UNICUM schaut: The Tree of Life

von Roman Milenski
(c) Concorde

Martin Scorsese soll über Terrence Malicks Film In der Glut des Südens gesagt haben, dass man jedes Einzelbild daraus vergrößern und als Gemälde in einem Museum ausstellen könne. Für Malicks neuestes Meisterwerk The Tree of Life kann man diese Aussage auch unterschreiben.

Eigentlich treffen Scorseses Worte auf das gesamte Schaffen Terrence Malicks zu. Der öffentlichkeitssscheue Malick drehte in 38 Jahren zwar gerade mal fünf Filme, schöpft aber wahrscheinlich gerade aus seiner großzügigen Zeiteinteilung seine Genialität. Der Regisseur ist zum Mythos geworden. Als Malick sich nach 20 Jahren Abwesenheit 1998 mit dem Weltkriegs-Drama Der Schmale Grat wieder entschloss einen Film zu machen, riss sich das Who is Who Hollywoods um eine Rolle und war sie noch so insignifikant kurz. Heutzutage, wo sich der Film angesichts neuer Techniken und Rezeptionsverhalten der Zuschauer ständig neu erfindet, könnte man die Frage danach, was diese Kunstform ausmacht, was sie von anderen abgrenzt und was sie leisten kann oder soll, durchaus mit "siehe Terrence Malick" beantworten. 

In The Tree of Life erschafft der Filmpoet und -philosoph wieder eine Bildgewalt, die versucht dahin vorzustoßen, wo selbst die Naturwissenschaften kaum den Versuch einer schlüssigen Erklärung wagen - den Urknall und die Entstehung des Lebens auf der Erde. Diese Sequenzen wurden natürlich hauptsächlich am Computer generiert. Verantwortlich dafür war Special Effects-Artist Douglas Trumbull, der auch schon die Effekte für Stanley Kubriks 2001 - Odyssee im Weltraum schuf (von Kritikern beschworene Parallelen zu The Tree of Life verstehen sich von selbst). Dies ist aber nur ein Teil des Films. Malick bedient sich der filmischen Montage, um zwischen ingesamt vier Zeit- und Raumebenen zu wechseln, die er lose in Beziehung zueinander stellt.

Der eigentliche Plot, wenn man überhaupt davon reden kann, handelt von der Familie O'Brien in den USA der 50er. In einem texanischen Vorstädtchen erzieht der Vater (Brad Pitt) seine drei Söhne mit aller konservativer Strenge jener Zeit, während die eher antiautoritäre Mutter (Jessica Chastain) ihren Kindern Freiheit, Nähe und Liebe zu vermitteln versucht. Der älteste Sohn Jack (Hunter McCracken) ist zwischen den unterschiedlichen Wertesystemen der beiden Elternteilen hin und hergerissen. Als Jugendlicher beginnt er schließlich gegen den Vater zu rebellieren.

Metaphysik und Metaphorik

Als einer der jüngeren Söhne stirbt, erfährt die Familie einen tiefsitzenden Schickalsschlag. Den Tod seines Bruders hat Jack als Erwachsener (jetzt gespielt von Sean Penn) immer noch nicht verkraftet. Beruflich zwar erfolgreich als Architekt, wird er psychisch von der Vergangenheit gequält. In Rückblenden denkt Jack zurück an seine Kindheit und Familie. Gegen Ende des Films sieht man eine Traumsequenz oder Jenseitsvorstellung Jacks, in der er mitten in einer Wüstenlandschaft seine Eltern, Brüder und Leute aus seinem Leben wiedertrifft.

The Tree of Life ist Malicks bisher abstrakteste Arbeit. Stilistisch bleibt er sich jedoch treu. Malick erzählt nicht narrativ, sondern episodenhaft non-linear. Immer wieder erscheinen Schnittbildsequenzen von Hochglanz-Naturaufnahmen, die durch ihre Bildmetaphorik, Perspektiven und poetischen Monologe aus dem Off über die essentiellen Fragen des menschlichen Seins philosophieren. Wo kommen wir her? Was ist unsere Bestimmung? Gibt es ein höheres Wesen? Was ist alles Leid und alle Liebe letztendlich Wert? 

Antworten darauf liefert The Tree of Life nicht. Eher entsteht eine neue Frage. Was ist der Sinn dieses Films? Sein Sinn ist ein impressionistischer. Es geht um das Bild. Die berauschende Optik (weshalb die Blu Ray-Version zu empfehlen ist) und der Sound rufen einen eigenen kleinen "Urknall" im Kopf des Betrachters hervor. Bestes Beispiel hierfür ist ein Zusammenschnitt, in dem Familie O'Brien sich des Lebens erfreut, untermalt von Friedrich Smetanas "Die Moldau". Nicht vergessen werden darf aber, dass Terrence Malick auch spaltet. Das Publikum pfiff und The Tree of Life gewann trotzdem die Goldene Palme in Cannes. Als der Film ins Kino kam, verliesen hier und dort viele Zuschauer verwirrt den Saal. Andere stöhnten und meckerten vor sich hin. Malicks Anhänger dürften umso erfreuter über die jetzt mögliche, störungsfreie Heimrezeption seines neuesten Werks sein.


Trailer The Tree of Life


 

 The Tree of Life

Drama, USA 2011

Regie: Terrence Malick

Darsteller u.a.: Brad Pitt, Sean Penn, Jessica Chastain

Verleih: Concorde

VÖ: 10. November 2011

 

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