UNICUM trifft: Casper

- Foto: Andreas Janetschko
Seit Musiker Casper (29), alias Benjamin Griffey, sein Album XOXO auf Deutschland losließ, gibt es jede Menge Rummel um seine Person. In Dortmund bekam UNICUM eine Privataudienz kurz vor seinem Auftritt, in der er einiges klarstellte.
Du wohnst im angesagten Berlin. Kraftklub machen Berlin ja in ihrem aktuellen Song richtig runter. Zu Recht?
Absolut! Ich finde Berlin total overhyped und bin wirklich aus beruflichen Gründen nach Berlin gezogen. Wenn es nach mir ginge, wäre ich in Bielefeld geblieben. Wenn auch nur ein Sonnenstrahl in Berlin den Park trifft, wird sofort eine mobile Anlage aufgebaut, so ein beschissener Minimalrave aufgezogen und alle rennen auf Modedrogen durch die Gegend. Das ist mir einfach alles zu blöd. Berlin ist immer viel Gerede um nichts.
Aber auch um dich gibt’s gerade einen ziemlichen Hype. Draußen vor dem Backstagebereich wartet eine lange Schlange von Teenies und deine Facebook-Pinnwand ist voll mit Liebesbotschaften von jungen Mädchen. Wie fühlst du dich als Teenieschwarm?
Keine Ahnung, woher der rührt. Ich sehe optisch nicht aus wie ein Justin Timberlake, tanze aber auch nicht wie eine Lady Gaga und mache keine eingängige Musik wie Take That. Eigentlich finde ich meine Musik sehr sperrig.
Gibt es da schwärmende Mädels, die rauskriegen, wo du wohnst, und bei dir in der WG aufkreuzen?
Es gab tatsächlich mal zwei Mädels, die das rausbekommen haben. Die haben so viele Interviews gesehen und gehört und sich aus allen Fixpunkten zusammengereimt, wo ich wohnen könnte, bis sie bei mir vor der Tür standen.
Erzähl mal, wie es hinter der Tür aussieht.
Wir sind eine großartige 3er-WG. Drei Zimmer, Küche, Bad, kein gemeinsames Wohnzimmer. Dafür fescher Altbau, mit Stuck. Ein Mitbewohner ist Vater eines sechsjährigen, großartigen Sohnes, der häufig bei uns ist. Der ist richtig gut drauf, nicht so ein Plärrkind. Wenn nur alle Kinder so wären! Mein anderer Mitbewohner arbeitet bei mir in der Bookingagentur, aber das ist zufällig so gekommen.
Habt ihr in der WG denn einen richtigen Putzplan?
Nee, es sieht immer fürchterlich aus. Aber einmal im Halbjahr kommt die Mutter von einem von uns zum Putzen. Aus freiem Willen. Nicht, weil wir leben wie Hunde und Barbaren sind, sondern, weil sie das gerne macht. Während sie putzt, werden wir alle dann rausgeschmissen.

- Bild | Christoph Voy
Hast du eigentlich immer noch das alte WG-Mobiliar oder steht in Caspers WG nun der fette Plasmafernseher?
Immer noch der alte Röhrenfernseher. Mir ist Fernsehen aber scheiß egal. Mir glaubt niemand, dass ich von sehr wenig Geld im Monat lebe, genau wie damals als Student. Nur, dass ich jetzt nicht mehr die Angst haben muss, die Rechnungen nicht mehr bezahlen zu können. Ich lebe immer noch von 700 oder 800 Euro im Monat. Mehr zahle ich mir nicht aus. Ich wüsste auch gar nicht, wofür ich mehr ausgeben sollte. Ich habe keinen Führerschein, also brauch ich mir kein Auto kaufen.
Du lebst ja eigentlich ein Studentenleben, nur eben ohne Studium. Das hast du nach 14 Semestern abgebrochen. Bereust du das?
Nee. Das war schon mit Ansage. Ich dachte damals: Ich studiere jetzt das Einfachste, was ich finde, um mehr Zeit zu haben, mein Lotterleben durchzuziehen.
Bitte? Psychologie, Erziehungswissenschaften und Medienpädagogik das Einfachste, das man finden kann?
Erziehungswissenschaften auf Diplom ist das Allereinfachste, was ein Mensch studieren kann. Psychologie war ja nur das Nebenfach.
Es heißt, Leute, die Psychologie studieren, werden schnell zum Küchentischtherapeuten.
Die Erfahrung habe ich auch bei mir gemacht. Ich glaube, das Psychologiestudium ist eh nur in den ersten zwei, drei Semestern dazu da, ernsthaft das Handwerk zu erlernen. Danach ist alles nur blabla.
Hast du bei dir selber ein paar Macken gefunden?
Ja, ich bin aber auch ziemlich selbstkritisch. Ich kann unter Stress sehr divenhafte Züge entwickeln, aber ich kann mich auch entschuldigen. Heute habe ich zum Beispiel beim Soundcheck einen Kollegen im absoluten Stress wegen irgendwas angemotzt, danach habe ich mich aber brav entschuldigt. Ich werde mit dem Alter aber eh entspannter.
Haben sich deine Profs über die damals in NRW eingeführten Studiengebühren aufgeregt?
Nicht über Studiengebühren, aber über die Lethargie der Studenten dem Thema gegenüber. Es ging darum, dass die Proteste dagegen so minder waren, dass es niemand von den Obrigkeiten zu Denkanstößen bewegt hat. Einer meiner Profs stand da mit Wuttränen in den Augen und sagte: Wenn die das damals mit uns gemacht hätten, in den 68ern, wir wären auf die Barrikaden gegangen, wir hätten das Ding komplett dichtgemacht. Ihr sitzt hier wie selbstgefällige Arschlöcher und lasst das über euch ergehen. Dann hat er seine Tasche genommen und ist gegangen.
Irgendwie hatte er Recht, oder?
Das stimmt total. Na gut, ich saß da auch und dachte: yoah.
Und wie gefiel dir der Protest deiner Kommilitonen?
Ich fand das total albern. Die haben versucht, das Rektorat zu besetzen, was so war wie: 'Hey, wir besetzen das Rektorat! Nee, tut ihr nicht! Okay, dann nicht!' Das ist kein Protest, sondern Quatsch. Aber ich war ja selber nicht besser, das gebe ich zu. Engagiertere Köpfe hätten Sachen anzünden sollen. Sobald so was in Frankreich oder England passiert, knallt's! Hier nicht. Ich finde, wenn man tatsächlich sagt, wir wollen was verändern, dann muss man laut sein, dann muss man präsent sein und schockieren.
Hast du einen Draht zu Street-Art-Protestformen wie Schablonengraffiti oder Guerilla Gardening?
Guerilla Gardening? Was ist das? Das klingt ja so dumm wie schön! Nee, ich kenne Leute, die bei der Antifa sind. Das finde ich wichtig und gut. Ich finde es wichtig, Prinzipien zu haben, die einfach formulierbar sind. Ich bin gegen Rassismus, gegen Homophobie, gegen Sexismus. Und ich finde, das macht einen auch nicht zu einem weltoffenen Hippie, wenn ich sage, dass ich Schwulenbashing scheiße und Heimatstolz im übertriebenen Maße peinlich finde.
Und schon wird man von den Medien zum "Sprachrohr einer Generation" erkoren.
Ja, aber das passt mir nicht. Ich will die Verantwortung einfach nicht haben. Weil ich es einfach nicht bin. Ich möchte nicht der Leitwolf, der Herdenführer oder Meinungsmacher einer gewissen Schnittmenge von Menschen sein. Ich habe während der Produktion nie das Gefühl gehabt, dass ich jetzt für ein übergeordnete Jugend oder Generation spreche. Und dieses "Sprachrohr einer Generation sein" würde ja auch so einen Rattenschwanz an Beckmann- und Kernerbesuchen nach sich ziehen, auf die ich keine Lust habe.
Apropos Lust. Kannst du dein Album eigentlich noch hören?
Nee. Also gewisse Songs höre ich gern, aber bei vielen Sachen haben wir einfach so lange drangesessen, dass ich sie nicht mehr hören kann. Ich saß damals im Studio und dachte: Das ist das Ende meiner Karriere. Als die Platte endlich fertig war, habe ich erst einmal bei meiner Chefin angerufen - ich habe damals als Thekenkraft im Ringlokschuppen (einem Veranstaltungszentrum in Bielefeld, die Red.) gearbeitet - und gefragt, ob ich meinen Job noch habe. Ich habe ihr gesagt: Es kann sein, dass ich bald wiederkomme. Todernst.








