gibt Christin Gerber zu. Die 23jährige Medizinstudentin wollte aber nicht aufgeben. Hilfesuchend kam Christin zum Gesprächstreff von ArbeiterKind.de. Jetzt ist auch sie Mentorin und Hauptorganisatorin von ArbeiterKind.de an der Ruhr-Universität, möchte Andere, die in einer ähnlichen Lage sind wie sie damals, motivieren.
Sicherlich nicht jedes „Arbeiterkind“ unter den Studenten in Deutschland erfährt mangelndes Verständnis durch die Eltern, hat finanzielle oder organisatorische Sorgen im Studium. Jene aber, die diese Probleme verspüren und Hilfe suchen, verzweifeln durch das Wirken von Arbeiterkind.de, der Unterstützung und den Informationen der Mentoren schließlich doch nicht am Studium. Und über der Betreuung Einzelner thront als größere Zielsetzung von ArbeiterKind.de auch immer die Erhöhung der sozialen Chancengleichheit in der deutschen Bildungslandschaft. Übrigens: Sich als Mentor oder Mentorin bei ArbeiterKind.de zu engagieren oder deren Hilfe zu suchen, ist offen für jeden. Auch für Nicht-Arbeiterkinder, von denen sich viele auch bereits bei ArbeiterKind.de engagieren.
Mehr Infos zu ArbeiterKind.de bekommt ihr unter www.arbeiterkind.de.
Dort findet ihr neben diversen Hilfestellungen und Serviceangeboten, auch alle Ortsgruppen mit ihren Sprechzeiten an Unis in Deutschland sowie Informationen dazu, wie ihr selber bei ArbeiterKind.de aktiv werden könnt.
Außerdem hat ArbeiterKind.de-Gründerin Katja Urbatsch ein Buch zum Thema verfasst: „Ausgebremst – warum das Recht auf Bildung nicht für alle gilt“ (Heyne, ISBN: 3453602145)









