Kommando zurück beim Abitur nach zwölf Jahren

Einige Bundesländer bieten Ausweichmodelle an, um das Turbo-Abi wieder zu entschleunigen

von Janina Finkemeyer
Abitur nach zwölf jahren: Erfolgsmodell oder Überforderung?
Foto: Thinkstock

Kaum hat ein Großteil der doppelten Abiturjahrgänge mit dem Gymnasium abgeschlossen, nehmen viele Bundesländer den Turbogang etwas zurück. Schulen haben teilweise die Wahl zwischen G8 und G9, Bayern führt ein zusätzliches Jahr in der Mittelstufe ein und eine Initiative in Baden-Württemberg will eine Reform, die Schülern mehr Eigenverantwortung überträgt.

Wenig Freizeit für G8-Schüler

In zwölf Bundesländern machen Schüler mittlerweile nach acht Jahren Gymnasium Abitur. Obwohl sich die durchschnittlichen Abiturnoten in vielen Bundesländern (zum Beispiel in Hessen und Berlin) nach der Einführung von G8 nicht verschlechtert haben, bringt die Umstellung viele Probleme mit sich. Schüler stehen unter einem hohen Druck und haben ein hohes Lernpensum zu bewältigen. Häufig müssen sie ab der fünften Klasse mehr Schulstunden absolvieren als frühere G9-Schüler.

Unterricht am Nachmittag ist keine Seltenheit, obwohl es zum Teil an der notwenigen Infrastruktur mangelt. Räume für eine Mittagspause oder eine Mensa sind nicht überall vorhanden. Für Freunde und Hobbys am Nachmittag bleibt kaum Zeit. Auch viele Lehrer kritisieren die Umstellung. Laut einer Allensbach-Studie sind 56 Prozent der Lehrer der Meinung, dass Lehrpläne oft nicht ausreichend angepasst wurden. Außerdem seien Vorgaben von Behörden teilweise nicht mit dem Alltag an deutschen Schulen zu vereinen.

Reformen und Vorschläge zur Entschleunigung des Turbo-Abis

Schleswig-Holstein reagiert auf die Probleme, indem Schulen direkt wählen dürfen: Ob G8 oder G9 bleibt ihnen in Zukunft selbst überlassen. Auch Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Hessen führen das dreizehnjährige Abitur als Test an einigen Schulen wieder ein.

Bayern hat beschlossen, ein Flexibilisierungsjahr anzubieten. Das Jahr kann in der Mittelstufe, nach der achten oder neunten Klasse, absolviert werden, um mögliche Defizite aufzuarbeiten und den Stoff des vorangegangenen Schuljahres zu festigen.

Ein weiterer Vorschlag zur Entschleunigung des G8-Abiturs kommt aus Baden-Württemberg. Dort haben sich vier Gymnasien zu einer Initiative "Abitur im eigenen Takt" zusammengeschlossen und möchten die Schüler selbst entscheiden lassen, wie viel Zeit sie bis zum Abitur brauchen. Der Ablauf soll dem eines Studiums ähneln. Fächer sind in Modulen organisiert und jeder Schüler muss sich die erforderlichen Module so zusammenstellen, wie sie für ihn machbar sind.

Der Vorschlag ermöglicht es, alle notwendigen Prüfungen nach zwölf Schuljahren abzulegen. Wer mehr Zeit braucht, Fächer wiederholen muss, einen Auslandsaufenthalt oder ein Praktikum in die Oberstufenzeit integrieren möchte, absolviert sein Abitur in 13 Schuljahren. Um die Idee in einem Schulversuch zu testen, benötigt die Initiative jedoch noch die Zustimmung der Kultusminister.

Erste G8-Abiturienten in doppelten Abiturjahrgängen in Deutschland

2007: Sachsen-Anhalt

2008: Mecklenburg-Vorpommern

2009: Saarland

2010. Hamburg

2011: Bayern, Niedersachsen

2012: Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Brandenburg, Hessen 1. Etappe

2013: Nordrhein-Westfalen, Hessen 2. Etappe

2014: Hessen 3. Etappe

2016: Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz

Sachsen und Thüringen haben das zwölfjährige Abitur, wie es in der DDR üblich war, auch nach der Wende beibehalten. Deswegen gibt es dort keinen doppelten Abiturjahrgang. Rheinland-Pfalz testet seit 2008, an einigen Gymnasien mit Ganztagsbetreuung, die Einführung des Turbo-Abiturs.

Quelle: www.abi.de

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