Lehrer werden? - Teil 2

von Anna Giordano, Marie-Charlotte Maas, Jan Thiemann und Jens Wiesner
Lehrer werden? | Foto: Thinkstock
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Schlechtes Image, hohe Burnout-Raten, viele Ferien und das Beamtenprivileg. So weit die Vorurteile. Doch wie sieht der Markt, der Arbeitsalltag und die Bezahlung für junge Lehrer wirklich aus?

Der Verdienst

Seit der Föderalismusreform legen die Bundesländer die Lehrergehälter an staatlichen Schulen fest, mit Ausnahme der Schweiz ein einzigartiges Modell in Europa. Da auch noch bei kirchlichen oder privaten Trägern unterschiedlich vergütet wird, ergibt sich eine entsprechend große Gehaltsspanne. 

Laut einer EU-Vergleichsstudie von 2011 verdient ein Grundschullehrer ja nach Berufsalter zwischen 38.200 und 51.400 Euro jährlich. Pädagogen für die Mittelstufe kommen auf42.000 bis 57.900 Euro, in der Oberstufe sind es zwischen 45.400 bis 64.000 Euro. Damit liegt Deutschland im oberen Drittel, lediglich in Luxemburg und Liechtenstein wird besser verdient. 

Grundsätzlich scheint der Faktor„Gehalt“ nur eine untergeordnete Rolle bei der Berufswahl zu spielen, auf die besser honorierten Rektorenstellen spekuliert laut einer aktuellen Allensbach-Umfrage nur jeder fünfte Lehrer. Unterschiede beim Gehalt ergeben sich aber auch aus dem Berufsstatus, so bleibt angestellten Lehrern bei gleichem Gehalt weniger Netto vom Brutto als verbeamteten Lehrern. Grund sind die Abzüge für die gesetzliche Rentenversicherung, die bei Beamten durch die spätere Pension aus der Landeskasse nicht anfällt.

Der Beamtenstatus

Umfrage zum Beamtenstatus von Lehrern

Dass gerade den jungen Lehrern die Verbeamtung wichtig ist, leugnen sie gar nicht. Zwei Dritteln ist der Status Beamter wichtig oder sehr wichtig. Warum eigentlich? Beamte müssen keine Kündigung fürchten, bekommen im Krankheitsfall ihr volles Gehalt und eine sichere Pension aus der Landeskasse. 

Simon Deventer ist frisch gebackener Referendar in Jülich. Seit dem 1. Mai unterrichtet er als Lehramtsanwärter Latein und Geschichte. Der 28-Jährige ist sich bei seinen Kommilitonen sicher, „dass viele an die Vorteile einer Beamtenpension denken“, und ergänzt direkt, „aber die Außenwirkung des Wortes ist meist größer als das, was tatsächlich dahintersteckt“. 

Was davor steht, ist allerdings erst einmal eine große Hürde. Denn längst nicht in jedem Bundesland wird automatisch verbeamtet, gerade finanziell klamme Stadtstaaten wie Berlin oder Bremen scheuen die teuren Staatsdiener und vergeben lieber Angestelltenverträge. Hinzu kommt eine Gesundheitsprüfung, die am Ende des Referendariats für so manche Extraschicht im Fitnessstudio sorgt, schließlich sind nicht nur psychische oder körperliche Probleme, sondern auch ein BMI-Wert vonüber 25 K.-o.-Kriterien für eine Verbeamtung.

Doch der vermeintliche Traumstatus hat auch Schattenseiten. Die Standortsicherheit kann schnell zum Bumerang werden, weiß Simon Deventer. „Schon dein erster Posten bindet dich für mehrere Jahre, das ist ja auch klar, wenn man bedenkt, dass Klassen ihre Lehrer nicht ständig wechseln können.“ Auch das Streiken für bessere Gehalts- oder Arbeitsbedingungenist ihnen untersagt.

Die Arbeitsbelastung

Vormittags haben sie recht und nachmittags frei, so weit das beliebte Lehrerklischee. Ein Gymnasiallehrer mit den Fächern Deutsch und Englisch verbringt im Schnitt pro Jahr etwa 1.000 Stunden allein mit den Korrekturen von Klausuren, Vokabeltests oder Aufsätzen. Bei diesen 1.000 Stunden hat er noch keine einzige Stunde gehalten oder vorbereitet, Kollegen vertreten, Elternabende oder Konferenzen abgehalten. 

Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Arbeitnehmer verbringt rund 1.800 Stunden im Job. Zudem ist im Job jederzeit volle Konzentration gefragt. Das hat Referendar Simon Deventer bereits festgestellt: „Die große Herausforderung ist, sich innerhalb eines Schultags auf ganz unterschiedliche Klassen- und Schülertypen inklusive ihrer ‚Tagesform‘ einzustellen.“

Mediziner Vogt ergänzt: „Viele Lehrer machen sich nicht bewusst, dass man in diesem Beruf immer auf dem Präsentierteller steht. Denn die Klassen spiegeln einfach gnadenlos die Persönlichkeit des Lehrers zurück. Das ist auf Dauer sehr anstrengend.“ Hinzu kommen der ständige Druck von Schülern, Kollegen, Eltern und Vorgaben der jeweiligen Kultusbehörden, was Lehrstoff und Umfang angeht.

„Man nimmt den Beruf natürlich auch mit nach Hause. Man muss schon darauf achten, dass man irgendwann sagt, jetzt ist auch Schluss“ | Stephan Serin

Druck, den man nach Möglichkeit beim Verlassen des Schulgeländes hinter sich lassen sollte, empfiehlt der Berliner Autor und Lehrer Stephan Serin: „Man nimmt den Beruf natürlich auch mit nach Hause. Man muss schon darauf achten, dass man irgendwann sagt, jetzt ist auch Schluss“. Wenige Lehrer schaffen den Spagat, nicht selten ist bereits das Referendariat die Nagelprobe für so manche Beziehung.

Und dennoch – trotz aller Klischees, besonderen Arbeitsbedingungen und Belastungen, glücklich sind sie alle mit ihrer Berufswahl. Simon Deventer, der Referendar, der ganz ohne Pathos sagt: „Was gibt es Größeres und Wichtigeres, als Kinder und Jugendliche zu unterstützen, sich Dinge anzueignen, die sie in ihrem späteren Leben gut gebrauchenkönnen?“ 

Marco Otto, der Lehrer, den seine Schüler in Marburg „King Otto“ rufen und der seine Schule von beiden Seiten des Pultes kennt. Josef Kraus, der Schulleiter, der noch beim Abiball versucht, seine scheidenden Schüler für seinen Beruf zu begeistern. Oder Stephan Serin. Der Autor hat sein Glück als Lehrer an einer Gesamtschule in Brandenburg gefunden, trotz nur durchschnittlicher Abschlussnote und Fächerkombination. Und verbeamtet wird er demnächst auch.


Kurz und Kompakt

  • Aktuell gibt es in Deutschland rund 800.000 Lehrer.
  • Experten rechnen mit 250.000 Stellen,die durch Pensionierung bis 2020 frei werden.
  • Die besten Jobchancen haben aktuell Pädagogen mit den Fächern Mathe, Physik, Informatik und Latein.

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