Karriere im Schiffbau

Mit allen Wassern gewaschen

von Andreas Monning
"Disney Fantasy" in der Baudockhalle
Foto: Meyer Werft

Der Schiffbau gilt nicht unbedingt als Boombranche. Abwechslungsreiche Jobs bietet er allemal. Neue Kreuzfahrlinien sowie der Bedarf an Spezialschiffen zur Errichtung von Offshore-Windparks und Arbeitsplattformen für Einsätze auf hoher See sorgen aktuell für Aufwind. Ein Blick hinter die Kulissen.

Als Tim Krug sich nach der Schule für ein Studium in Schiffbau und Meerestechnik entschied, motivierte ihn vor allem seine starke Verbundenheit zur See. Dass der Kieler als Schiffbauingenieur später hervorragende Berufsaussichten haben würde, war ihm damals nicht bewusst. Doch schon während des Studiums interessierte sich die Meyer Werft für ihn, lud ihn ein, in Papenburg sein Praxissemester zu absolvieren, und unterstützte ihn anschließend bei seiner Diplomarbeit. 

Heute ist der 28-Jährige fest als „Head of Design Group“ engagiert. Mit seinen Entwürfen trug er unter anderem zum Luxusliner „Disney Fantasy“ bei, einem Kreuzfahrtschiff der Extraklasse, das vor kurzem seinem amerikanischen Reeder übergeben wurde.

Bei jedem Neuauftrag arbeitet Tim Krug sich von ersten Skizzen schrittweise durch alle Teile eines Schiffes vor, gestaltet die öffentlichen Bereiche vom Restaurantkonzept über die Kabinen- und Treppenhausanordnung bis zu Entertainment-Elementen und legt Tankanordnung, Maschinenräume und Müllverbrennungsbereiche fest. 

Arbeitsfelder für angehende Schiffbauingenieure

Doch nicht nur Werften wie die Papenburger Technologieschmiede beschäftigen junge Schiffbauingenieure, insbesondere auch Klassifikationsgesellschaften, Schiffbauversuchsanstalten, Reedereien sowie die Zulieferindustrie melden Bedarf an talentiertem Nachwuchs.

Bei Siemens zum Beispiel, einem der größten Zulieferer der Schiffbauindustrie, der über seine Tochterfirma Siemens Marine Solutions vor allem elektronische Komponenten wie dieselelektrische Antriebe oder Automationskonzepte beisteuert, ist man auf Schiffbau-Know-how angewiesen.

In erster Linie noch als Zusatzqualifikation für Ingenieure des Schwerpunktes Elektrotechnik. Da sich das Unternehmen jedoch zunehmend auch beim Bau von Offshore-Windparks engagiert, die für die Leitung der Energie an Land gigantische Trafostationen auf hoher See benötigen, werden in Zukunft vermehrt Schiffbauingenieure zum Einsatz kommen. „Bevorzugt solche mit Bezug zu Elektrotechnik“, sagt Lars Kläschen, Sprecher von Siemens-Nord.

Gute Aussichten für Absolventen

Auch wenn der Schiffbau bei weitem keine Boombranche ist – an gut ausgebildeten Nachwuchskräften herrscht auch hier ein Mangel. Aktuell würden Jahr für Jahr rund 130 neue Schiffbauingenieure gebraucht, vermeldet der Verband für Schiffbau und Meerestechnik (VSM). „Im Schnitt verließen in den letzten Jahren jährlich aber nur etwa 70 Absolventen die sechs schiffstechnischen Hochschulen“, bedauert VSM-Hauptgeschäftsführer Werner Lundt. Mittlerweile habe sich die Zahl immerhin auf 90 pro Jahr verbessert. 

Was schlecht ist für die Industrie, ist zumindest für die Absolventen von Vorteil: Die Aussicht, im Schiffbau einen Job zu finden, ist mehr als gut, auf eine Anstellung müssen Einsteiger in der Regel nicht lange warten

Belebung erfährt der Schiffbaumarkt zudem durch immer neue Projekte im Bereich Offshore- und Nearshore-Aktivitäten zur Öl- und Gasförderung. Und auch der rasante Ausbau von Windparks, die in immer größerem Abstand zur Küste entstehen, trägt seinen Teil zur Nachfrage bei.

"Disney Fantasy" beim Ausdocken
Foto: Meyer Werft

Ob besonders tragfähige Materialtransporterschiffe, Kabellegerschiffe oder neuerdings auch Errichterschiffe für Windkraftanlagen: Die Palette an Spezialschiffen für besondere Aufgaben ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. 

Hiervon profitieren insbesondere deutsche Werften, die den Massenmarkt für „Schiffe von der Stange“ schon vor Jahren an asiatische Konzerne aus China, Korea und Japan abgeben mussten. Durch Spezialisierung auf maßgeschneiderte Lösungen haben sie sich ein neues Standbein geschaffen.

Luxus-Yachten, Lotsen, Marineschiffe und Offshore-Windpark-Tender

Auch Oliver Winkelmann hat seinen Arbeitsplatz im Spezialschiffbau gefunden. Der 28-jährige Schiffbauingenieur ist bei der vor den Toren Bremens gelegenen Werft Abeking und Rasmussen beschäftigt. Neben privaten Luxus-Yachten laufen hier vor allem Lotsen, Marineschiffe und Offshore-Windpark-Tender, so genannte „Crew Transfer Vessels“, vom Stapel. 

Winkelmann, der zunächst eine Ausbildung zum Konstruktionsmechaniker der Fachrichtung Metall- und Schiffbautechnik absolvierte und erst nach einigen Jahren Berufspraxis an der Hochschule Bremen seinen Bachelor of Engineering im Studiengang Schiffbau und Meerestechnik machte, ist beim Entwurf neuer Schiffe vor allem für die Auslegung der Schiffsstruktur zuständig. 

„Ich sorge dafür, dass die technischen Richtlinien der Klassifikationsgesellschaften, also des ‚Schiffs-TÜVs‘, eingehalten werden“, erklärt der Ingenieur. Die größten Herausforderungen warten dabei im Yachtbau: Hat der Auftraggeber Änderungswünsche, die sich auf die gesamte Struktur auswirken, sind neue Berechnungen und neue Klassepläne fällig. 

Während die Passagiere auf Oliver Winkelmanns Crew-Transportern ihrem Arbeitseinsatz entgegenschippern, können sich die Reisenden auf Tim Krugs Luxuslinern vom Arbeitsalltag erholen. Ob Wildwasserbahnen, Wasserrutschen, Echtrasen, Bowling- oder Eislaufbahnen: Zum Entspannungsangebot trägt der Schiffbauingenieur mit immer neuen Einfällen bei. 

Normalerweise sitzt der 28-Jährige hierzu im Büro am Computer. Um sein Gefühl für Passagierbedürfnisse wachzuhalten, unternimmt er fünf- bis sechsmal pro Jahr aber auch kurze Fahrten auf Kreuzfahrtschiffen. Allerdings nicht wie die anderen Fahrgäste, um sich zu erholen, sondern um zu untersuchen, welche Bereiche und Konzepte eines Schiffes gut funktionieren und welche noch weiter optimiert werden können.


Der Deutsche Schiffbau in Zahlen und Fakten

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