UNICUM hört: Nightwish "Imaginaerum"

- Foto: Gemsling
Der Geist von Opern-Diva Tarja Turunen schwebt auch sechs Jahre nach ihrem Rauswurf aus der Band über Nightwish. Das dürfte sich mit Imaginaerum, dem zweiten Album mit Anette Olzon am Mikro, ändern.
Eigentlich ist es müßig, über Tarja Turunen und ihren Abschied bei Nightwish zu schreiben. Die Diva war zwar fast zehn Jahre lange Stimme und Gesicht von Nightwish. Ein integraler Bestandteil der finnischen Symphinic-Metaller war sie jedoch nie, wie der Band-Biografie „Once upon a nightwish“ zu entnehmen war. Star-Allüren und Desinteresse an den Menschen hinter den Musikern auf der Bühne machten sie zu einer „hired gun“. So kam es, wie es kommen musste: Die Diva wurde 2005 aus Nightwish gekickt. Für viele Fans bis heute ein schwer zu verdauender Schock.
Tarja startete eine Solokarriere, die nie so recht Fahrt aufnahm. Ihre Ex-Kollegen sind hingegen erfolgreicher denn je. Hier zeigt sich, wer der wirkliche Vater des Erfolgs ist: Komponist und Bandkopf Tuomas Holopainen. Über Dark Passion Play, das erste Album nach Tarja oder viel mehr das ersten mit der neuen Sängerin Anette Olzon, lässt sich sicherlich vortrefflich streiten. So ganz hatte sich Tuomas von seiner Diva noch nicht gelöst. Entsprechend gewöhnungsbedürftig waren auch die weiblichen Gesangsparts, die noch nicht ganz auf die Stimme von Anette angepasst schienen. Das ändert sich mit Imaginaerum. Auf dem neuen Langspieler vermissen nur noch ewig-gestrige Frau Turunen.
Und die verpassen Symphonic Metal aller erster Güte. Satte 72 Minuten läuft das Konzeptalbum, das sich um den im Sterben liegenden Songschreiber Tom dreht. Er träumt sich in seine Kindheit zurück und nimmt den Hörer dabei mit auf eine Tour durch einen düsteren Vergnügungspark. Reißer wie "Ghost River" oder "Scaretale" lassen unweigerlich Bilder von Tim Burton vor dem imaginären Auge ablaufen. Holopainens Klangwelten könnten auch einen Hollywood-Film untermalen. Da passt es, dass bereits ein Film zum Album angekündigt ist. Er soll 2012 ins Kino kommen.
Epischer Trip durch einen abgedrehten Vergnügungspark
Neben Nightwish-typischen, perfekt arrangierten und wieder einmal vom London Symphony Orchestra begleiteten Tracks wie "I Want My Tears Back" oder der poppigen ersten Single "Storytime" (deren Refrain mir trotz eifriger Bemühungen nicht aus dem Kopf gehen will), bietet Imaginaerum auch einige handfeste Überraschungen. Vor allem die Bar-Jazz-Ballade "Slow Love Slow" brilliert durch das feine Zusammenspiel von Klavier, Saxofon und Anettes facettenreicher Stimme. Überhaupt liefert die Schwedin eine grandiose, weil gesanglich enorm variable Leistung ab. Mal bluesig und verträumt, dann frech und keck und schließlich tief und bedrohlich. Die großen Fußstapfen ihrer Vorgängerin füllt sie mittlerweile problemlos aus. Viel mehr noch: Sie macht Tarja vergessen.
Auch Bassist Marco Hietala, der die männlichen Vocals beisteuert, überrascht mit einer eindringlichen Gesangsdarbietung. Neben dem auf finnisch gesungenem Opener "Taikatalvi", singt er sich mit der von ihm komponierten Ballade "The Crow, The Owl And The Dove" ins Gedächtnis des Zuhörers. Aber auch seine abgedrehte Performance in "Scaretale" (das zwischendurch mit einem Kosaken-Chor aufwartet) gehört zu den Höhepunkten eines großartigen Albums.
Stellenweise entfernt sich Imaginaerum dann aber doch sehr weit von dem, was allgemein noch als Metal gilt. Die Gitarren sind nicht vorherrschend, sondern viel mehr nur ein Instrument unter vielen. Es gibt minutenlange Sequenzen, die ganz ohne Stromgitarren auskommen. Unter den ganzen Bombast mischt sich zudem eine gute Prise Kitsch, wenn Kinderchöre auf Disney-Pomp treffen. Das zeigt sich besonders gut im 13-minütigen autobiografischen Opus "Song Of Myself", das neben Chören, leidenschaftlichem Gesang und viel Dramatik, eine komplett gesprochene zweiten Songhälfte hat. Der abschließende Titeltrack zeigt dann aber, ein Nightwish-Album Anno 2011 weder Operngesang, noch harte Gitarren braucht. Das kompakte Klassikstück fasst noch einmal die Hauptmotive der vorangegangenen Lieder zusammen, bevor sich die Tore des düsteren Vergnügungsparks schließen.
Imaginaerum ist nicht nur ein ausgezeichnetes Konzept-Album eines Komponisten auf seinem Höhepunkt, sondern auch die Messlatte für das gesamte Symphonic Metal Genre. Stellte Dark Passion Play nach dem unrühmlichen Abschied von Tarja noch eine Zäsur dar, ist der neueste Langspieler aus der Feder von Tuomas Holopainen das Beste, was diese Band je aufgenommen hat. Die Tarja-Fraktion verpasst etwas.
Nightwish
Imaginaerum
Nuclear Blast
VÖ: 02.12.2011
Für Fans von: Danny Elfman, Leaves' Eyes, Within Temptation, Hans Zimmer









