UNICUM trifft: Apocalyptica

- Foto: Ralf Strathmann
Passend zum Release von Apocalypticas neuem Album 7th Symphony stand uns Band-Kopf Eicca Toppinen Rede und Antwort. Warum die Jungs bei den Aufnahmen für das Album nackt waren, was Amerikaner von der finnischen Sauna-Kultur halten und wie die Band an Heavy-Metal-Legende Dave Lombardo rankam, erklärte er uns im Interview.
Nach eurem letzten Album ist der Medienrummel ganz schön groß geworden ist. Wie geht ihr damit um?
Der Rummel ist schon ziemlich krass. Gerade waren wir bei MTV und haben einen Song aufgenommen. Daneben hetzen wir von Interview zu Interview. Aber wenn die Leute sagen, „das ist die beste Apocalyptica Platte“, macht es uns stolz. Vor allem, wenn es von Journalisten kommt, die uns seit Beginn unserer Karriere kennen. Da ist es schon ganz angenehm Interviews zu geben, ein Bier zu trinken und sich über die Musik zu unterhalten.
Die Reaktionen auf „7th Symphony“ waren also gut.
Sehr positiv. Natürlich haben die Hardcore-Fans gemeckert als die erste Single [Anmerkung der Red.: „End of Me“, von Gwen Stefanies Ehemann Gavin Rosdale eingesungen] rauskam. Die Cellos klangen ihnen zu wenig nach Cellos. Man kann das Album aber nicht auf Basis eines einzelnen Songs bewerten. Wir haben auf der Platte so viele verschiedene Stile vereint, dass die Leute sie mögen werden.
Seit eurem dritten Album „Cult“ arbeitet ihr regelmäßig mit Gastsängern zusammen. Wie schafft ihr es trotz ihrer vielen Facetten nie eure Identität zu verlieren?
Wir hatten das Glück mit vielen Größen zusammenzuarbeiten: Nina Hagen, Corey Taylor von Slipknot, Ville Valo von HIM. Mit uns machen sie Sachen, die sie normalerweise nicht machen würden. Das ist großartig. Dabei entstehen dann Songs, die weder für sie, noch für uns typisch sind. Nebenbei liefern die Sänger mit uns häufig ihre besten Leistungen ab. Ich finde zum Beispiel, dass „I’m not Jesus“ die beste Aufnahme ist, die Corey bisher gemacht hat.
Auf euren letzten vier Alben hat Dave Lombardo von Slayer Schlagzeug gespielt. Wie kam diese intensive Zusammenarbeit zustande?
Es war purer Zufall. Wir haben 97 ein Festival in den Niederlanden gespielt, wo Dave eine „Drum Clinic“ gegeben hat. Als wir von der Bühne gingen, kam er aufgeregt zu uns und fragte, ob wir nicht zusammen auftreten sollen. Wir waren natürlich sofort Feuer und Flamme und haben ohne Sound Check zusammen gespielt. Ein oder zwei Jahre später kam er zu einem unserer Auftritte und meinte nur: „Wenn ihr jemals einen Schlagzeuger braucht, ruf mich an.“ Seitdem spielen wir regelmäßig zusammen, wobei wir jedes Mal etwas Neues mit Dave probieren.
Was habt ihr euch für „7th Symphony“ ausgedacht?
Dieses Mal haben wir Dave mit unserem Drummer Mikko [Sirén] in einen Raum gepackt und zwei Drum-Kits gegenüber aufgebaut. Wir hatten noch keinen fertigen Song im Kopf, nur lose Riff-Ideen. Die beiden haben dann einfach über die Riffs gejammt. Die Schlagzeug-Spuren waren die Basis für den späteren Song.
Geht ihr die Lieder, bei denen ihr mit anderen Künstlern kollaboriert, anders an oder macht ihr einfach euer Ding?
Beides. Häufig haben wir schon ein fertiges Lied und überlegen uns dann, wer es einsingen könnte. Manchmal sind die Gastkünstler stärker involviert und schreiben mit, manchmal performen sie nur so, wie wir es geschrieben haben.
Können die Gastsänger auch bei der Musik an sich mitreden?
Nicht wirklich. Es beschränkt sich dann doch auf die Lyrics.
Ich habe gelesen, dass ihr „Beautiful“ in einer einzigen Live-Aufnahme eingespielt habt. Dabei wart ihr nackt. Warum das?
Um in die richtige Stimmung zu kommen (lacht). Unser Drummer Mikko spielt auf dem Track zum ersten Mal Bass. Er spottet immer über Bass-Spieler, dass sie wie Affen sind, nackt und betrunken. Er hat also ein Bier aufgemacht und sich ausgezogen. Wir haben dann ein paar Takes aufgenommen, die aber nicht gezündet haben. Also haben auch wir uns ausgezogen und die Aufnahme wurde prompt besser. Das ist irgendwie typisch finnisch. Das kommt wahrscheinlich durch die Sauna-Kultur bei uns. Ihr habt da ja nicht so ein Problem mit – aber die Amis! Wir sind in den Staaten mal mit einer amerikanischen Crew getourt und wollten eine Nackt-Party machen – eine Sache, die wir gerne mal auf Tour machen. Sie kamen damit überhaupt nicht klar. Für Finnen ist das völlig normal.
Wo wir bei Amerikanern sind: Wie sind die Fans in Übersee im Vergleich zu Europa?
Die sind schon ziemlich anders. Apocalyptica sind für die frisch und neu. Das amerikanische Publikum ist sehr anpassungsfähig, begeisterungsfähig und aufgeschlossen Neuem gegenüber. Man kann ein Publikum aber nur schwer mit einem anderen Publikum vergleichen. Viel mehr macht die Spielstätte den Unterschied aus. Wo kommst du eigentlich her?
Bochum.
Ok, wenn wir also die Zeche spielen, kommen da andere Leute hin, als zu einem anderen Club oder einer Konzerthalle. Dann kommt es darauf an, ob es bestuhlt ist oder nicht. Das hat einen wesentlich größeren Einfluss auf die Reaktionen des Publikums als das Land in dem du auftrittst. Als Künstler wissen wir da manchmal auch nicht so recht, wie wir uns verhalten sollen.
Gibt es eigentlich Pläne für eine neue Live-DVD? Die letzte stammt noch von der „Life Burns Tour“ von 2006.
Nicht wirklich. Wir hätten gerne eine, aber wenn man eine ordentliche DVD machen will, kostet es einen Haufen Kohle. Auf der Limited Edition von „7th Symphony“ haben wir aber eine Bonus-DVD mit sieben Tracks, die wir in der Sibelius Academy, unsere ehemalige Musikhochschule, aufgenommen haben. Ein kleines, intimes Akustik-Set, ohne Publikum.
Wenn man euch auf der Bühne sieht, rockt ihr ziemlich hart. Ist es nicht schwer zu headbangen und gleichzeitig Cello zu spielen? Vor allem da ihr lange Haare habt und mit Bogen spielt.
Nicht mehr. Früher saßen vier Typen mit Sonnenbrillen auf einem Stuhl und haben Cello gespielt, ohne je aufzustehen. Jetzt setzen wir uns kaum mehr hin (lacht). Wir denken nicht mehr drüber nach. Einzig, man trifft die Töne nicht mehr zu hundert Prozent, wenn sich zu viele Körperteile bewegen (lacht).
Ist eigentlich eure theoretische Ausbildung der Ausgangspunkt beim Songschreiben?
Die Ausbildung spielt gar keine Rolle. Wir jammen einfach. Wir setzten uns hin und gucken, was passiert. Der Eröffnungstrack von „7th Symphony“ ist ein gutes Beispiel dafür. Als ich ihn geschrieben haben, war Mikko schon in L.A., um das Schlagzeug einzuspielen. Ich habe ihm den Song rübergeschickt ohne zu wissen, an welcher Stelle er auf dem Album landen wird. Mikko hat es dann mit dem Producer ausgeknobelt. Uns kümmert das alles gar nicht. Ich möchte einfach Musik machen, die gut klingt und nicht darüber nachdenken.
Gutes Stichwort. Musstet ihr an der Musikakademie eigentlich auch Klausuren schreiben?
Ja, aber die habe ich immer geschwänzt (lacht).
Scheint ja nicht geschadet zu haben.
Genau. Ich wollte immer spielen und nicht meine Zeit mit Papier vergeuden. Das war mir wirklich scheißegal.
Besitzt du ein antikes, unbezahlbar teures Cello?
Ich habe zwei richtig nette Cellos. Die beiden sind 100.000 und 150.000 Euro wert – leider gehören sie mir nicht (lacht). Sie sind nur ausgeliehen. Ich habe das ganze Album mit ihnen eingespielt.
Auf Tour kommen die aber nicht mit. Dort benutzt ihr brandneue Cellos.
Unter Live-Bedingungen macht es eh keinen Unterschied. Der Klangunterschied ist so gering, dass sich das Risiko und der Mehraufwand einfach nicht lohnen.
Alle Fans träumen von einem Klassik-Coveralbum von euch. Gibt es eine Chance, dass da in absehbarer Zeit etwas von euch kommt?
Wir haben keinen Masterplan und konzentrieren uns immer auf das, was wir gerade machen. Wenn es dann soweit ist ein neues Album zu machen, kommt es nur darauf an was wir fühlen, in welcher Stimmung wir sind. Ich habe keine Ahnung, was wir in zwei, drei Jahren machen. Es könnte genau das sein, was du da vorgeschlagen hast…










