Linguistik

von Martin Przegendza

„Man kann nicht nicht kommunizieren“, sagte einst der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick. Mimik ist Sprache, Gestik ist Sprache und verbale Kommunikation ist Sprache.

Beschreibung und Inhalte

Doch kaum einer macht sich Gedanken über den Sprechakt und seine Hintergründe. Klingt spannend? Dann ist vielleicht Linguistik, auch Sprachwissenschaft genannt, etwas für euch. Ihr erforscht die Sprache als System und analysiert ihre Bestandteile, Einheiten und Bedeutungen.

Die Sprachwissenschaft gliedert sich in die drei großen Teilgebiete:

  • Allgemeine Sprachwissenschaft (Inhalte: allgemeine Merkmale aller Sprachen, Semantik, Syntax, Morphologie, Phonologie, Phonetik, Pragmatik)
  • Angewandte Sprachwissenschaft (Inhalte: Sprache in der Umwelt, Spracherkennung, klinische Linguistik)
  • Historische Linguistik (Inhalte: Sprachgeschichte, Sprachwandel, welche Sprachen gehen auf eine gemeinsame Ursprache zurück)

Alle Teilgebiete haben einen stark analytischen Ansatz. Sprachwissenschaft ist ein interdisziplinäres Fach und eng mit der Mathematik verwandt. Im Bachelorstudium dreht sich in den ersten beiden Semestern in allen Teilgebieten alles um die allgemeine Sprachwissenschaft. Ihr lernt Grammatik und Grammatikmuster, Grundlagen der Kernbereiche Syntax (Satzbaulehre), Phonologie (Lautlehre) und der Semantik (Bedeutungslehre). Erst danach beginnt eure Spezialisierung. Es kommen Informatikkurse (Computerlinguistik) oder Psychologiekurse (klinische Linguistik) hinzu. Es gibt aber auch die Möglichkeit, sich in forensischer Linguistik zu spezialisieren. Dort lernt ihr à la CSI Schriftstücke und Tonaufnahmen nach linguistischem Muster auf Echtheit zu analysieren.

Wie in den meisten Geisteswissenschaften, solltet ihr bereits im Rahmen eures Studiums erste Berufserfahrung sammeln. Praktika in Verlagen und Medienunternehmen bieten sich unter anderem an. Je nach Schwerpunkt kommen aber auch Kliniken, Softwareunternehmen oder gar die Polizei bzw. das Bundeskriminalamt infrage.

Bevor es aber überhaupt soweit kommt, muss die Hürde NC übersprungen werden. Die liegt bundesweit zwischen 1,9 und 2,7, wobei einige Hochschulen auch alle Bewerber zugelassen haben.

Eine Übersicht über den aktuellen NC für Linguistik findet ihr hier:
www.nc-werte.info

Vorkenntnisse

Linguistik ist ein sehr spezielles Fach. Ihr beschäftigt euch mit etwas, das für die meisten Menschen selbstverständlich ist: Sprache. Demnach solltet ihr ein gesundes Interesse für Sprache im Allgemeinen mitbringen. Dazu gehört auch ein gutes Grammatikverständnis. Begriffe wie Präposition, Adverbialphrase oder Konditionalsatz sollten euch nicht abschrecken.

Auch wenn es Sprachwissenschaft heißt, kommt ihr um Mathe nicht rum. Ihr werdet ständig damit konfrontiert, eine definierte Menge (Grammatik) mit einer anderen zu vergleichen und die Schnittmenge zu analysieren. Dazu braucht ihr ein gutes Verständnis in theoretischer Mathematik, das euch in einem Logik-Kurs beigebracht wird.

Wie in den Geisteswissenschaften üblich, solltet ihr zudem ein Interesse am wissenschaftlichen Arbeiten mitbringen. Ihr werdet im Verlauf eures Studiums viele Hausarbeiten über teils „trockene“ Themen verfassen und Vorträge halten müssen. Gute rhetorische und didaktische Kenntnisse sind, wie in den meisten geisteswissenschaftlichen Fächern, von Vorteil.

Studiengang

Linguistik wird an vielen Hochschulen in den unterschiedlichsten Formen gelehrt. Teils als 2-Fach-Bachelor (ihr wählt neben Linguistik noch ein zweites Fach, bspw. Anglistik), teils als reguläres Bachelorstudium, teils aufgelöst in Studiengängen wie Sprache und Kommunikation.
www.uni-marburg.de

Da Linguistik ein interdisziplinärer Studiengang ist, habt ihr nach dem Bachelor die Möglichkeit, eine Vielzahl von Masterstudiengängen zu studieren. Euer weiterer Studienweg hängt dabei maßgeblich  von eurem gewählten Schwerpunkt ab. So könnt ihr zwischen Informatik, Anglistik oder einem vertiefenden Master in Linguistik wählen.

Gerade das Feld der Angewandten Sprachwissenschaft ist sehr breit gefächert. Sollte euch die Sprachtherapie (Logopädie) interessieren, dürfte der Bachelorstudiengang Patholinguistik der Uni Potsdam etwas für euch sein. www.ling.uni-potsdam.de

Habt ihr ein Faible für Informatik, kommt Computerlinguistik für euch infrage. Psycho- und Neurolinguistik hingegen sind eher medizinisch orientiert. Hier untersucht ihr die Vorgänge im Gehirn während des Spracherwerbs oder bei Sprachstörungen.
Das Studium der forensischen Linguistik gibt euch die Möglichkeit, auf Verbrecherjagd zu gehen. www.uni-frankfurt.de

Die Soziolinguistik hingegen ist eng mit den Sozialwissenschaften verknüpft und beschäftigt sich mit dem Einfluss der Gesellschaft und Kultur auf Sprache.
Die Sprachwissenschaftlichen Fakultäten sind meist recht klein. Ein Jahrgang besteht häufig aus nicht mehr als 50 Studenten. Das heißt im Umkehrschluss, dass die Betreuung durch das Lehrpersonal recht gut ist. Endlose Sprechstundenlisten und überfüllte Seminare sind eher die Ausnahme. Bei integrativen Studiengängen (sprich: Linguisten besuchen auch Kurse anderer Fakultäten) kann es aber durchaus vorkommen, dass es im Hörsaal mal enger wird.

Übrigens: Immer weniger Hochschulen verlangen von ihren Bewerbern das Latinum oder Graecum.

Zahlen

Geisteswissenschaften sind primär eine Frauendomäne. Mehr als zwei Drittel der Studenten sind weiblich. Das gilt auch für Linguistik. Die Sprachwissenschaftlichen Institute und Fakultäten begrüßen pro Semester im Schnitt 50 neue Studenten. Je nach Kapazität erwartet die Bewerber ein örtlicher NC von 1,9 bis 2,7. Bei stark nachgefragten Spezialgebieten wie der forensischen Linguistik sind die Plätze noch rarer.

Aufgrund der ausgeprägten Interdisziplinarität lässt sich keine verlässliche Rangliste der besten Unis für Linguistik erstellen. Ihr solltet euch vor dem Studium Gedanken machen, welcher Bereich euch besonders interessiert (das gilt vor allem für die Angewandte Sprachwissenschaft). Informiert euch dann auf den Hompages der Fakultäten, ob eine Spezialisierung in eurem Wunschbereich an der jeweiligen Uni möglich ist. Allgemein betrachtet haben aber die Unis Bochum, Düsseldorf, Heidelberg, Marburg, Tübingen und Potsdam einen guten Ruf in Sachen Sprachwissenschaft.

Berufsaussichten

Die Berufsaussichten für Linguisten sind so vielfältig wie ihr Studium. Praktika und Arbeitserfahrung neben dem Studium vorausgesetzt, können Linguisten nach dem Bachelor im Medienbereich arbeiten (Journalismus, PR, Werbung). Je nach Schwerpunkt sind aber auch Software-Firmen, Kliniken und Forschungsinstitute oder polizeiliche Behörden mögliche Arbeitgeber. Patholinguisten können als Sprachtherapeuten arbeiten. Mit einem sprachwissenschaftlichen Abschluss könnt ihr aber auch als Kommunikationstrainer in der Wirtschaft arbeiten.

Gerade bei den stark spezialisierten Teilgebieten gilt allgemein, dass ihr euch nach dem Master ins Berufsleben stürzen solltet. Geht ihr nach dem Bachelor ab, solltet ihr schon während des Studiums praktische Erfahrungen in eurem Zielberuf gesammelt haben. Wie in den Geisteswissenschaften leider üblich, kann es jedoch sein, dass ihr ein Jahr nach dem Abschluss noch auf Jobsuche seid. Diese Zeit solltet ihr nach Möglichkeit mit weiteren Praktika füllen. Nach einem Jahr haben die meisten Absolventen aber eine Stelle gefunden.

Zum Abschluss noch ein kleiner Tipp an alle, die von Familie und Freunden mit der Frage genervt werden, was sie denn später mit Linguistik machen wollen. Zitiert einfach Goethes Maximen und Reflexionen: „Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen.“

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