Geschichte

von Merel Neuheuser

Dem Geschichtsstudenten eilt der Ruf voraus, seine Leidenschaft fürs Fach sei manchmal etwas übereifrig. Dazu eine Anekdote: Einmal in einer Vorlesung zum Thema „Das Kriegswesen im Mittelalter“. Der Dozent fragt: „Wer von euch hat denn ein eigenes Kettenhemd?“. Folglich streckt etwa die Hälfte der Kursbesucher die Hände in die Höh. Soviel zum Quäntchen Wahrheit am Klischee „der Geschichtsstudent trägt am liebsten Omas Grobstrick oder trinkt aus Kelchen Met“. (Für alle Geschichtsneulinge: Das ist ein mittelalterlicher Honigwein). Wenn ihr euch wiedererkennt: Geschichte ist genau das richtige für euch. Gehört ihr nicht zu der Truppe: Auch nicht schlimm, denn mindestens 70 Prozent der Studis sehen genauso aus wie alle anderen.

Beschreibung und Inhalte

Im Bachelor werdet ihr nicht drum herum kommen, historisches Wissen aller Epochen zu lernen. Jede Uni unterteilt die Zeit unser Vorvorfahren bis zur Gegenwart anders. Klare Epochengrenzen lassen sich nicht ziehen, daher wird im Studium häufig unterschieden zwischen:

- Altertum/Alte Geschichte. Inhalte sind zum Beispiel: Rom und Karthago, Der Peleponnesische Krieg, Athen und Sparta, Tyrannis und Demokratie oder Rom und die Germanen.
- Mittelalter. Inhalte sind zum Beispiel: Das römisch-deutsche Kaiserreich mit Kaisern wie Karl der Große oder Barbarossa, Kreuzzüge, Rittertum, Auseinandersetzungen zwischen Kaiser und Pabst, Leben im Mittelalter, Lehnswesen.
- Frühe Neuzeit (manche Universitäten verteilen diesen Punkt in Mittelalter und Neueste Geschichte). Inhalte sind zum Beispiel: Luther und die Reformation, Inquisition, der Dreißigjährige Krieg, Renaissance oder die Französische Revolution.
- Neueste Geschichte/ Moderne. Inhalte sind zum Beispiel: Die Industrialisierung, Erster Weltkrieg, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg, Nachkriegszeit oder die DDR.

In der Regel müssen alle Bereiche im Bachelor zu fast gleichen Anteilen studiert werden. Trotzdem sind fachliche Vertiefungen in Wahlpflichtbereichen möglich. Erst im Master könnt ihr euch dann aber vollends auf eine Epoche oder eine Richtung festlegen.

Das Geschichtsstudium ist sehr facettenreich. Und spannend. Geschichte besteht wörtlich aus vielen Geschichten (zum Beispiel der Gang nach Canosssa oder die Alpenüberquerung Hannibals). Damit ist das Studium sehr anschaulich und greifbar. Häufig werden Romane, Filme oder Theaterstücke in die Veranstaltungen eingebunden, was das Studieren noch attraktiver macht. Allerdings ist „Geschichte“ nicht so konkret, wie beispielsweise BWL und ragt in fast alle Bereiche hinein. Ihr werdet streckenweise das Gefühl haben, in einer Politik-, einer Literatur- oder gar einer Kunstvorlesung zu sitzen. Das ermöglicht aber häufig auch, die eigenen Interessen stärker ins Studium einzubringen. Da Geschichte überall um uns herum zu erleben ist, sind Exkursionen ein fester Bestandteil des Studiums. Das kann ein archäologischer Trip in die Türkei sein, ein Besuch in die Römerstadt Xanten, der Wartburg oder von Gestapo-Kellern.

Das Wissen kommt nicht allein aus Geschichtsbüchern. Um die Arbeit mit historischen Quellen kommt ihr daher nicht herum. Dazu zählen unter anderem antike Inschriften, Münzen, Kunst, Architektur, zeitgenössische Texte (Briefe, Reden, Dichtkunst, Augenzeugenberichte, Theaterstücke, Biografien, o.ä.), Zeitungsberichte und vieles mehr. Natürlich ist auch das Entziffern und Interpretieren von Quellen ein Handwerk, das euch beigebracht wird und manchmal sehr nervenaufreibend sein kann. Viele Quellen existieren nur auf Latein, Altgriechisch oder anderen Sprachen. Manche sind extrem parteiisch oder ideologisch geprägt. Seid ihr praktisches recherchieren mit dem Internet und Wikipedia gewohnt (bloß keine Sprüche wie „bei Wikipedia stand aber...“!!), dann erwarten euch neue Erfahrungen wie Fleißarbeit in Archiven oder Bibliografien.

Vorkenntnisse

Ihr müsst keine Profis sein, solltet im Geschichtsunterricht aber immer gut aufgepasst haben. Dabei geht es weniger um Detailwissen als eher um ein Basisverständnis von Epochen. Das ist wichtig, damit neues Wissen direkt anknüpfen kann und nicht zusammenhangslos bleibt. Sonst reicht es völlig, wenn ihr euch zum Beginn einer Veranstaltung nochmals eine Übersicht über das Thema verschafft. Seid euch sicher – ihr werdet im Studium nicht nur Asterix und „Das Tagebuch der Anne Frank“ bearbeiten, sondern mit vielen und langen wissenschaftlichen Texten zu tun haben. Daher solltet ihr gut mit komplexen Texten zurechtkommen.

Weiter gibt es einige sprachliche Vorkenntnisse, die dringend erforderlich sind. Ihr solltet grundsätzlich kein Problem mit englischen Texten haben. Die meisten Unis fordern schon für den Bachelor den Nachweis von mindestens drei Jahren Englischunterricht in der Schule und häufig auch einer weiteren modernen Fremdsprache. Manchmal ist sogar schon für den Bachelor das Latinum Pflicht. Dieses kann aber in vielen Fällen auch während des Studiums durch Crashkurse nachgeholt werden. Informiert euch rechtzeitig, welche Uni welche Voraussetzungen fordert.

Studiengang

Der Großteil der deutschen Universitäten bietet Geschichte als 2-Fach Bachelor und verschiedene Mastervarianten an. Auch hier ist die Aufteilung zwischen einem fachwissenschaftlichen Master und einem Lehrermaster gegeben. Häufig ist der Bachelor polyvalent angelegt, das heißt, dass er berufsqualifizierend ist und zeitgleich den Zugang zu einem Masterstudium eröffnet. Die Entscheidung, ob ihr Lehrer werden wollt, oder nicht, müsst ihr zwar im Großen erst nach dem Bachelor treffen, aber so ganz befreit von der Überlegung seid ihr vorher nicht unbedingt. Meist stehen erste Lehramts-Praktika nämlich schon im Bachelor an.
Geschichte gehört nicht zu den Fächern mit den schärfsten NC-Hürden. Ein Einser-Abi braucht ihr in der Regel nicht, manchmal ist der Studiengang auch zulassungsfrei. Natürlich variiert das aber auch stark je nach Hochschule und Andrang.
Habt ihr euch für das Studium entschieden, könnt ihr damit rechnen, dass ihr es auch in der Regelstudienzeit schafft – wenn ihr denn auch fleißig studiert. Sechs Semester im Bachelor sind die Regel und vier im Master. Die meisten Universitäten bieten das Geschichtsstudium jeweils zum Beginn des Wintersemesters an.

Zahlen

Es gibt knapp mehr männliche Geschichtsstudenten als weibliche. Über 16 000 Studentinnen sind deutschlandweit eingeschrieben und über 20 000 männliche Kommilitonen.

Berufsaussichten

Der Großteil der Geschichtsstudenten geht in die Lehre. Mit einem Geschichtsstudium könnt ihr aber auch eine wissenschaftliche Laufbahn an der Hochschule anstreben oder bei Forschungsinstituten Arbeit finden.

Studiert ihr Geschichte auf Lehramt, solltet ihr euch das zweite (oder dritte) Fach gut überlegen. Mit einer Kombination wie Deutsch/Geschichte werdet ihr es schwerer haben, eine Anstellung zu finden, da es genügend Bewerber mit diesen Kombinationen und weniger Nachfrage in den Fächern gibt. Eine Kombination mit gefragten Fächern wie Latein ist also klug.

Absolventen des Studiengangs Geschichte kommen in vielen beruflichen Bereichen unter. Typische Stellen sind etwa Museen, Archive oder in Bereichen wie Denkmalschutz bei der Stadt. Viele Historiker arbeiten später branchenübergreifend, bringen ihr Wissen also in anderen Bereichen an den Mann. Dazu zählen vor allem Jobs im Bereich Medien oder Kultur.

Dazu muss allerdings gesagt werden, dass Geschichte nicht unbedingt zu den Fächern mit hervorragenden Berufsaussichten gehört. Bemüht ihr euch, müsst ihr sicher nicht Taxi fahren, aber Stellen finden sich nicht gerade wie Sand am Meer. Daher ist eine frühzeitige Kontaktpflege durch Praktika oder ähnliches sehr sinnvoll, genauso wie das Herausarbeiten eigener „Steckenpferde“.

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