Abi trotz Alltag im Circus - Teil 2
Leslie Maatz vom Circus Proscho über ihren Weg zum Abitur

- Circus Proscho | Foto: Privat
Leslie Maatz (19) ist in Deutschland eines der ersten Circuskinder mit Abitur. UNICUM hat sie verraten, wie sie Schule und Circus unter einen Hut bekommen hat.
"Am Ende wusste ich nicht mehr wohin mit den ganzen Aufgaben"
Das Online-Lernen am Westfalen-Kolleg war dann nicht komplett neu für dich.
Deswegen hat das vielleicht auch von Anfang an so gut geklappt mit dem Abi. Aber auch die Lehrer haben mir den Einstieg sehr einfach gemacht. Im ersten Halbjahr gab es nur wenig Hausaufgaben und man konnte sich langsam an alles gewöhnen. Ab dem zweiten Halbjahr wurde es dann mehr und zum Schluss, wusste ich nicht mehr wohin mit den ganzen Aufgaben. Aber das ist wohl bei jedem Schüler vor dem Abi so.

- Leslie auf der Terrasse vor ihrem Wohnwagen. Mit 16 hat sie ihr eigenes Reich bekommen. | Foto: Privat
Wie ist denn das Abitur am Westfalenkolleg organisiert?
Alle zwei Wochen gab es einen Präsenztag in Dortmund. Da hatte ich von zehn bis 19.30 Uhr Schule. Zweimal wöchentlich gab es für ungefähr ein bis zwei Stunden Online-Unterricht. Wir Schüler konnten auf den Computer des Lehrers zugreifen und dort gemeinsam an den Fragestellungen arbeiten. Fast wie im richtigen Klassenzimmer, nur dass man bei sich zuhause im Wohnwagen saß und die anderen nicht gesehen hat.
Ihr habt also keine Webcams verwendet?
Wir haben uns dagegen entschieden, weil es zum Teil echt schlechte Internetverbindungen gibt. Wenn man zum Beispiel in kleinen Kuh-Dörfern unterwegs ist, bringt die beste Leitung manchmal nichts. Videokonferenzen bringen da nur das System zum Absturz.
Hat deine Familie dich während der Zeit unterstützt und dir mehr Freiräume gegeben?
Auf jeden Fall. Jedes Circusmitglied hat seine festen Aufgaben in der Projektarbeit, die wir mit Grundschulen veranstalten. Während der Präsenztage in Dortmund, mussten meine Aufgaben dann natürlich anders verteilt werden. Aber das hat gut funktioniert und ich konnte immer auf meine Familie zählen. Sie haben gesagt, dass ich die drei Jahre bis zum Abi durchziehen soll und dann eben drei Jahre wieder richtig ran muss.
"Ich muss meinen Körper fit halten, das ist das A und O bei meinen Nummern"
Deine Auftritte musstest du trotzdem machen, auch wenn das Training bestimmt gelitten hat während der Abizeit...
Das hat sehr geschliffen. Bei mir heißt Training nicht, dass ich mal eben etwas ausprobiere und dann ist Schluss. Es gibt immer eine Stunde Vorbereitungszeit und wenn ich mich an einer Sache festgebissen habe, kann das auch mal in die nächtlichen Stunden gehen. Wenn ich morgens ausgeschlafen sein musste, war das natürlich nicht drin. Trotzdem musste ich darauf achten, mir Zeit für das Training zu nehmen, um meinen Körper fit zu halten. Das ist bei meinen Nummern schließlich das A und O.

- Russische Lyra - Leslie zeigt Kunststücke in einer Art Rhönrad, das auf einem Podest steht und sich um die eigene Achse dreht | Foto: Leslie Maatz
Hattest du bei der Doppelbelastung überhaupt noch Freizeit?
Relativ wenig. Ich hatte vormittags die Circusarbeit, nachmittags musste ich lernen und wenn ich Pech hatte abends Online-Unterricht. Wenn meine Familie mal ins Kino wollte, musste ich immer sagen, dass ich Unterricht habe oder einfach viel zu müde bin. Es stimmt zwar nicht, dass ich keine Freizeit hatte, aber die freie Zeit war eingeschränkt.
Womit hast du deine kostbare freie Zeit am liebsten verbracht?
Lesen. Am liebsten Thriller die richtig schön unter die Haut gehen. Als das Abitur geschafft war, bin ich zuerst in eine Buchhandlung gegangen, habe zehn Bücher gekauft und vier gleichzeitig angefangen. Ich musste schließlich aufholen, was ich in der Abizeit verpasst hatte. Aktuell lese ich die Stieg Larsson Reihe.
Willst du dir den ganzen Stress nochmal antun und irgendwann studieren?
Ich habe es vor, aber nicht sofort. In den letzten Monaten und Jahren habe ich so viel unter einen Hut bekommen, dass ich erstmal ein halbes Jahre Abstand von der Schule brauche. Dann schaue ich, welches Studium in Frage kommt und was ich zeitlich schaffen kann. Es soll natürlich auch etwas sein, was mir im Circus weiterhilft. Pädagogik vielleicht, weil ich ja viel mit Kindern zu tun habe. Aber das allein wäre mir eventuell schon wieder zu langweilig. Oder ich mache was mit Eventmanagement und helfe meinem Vater. Der hat nämlich auch noch eine Zeltvermietung und dann könnte ich direkt die Events für ihn organisieren.
Zur Person
Leslie Maatz ist 19 Jahre alt und kann sich ein Leben ohne Circus nicht vorstellen. Seit ihrem ersten Lebensjahr steht sie in der Manege und begeistert das Publikum. Zu ihren Paradedisziplinen gehören die Kautschuk-Equilibristik und die russische Lyra. Ihre Grundschulzeit verbrachte sie jede Woche in einer anderen Schule. Ab der fünften Klasse kam eine Lehrerin der Schule für Circuskinder in NRW zu ihrem Circus und unterrichtete alle Kinder vor Ort.
Nach ihrem Realschulabschluss begann sie in einem Online-Lehrgang am Westfalen-Kolleg Dortmund ihr Abitur zu machen. Im Juni dieses Jahres hat sie, als eines der ersten Circuskinder in Deutschland, ihr Abitur bestanden. Jetzt nimmt sie sich erstmal eine Auszeit von der Schule. Ein Studium soll aber auf jeden Fall folgen. Welche Richtung es wird, steht nicht genau fest. Aber ein Fernstudium soll es sein - vielleicht Pädagogik oder Eventmanagement.
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