UNICUM schaut: The King's Speech

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Von der Oscar®-Verleihung kann man halten was man will. Wenn ein Film diesen Preis aber in den Kategorien "Bester Film", "Beste Regie", "Bester Hauptdarsteller" und "Bestes Drehbuch" abräumt, dann macht das schon neugierig. Genau dieser Fall ist bei The King's Speech eingetreten. Das britische Historiendrama erhielt 2011 die Auszeichnung als bester Film. Ebenso siegten Regisseur Tom Hooper, Hauptdarsteller Colin Firth und Drehbuchautor David Seidler in ihren Kategorien. Am 2. September erscheint das preisgekrönte Werk in Deutschland auf DVD, Blu Ray sowie in einer Special Edition.
ARD-Adelsexperte Rolf Seelmann-Eggebert wurde einmal gefragt, welches Mitglied einer Königsfamilie er am liebsten wäre. Seine Antwort: der kleinere Bruder des Kronprinzen. Wichtig genug, aber nie so, um irgendwann mal die ganz große Verantwortung übernehmen zu müssen. Und: man hat ausgesorgt und kann sein Leben genießen. Stimmt. Heutzutage hat zum Beispiel Prinz Harry eine solche Rolle inne, und bekanntlich genießt der sein Leben manchmal zügellos.
Vielleicht hat sich vor 75 Jahren auch der britische Prinz Albert, seines Zeichens zweitältester Sohn des damaligen Königs George V., so etwas Ähnliches gedacht. Nicht, dass er ein "Party-Prinz" wie Harry gewesen wäre. Darüber, dass nicht er, sondern sein Bruder Edward einmal den Thron beerben wird, soll Albert allerdings nicht gerade unfroh gewesen sein. Bei ihm lag das auch weniger an mangelndem Pflichtbewusstsein, als an seiner Nervosität und dem Stottern bei öffentlichen Auftritten.
Genau dieses Problem Alberts (Colin Firth) wird in The King's Speech thematisiert. Nach vielen erfolglosen Versuchen das Stottern in den Griff zu kriegen, wendet sich seine Ehefrau Elizabeth (Helena Bonham Carter) an den etwas unkonventionellen Sprachtherapeuten Lionel Logue (Geoffrey Rush). Anfangs ist Logue Albert zwar nicht ganz geheuer, zumal dieser ihn für royale Verhältnisse viel zu intim "Bertie" nennt. Dann jedoch bricht das Eis zwischen den beiden und es zeigen sich erste Erfolge bei Alberts Aussprache.
König sein ist Drecksarbeit
Zwischen "Bertie" und Logue entwickelt sich schließlich eine durchaus enge Freundschaft. Für den Prinzen eine ganz neue Erfahrung, welche ihm auch hilft sich so manchen Frust seines Lebens von der Seele zu reden. Es ergeben sich jedoch zwei neue Probleme für Albert. Vater George stirbt und Bruder Edward (Guy Pearce) dankt nach kurzer Zeit als neuer König ab. Ihm ist seine, von der Familie wenig akzeptierte, Liebe zu der bürgerlichen US-Amerikanerin Wallis Simpson wichtiger als der Thron. Albert muss König werden. Problem Nummer zwei: Öffentliche Reden lassen sich jetzt nicht mehr vermeiden. Gemeinsam mit Lionel Logue arbeitet Albert also kräftig weiter an der Verbesserung seiner Sprache.
Dabei steht Albert, beziehungsweise von da an König George VI., seine größte Herausforderung noch bevor. Gerade drei Jahre im Amt, zwingt Hitlers Deutschland dem britischen Empire einen neuen Krieg auf. Die verunsicherte Nation will von ihrem König Rückhalt erfahren. Albert muss im Radio - dem neuen, "teuflischen" Medium - eine Rede ans Volk halten.
The King's Speech beruht auf wahren, historischen Tatsachen. König George VI. hat wirklich gestottert, war deshalb tatsächlich bei Lionel Logue in Behandlung und musste wirklich seine für die Briten so wichtige Kriegsrede halten. Lionel Logue, der 1944 aufgrund seiner Verdienste für den König zum Ritter geschlagen wurde, und George VI. verband bis zum Tod des Königs 1952 eine tiefe Freundschaft.
En détail wie im Film geschildert, mögen sich die Dialoge zwischen König George und Logue sowie dessen Therapiemaßnahmen (teilweise übrigens mit sehr derben Schimpfwörtern versehen) sicherlich nicht abgespielt haben. Doch gerade in der Kreativität des Drehbuchs von David Seidler liegt die große Stärke des Films. Ein eigentliches Drama wird so, angereichert durch trockenen, britischen Witz und Situationskomik, auch auf humoristischer Ebene unterhaltsam. Gleichzeitig verliert der Film dennoch nie seine für die Protagonisten schicksalhafte Ernsthaftigkeit. Colin Firth schauspielerische Meisterleistung in der Darbietung des komplexen, psychisch angeknacksten Charakters König Georges VI., verleiht diesem eine für Monarchen ungewöhnlich menschliche Nähe. Geoffrey Rush als Lionel Logue bringt, mit dem Charme eines Gentlemans, den Humor in den Film. Als seltsames Paar erinnern König und Therapeut fast an Charaktere eines historischen Buddy-Movies, mit dem Unterschied, dass es hier nicht um fiktive Action und coole Sprüche geht, sondern um eine menschliche Beziehung im Kontext wichtiger, weltpolitischer Ereignisse.
Wer sich dann noch näher für die genauen historischen Hintergründe interessiert, dem seien die Bonusmaterialien, beispielsweise mit der echten Rede des Königs und einem Featurette über den echten Lionel Logue, auf der Blu Ray und Special Edition von The King's Speech empfohlen. Eine treffende Phrase zum Schluss: Prädikat wertvoll!
The King's Speech
Genre: Drama
Regie: Tom Hooper
Darsteller (u.a.): Colin Firth, Geoffrey Rush, Helena Bonham Carter
Verleih: Senator
VÖ: 2. September 2011










