Berufswahl: Ermitteln wie im "Tatort"

Jobs zwischen Polizeipräsidium und Anwaltskanzlei. Dazu: Interview mit TV-Gerichtsmediziner Joe Bausch

von Birk Grüling
Bild: ARD/SF DRS/ORF

Jeden Sonntag schauen wir den Kult-Ermittlern aus dem „Tatort“ bei der Arbeit zu. UNICUM verrät, was ihr für einen Job als Kommissar, Rechtsmediziner, Kriminalpsychologe oder Staatsanwalt mitbringen müsst.

Die Kriminalkommissare

Aufgaben: Beamte im gehobenen Kriminaldienst arbeiten in allen Dezernaten von der Mordkommission bis zum organisierten Verbrechen.
Voraussetzung: Abitur oder eine Fachhochschulreife mit einem Notendurchschnitt von mindestens 3,0 sowie gute Englischkenntnisse (Level B1) sind erforderlich. Die Altersgrenze liegt bei 33 Jahren und es gilt eine Mindestgröße von 166 cm (Männer) und 162 cm (Frauen). Außerdem wird die gesundheitliche und charakterliche Tauglichkeit geprüft, beispielsweise durch einen Sporttest und Einzelinterviews.
Ausbildung: Fachhochschulstudium zur Kriminalkommissarin/zum Kriminalkommissar mit Abschluss „Bachelor of Arts“. Das sechssemestrige Studium umfasst sowohl Berufspraktika in Polizeidienststellen als auch eine theoretische Ausbildung.
Jobchancen/Bedarf: Auf 40 bis 70 Plätze kommen pro Jahr rund 4 000 Bewerbungen. Für Absolventen sind die Karriereaussichten dafür sehr gut.
Falsches Tatort-Klischee: Ein neuer Schimanski ist bei der Polizei fehl am Platz. Vielmehr sind Teamplayer mit psychologischem Fingerspitzengefühl gefragt.

Der Staatsanwalt

Aufgaben: Staatsanwälte sorgen dafür, dass Straftaten entsprechend verfolgt werden. Sie leiten die Ermittlungsverfahren und treten nach Abschluss der Ermittlungen auch als Ankläger vor Gericht auf.
Voraussetzung/Ausbildung: Für die Arbeit als Staatsanwalt muss man sowohl das erste als auch das zweite juristische Staatsexamen mit guten Noten bestanden haben. Außerdem ist noch eine drei- bis fünfjährige Probezeit im staatsanwaltschaftlichen Dienst nötig. Nach entsprechender Eignung wird man dann zum Staatsanwalt auf Lebenszeit ernannt.
Ausbildung: Für die spätere Arbeit als Staatsanwalt ist eine Spezialisierung auf Strafrecht schon im Studium durchaus sinnvoll.
Jobchancen: Die Zahl der Straftaten ist in den letzten Jahren gestiegen. Die Staatsanwaltschaft kann sich deshalb über zu wenig Arbeit nicht beschweren. Allerdings bedeutet das nicht unbedingt mehr Stellen, sondern eher mehr Arbeitsbelastung.
Falsches Tatort-Klischee: Die Berufsrealität ist deutlich stressiger. Häufig gilt es mehrere Fälle gleichzeitig abzuarbeiten und auch Arbeit am Wochenende ist keine Seltenheit.

Der Rechtspsychologe

Aufgaben: Rechtspsychologen erstellen Gutachten über die Glaubwürdigkeit von Zeugen, beraten Familiengerichte und analysieren die Bedingungen für kriminelles Verhalten. Außerdem können sie in der psychologischen Betreuung innerhalb der Justiz sowie der Aus- und Weiterbildung von Polizisten arbeiten.
Voraussetzung: Neben einem abgeschlossenen Psychologiestudium wird meist eine entsprechende Fortbildung zum Rechtspsychologen gefordert.
Ausbildung: Die Fortbildung im Bereich Rechtspsychologie erfolgt über die Deutsche Psychologen Akademie und dauert berufsbegleitend knapp fünf Jahre. In dieser Zeit müssen nicht nur regelmäßig Fortbildungen besucht werden, sondern es besteht auch die Pflicht, reale juristische Fälle zu bearbeiten.
Jobchancen/Bedarf: Die Stellensituation ist schwer einzuschätzen, da viele der eingesetzten Psychologen nur zeitweise als Gutachter hinzugezogen werden. 
Falsches Tatort-Klischee: Das Profiling von Tätern oder gar Serienkillern wie in US-Serien ist eher selten. Reine Profiling-Experten gibt es in Deutschland nur wenige.

Der Rechtsmediziner

Aufgaben: Auf der einen Seite steht die gerichtlich angeordnete Obduktion zur Klärung von Todesumständen oder die Identifizierung von Leichen. Auf der anderen die Untersuchung von lebenden Personen nach Unfällen oder Straftaten, zum Beispiel beim Verdacht auf medizinische Kunstfehler.
Voraussetzung: Notwendig für die Facharztweiterbildung ist die Approbation als Arzt.
Ausbildung: Die Weiterbildung zum Facharzt für Rechtsmedizin dauert fünf Jahre. Inhalte der Ausbildung sind dabei zum Beispiel die Durchführungen von Obduktionen und die Auswertung von Spuren und Gewebeproben.
Jobchancen/Bedarf: Die Rechtsmediziner arbeiten hauptsächlich auf richterliche Anordnung und sind deshalb auch von den umfangreichen Sparmaßnahmen im öffentlichen Dienst betroffen.
Falsches Tatort-Klischee: Beim Tatort werden Rechtsmediziner häufig als Pathologen bezeichnet. In der Realität gibt es da einen klaren Unterschied. Pathologen obduzieren zwar auch, aber nur Rechtsmediziner dürfen im Rahmen von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft hinzugezogen werden.


UNICUM trifft: Joe Bausch

Joe Bausch | Foto: Martin Steffen

Joe Bausch gibt im Kölner Tatort den mürrischen Gerichtsmediziner. Im „richtigen“ Leben ist er seit knapp 25 Jahren Arzt in der Justizvollzugsanstalt Werl. Von dem Alltag dort erzählt sein gerade erschienenes Buch „Knast“.

Welche Eigenschaften haben ein Gefängnisarzt und ein Schauspieler gemeinsam?
In beiden Berufen spielt das Beobachten eine große Rolle. Der Mediziner muss beobachten, um Diagnosen zu stellen, und der Schauspieler muss beobachten, um sich in eine Rolle hineinzufinden. Deshalb würde ich auch sagen, dass der eine Berufe vom anderen profitiert. Nicht umsonst gibt es so viele Ärzte, die auch Schauspieler sind, wie zum Beispiel Maria Furtwängler oder Christiane Paul.

Warum hat der Knast eigentlich im Fernsehen so einen romantischen Touch?
Ganz einfach, niemand würde sich einen Film ansehen, in dem nur Bestien und Langweiler vorkommen. Für die filmische Darstellung des Gefängnisses braucht man einen Helden, der nicht ganz schuldig ist, und klare Feindbilder, wie sadistische Wärter. Nur so bleibt der Zuschauer auf der Seite der Hauptperson.

Die Realität sieht aber ganz anders aus!?
Natürlich! Die Häftlinge bewegen sich auf einem Gelände, das kaum größer ist als ein Fußballplatz. Das Leben hier ist unerträglich langweilig und wenig romantisch. Die Figuren aus dem Fernsehen gibt es im Gefängnis sehr selten und edle Verbrecher schon gar nicht. Deshalb war auch ein Anliegen meines Buches, den Vorhang ein wenig zu heben und einen Einblick in die Realität hinter Gittern zu geben. 

Wie oft werden Sie eigentlich von Ihren Kollegen beim Tatort nach Ihrer Expertenmeinung gefragt?
Mich rufen wirklich immer wieder Kollegen an und wollen Tipps für eine Rolle oder ein Drehbuch. Für eine Filmrecherche öffnen ja Gefängnisse nicht einfach ihre Tore. Da braucht es schon Leute, die einen von dieser Atmosphäre erzählen und vielleicht sogar Hinweise geben können, welche Szenen sich gut darstellen lassen.

Können Sie beim Tatortdreh dieses Insiderwissen abschalten?
Nein, ich kann völlig abschalten. Themen wie Knast oder Gerichtsmedizin lassen sich einfach nur schlecht in einem TV-Krimi realistisch darstellen. Ein Testergebnis liegt beim Tatort nach wenigen Minuten vor und in der Realität braucht es dafür Wochen. Aber wenn ich mich darüber aufregen würde, wäre die ganze Freude an einem guten Krimi dahin. Darum trenne ich klar und bleibe ein großer Fan der gepflegten Sonntagabendunterhaltung.

Schaut man im Gefängnis auch den Tatort?
Ja, sicher (lacht). Jeder hat einen Fernseher, entsprechend viele schauen auch den Tatort und diskutieren darüber. Im Knast werden übrigens sehr viele Krimis gelesen. Kriminelle interessieren sich sehr für diese Geschichten und sind ja auch in einem gewissen Maße Spezialisten.

Joe Bausch Buch "Knast" ist am 15.03.12 im Ullstein Verlag erschienen (ca. 280 Seiten, 19,99 €)

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