Organspende: Eine Schulzeit mit Spenderherz - Teil 1

Im wahrsten Sinne des Wortes eine Herzensangelegenheit

von Almut Steinecke
Foto: Thinkstock
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Rund 12.000 Patienten warten bundesweit auf ein Spenderorgan. Die Namen von Nicolai Stockfisch und Philipp Hirlinger standen einst auch auf der Warteliste: ohne die Spenderherzen, die in ihrer Brust pochen, wären der Student und der Schüler heute tot.

Mit 17 Jahren auf der "High Urgent"-Warteliste

Nicolai Stockfisch
Nicolai Stockfisch | Foto: Privat

Es ist ein schöner Spätsommermorgen, aber Nicolai kann die laue Luft nicht genießen. Die großen Ferien sind vorbei, die Schule hat gerade wieder angefangen, da droht er schon zu spät zu kommen. Gerade hechtet der 17-Jährige durch den Haupteingang des Berthold-Gymnasiums in Freiburg, guckt hektisch zur Uhr – nur noch wenige Sekunden, dann beginnt der Unterricht!

Nicolai macht einen Turbo-Treppensprint, nimmt mehrere Stufen auf einmal in eine der höheren Etagen zum Klassenraum. Er schafft es noch vorm Klingeln bis vor die Tür. Aber nicht mehr in die Klasse. Als Nicolai die Klinke runterdrücken will, sacken ihm fast die Beine weg. "Ich war so erschöpft, als hätte ich einen 2000-Meter-Lauf hinter mir." Zitternd lehnt sich der Schüler gegen die Wand.

Diese Szene ereignete sich im Spätsommer 2008. Nicolai Stockfisch aus Freiburg, heute 21 Jahre alt, erzählt sie im Rückblick. Jeder andere hätte die Erschöpfung von damals vielleicht auf eine supermiese Tagesform geschoben. Nicolai aber war alarmiert. Von Geburt an war er herzkrank. "Mein Herz war schwächer, als das eines gesunden Menschen, weil das Zusammenspiel zwischen Herzvorhöfen und Herzkammer, das für einen regelmäßigen Herzschlag verantwortlich ist, nicht funktionierte", erklärt er. Den Herzfehler hatte er zum ersten Mal mit 14 zu spüren bekommen, als er beim Snowboarden ohnmächtig wurde. Er kam ins Uniklinikum Freiburg, wo die Ärzte ihm einen Herzschrittmacher implantiert.

 Nach dem Vorfall 2008 mit dem Treppensprint ging er freiwillig ins Uniklinikum. "Ich wollte mich vorsichtshalber durchchecken lassen." Das Ultraschallbild offenbarte Schreckliches: Sein Herz hatte sich krankhaft vergrößert, pumpte zu langsam, versorgte den Körper mit zu wenig sauerstoffreichem Blut. Die Ärzte setzten Nicolai auf die "High Urgent"-Warteliste für Patienten, die hochdringlich auf ein Spendeorgan warten. Nicolai wartete ab sofort auf ein neues Herz.

"Jeder von uns kann jederzeit in diese Situation kommen"

Er redete viel mit Familie, mit Freunden, setzte sich intensiv mit der Realität auseinander. Die Ärzte operierten ihn zwei Wochen später. "Brustkorb auf, Herz raus, Herz rein, Brustkorb zu – das war alles so abgefahren", erinnert sich Nicolai. Nach der OP bekam er Schuldgefühle, "ich hab’ mich schlecht gefühlt. ,Da ist ein anderer Mensch gestorben, und ich habe davon profitiert’, hab ich gedacht". Irgendwie fühlte sich das plötzlich alles nicht mehr so in Ordnung an.

Mit widersprüchlichen Gedanken, Gefühlen ist Nicolai nicht alleine. Viele zucken bei dem Thema "Organspende" zusammen. Die Vorstellung, dass ein Arzt nach ihrem Tod das Herz oder auch ein anderes Organ, eine Niere, die Lunge, die Leber aus ihrem Körper nimmt, erscheint ihnen absurd. Erst recht, wenn dann auch noch so etwas passiert, wie in Göttingen und Regensburg: Ärzte sollen an den dortigen Unikliniken Empfängerdaten manipuliert haben, um bestimmte Patienten bei der Vergabe von Spenderorganen zu bevorzugen.

Ein schlimmer Vorfall. Trotzdem spricht viel für eine Organspende, betont der 64-jährige Professor Günter Kirste, Vorsitzender der „Deutschen Stiftung Organtransplantation“ (DSO). "Rund 12 000 Patienten warten bundesweit auf ein neues Organ", sagt Kirste. "Jeder von uns kann jederzeit in diese Situation kommen."


Weiter auf Seite 2: Mit u.a. der Geschichte von Philipp, der mit vier Monaten eine Herztransplantation bekam und mit dem fremden Organ aufgewachsen ist.



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