Abi trotz Alltag im Circus - Teil 1
Leslie Maatz vom Circus Proscho über ihren Weg zum Abitur

- Circus Proscho | Foto: Privat
Leslie Maatz (19) ist in Deutschland eines der ersten Circuskinder mit Abitur. UNICUM hat sie verraten, wie sie Schule und Circus unter einen Hut bekommen hat.
Seit sie laufen kann, tritt Leslie im Circus Proscho auf und begeistert die Zuschauer mit Kautschuk-Equilibristik, russischer Lyra und einer Fakir-Show. Außerdem arbeitet sie im Circus an Schulprojekten mit, in denen Grundschüler für eine Woche Circusluft schnuppern und kleine Kunststücke lernen können. Ihre eigene Grundschulzeit verbrachte sie jede Woche in einer anderen Schule.
Durch das Projekt "Schule für Circuskinder in NRW", hatte der ständige Schulwechsel ab der fünften Klasse ein Ende. Bis zu ihrem Realschulabschluss kam eine Lehrein zum Circus und unterrichte Leslie. Anschließend machte sie in einem Online-Lehrgang des Westfalen-Kollegs Dortmund ihr Abitur.
UNICUM hat Leslie Maatz im Circus getroffen und mit ihr über ihren ungewöhnlichen Weg zum Abitur gesprochen.
"Mit fünf Jahren wurde ich von mongolischen Staatsartisten ausgebildet"
Du verbiegst dich bei deinen Auftritten so, dass es schon beim Zuschauen wehtut. Wie machst du das?

- Leslie als Kautschuk-Equilibristin | Foto: Leslie Maatz
Ich habe schon mit fünf Jahren eine Akrobatik-Ausbildung bekommen. Zwei mongolische Staatsartisten waren bei uns im Circus und haben mir die Kautschuk-Equilibristik beigebracht. In dem Alter sind die Wirbelknochen noch weich und lassen sich durch gezieltes Training etwas abrunden. Es gibt dann keine Sperre mehr, wenn man sich nach hinten biegt. Deswegen kann ich mich heute ohne Schmerzen so gut verbiegen und als Schlangenmädchen auftreten.
Trittst du nur als Schlangenmädchen auf?
Mit meiner Schwester und ein paar anderen mache ich eine Fakir-Show, bei der jedes Mal die Hütte brennt. Dann trete ich noch als russische Lyra auf. Dabei führe ich Trapez-Kunststücke in einer Art Rhönrad vor. Das Rad steht auf einem Podest und ich drehe es um die eigene Achse. Mit diesen drei Sachen trete ich regelmäßig bei unseren Vorstellungen auf.
Für die Vorstellungen müsst ihr viel reisen und du musstet früher jede Woche die Grundschule wechseln. Wie sah eine typische Schulwoche bei dir aus?
Ich war montags zur ersten Stunde da, konnte aber erst zur dritten Stunde in den Unterricht. Zuerst standen Formalitäten und Gespräche im Sekretariat auf dem Programm. In der Klasse angekommen, gab es dann skeptische Blicke von den Mitschülern und ich gucke erstmal zu. Dienstags wurde ich dann von den Lehrern in die Mitte gestellt, durfte erzählen, Fragen beantworten und Kunststücke aufführen. Mittwochs und Donnerstags gab es in der Regel normalen Unterricht und am Freitag dann schon die Verabschiedung. In der nächsten Woche ging das Spiel dann woanders wieder von vorne los.
Ist das nicht schrecklich nervig, jede Woche das gleiche zu erzählen?
Mir hat es bis oben hin gestanden. Manchmal habe ich es zwar genossen, aber dann hatte ich auch wieder keine Lust.
Bei den ständigen Schulwechseln verpasst man doch bestimmt viel Lernstoff oder lernt einiges doppelt…
Im ersten Schuljahr habe ich irgendwann zum sechsten Mal das "E" gelernt, hatte aber noch nie das "H" gesehen. Deswegen hat sich meine Mutter von unserem Bereichslehrer, den es für alle Circuskinder gibt und der gelegentlich kontrolliert, ob alles gut läuft, Mappen geben lassen und mit mir zuhause gebüffelt. Ihr war wichtiger, dass ich diese Mappen ordentlich durcharbeite, als für die Grundschulen Bilder auszumalen.
"Die Zeit in den verschiedenen Grundschulen war komplett sinnlos"
Also viel Arbeit zuhause und viel sinnlose Zeit in den verschiedenen Grundschulen?
Die Zeit in den Grundschulen war komplett sinnlos. Deswegen gehen auch so viele Circuskinder direkt von der Schule ab, wenn sie ihre Pflichtschuljahre absolviert haben. Man lernt wenig und wird von Lehrern und Mitschülern oft schlecht behandelt. In der weiterführenden Schule ist es noch schlimmer als in der Grundschule. Da bist du dann immer der Zigeuner oder die Asoziale.
Dann warst du also sehr froh, als die Schule für Circuskinder in NRW zu euch kam?
Sehr froh. Endlich gab es keine blöden Kommentare, kein Absitzen der Zeit und unzälige Unterrichtsmaterialien mehr. Am Ende meiner Grundschulzeit hatte ich zum Beispiel 20 verschiedene Deutschbücher, da kann man als Kind ja nur den Überblick verlieren.

- Schulwagen der Schule für Circuskinder in NRW | Foto Privat
Wie lief dein Schulalltag dann in der Circusschule ab?
Drei Mal pro Woche kam meine Lehrerin für einen halben Tag in den Circus. In einem umgebauten Wohnwagen, fand der Unterricht für alle Circuskinder statt. Da wir alle in anderen Klassen waren, hat jeder Schüler die Themen allein erklärt bekommen und musste dann Aufgaben dazu bearbeiten. Die Lehrerin konnte so immer zwischen uns Schülern wechseln. Auch Klassenarbeiten schreiben alle parallel. Dabei spielt es keine Rolle wer in welchem Fach schreibt.
Fällt die Konzentration da nicht sehr schwer?
Jeder weiß, dass er Rücksicht nehmen muss und das klappt auch gut. Man gewöhnt sich schnell daran, dass im Hintergrund über Mathefomeln gesprochen wird, während man selbst gerade einen Aufsatz schreibt. Am Ende meiner Schulzeit hätten wir jedoch zu acht im Schulwagen gesessen und haben uns deshalb aufgeteilt. Die Grundschüler hatten dann morgens Unterricht und die Älteren nachmittags.
"Den kompletten Mathestoff der letzten zwei Schuljahre, habe ich in sechs Monaten geschafft"
Gibt es in der Circusschule mehr Hausaufgaben, um die geringe Stundenanzahl zu reduzieren?
Von der Stundenzahl haben wir zwar weniger Unterricht als andere Schüler, aber er ist viel intensiver. In meinem Jahrgang gab es nur mich und alles war auf mich abgestimmt. Sobald ich in einem Thema fit war, haben wir einfach das nächste gemacht. Den kompletten Mathestoff der letzten zwei Schuljahre habe ich zum Beispiel in sechs Monaten geschafft. Weil der Unterricht sehr intensiv ist, gibt es nicht unbedingt mehr Hausaufgaben. Für die Älteren findet aber zusätzlich Online-Unterricht statt, um den Lernstoff zu vertiefen. In einem virtuellen Klassenzimmer werden einmal wöchentlich Aufgaben besprochen und Fragen geklärt.
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