UNICUM schaut: I'm Still Here

von Roman Milenski
(c) Koch Media

Joaquin Phoenix hört mit dem Schauspielern auf und wird Rapper? Mit dieser Meldung verblüffte der Filmstar 2008 ganz Hollywood. Alles nur eine PR-Ente. Und wenn man dabei noch die Kamera drauf hält, dann nennt man das "Mockumentary".

Da sitzt er. Bärtig, dickbäuchig, abgefuckt. Joaquin Phoenix sieht erbärmlich aus. Er wirkt wie eine Mischung aus Charles Manson und den Blues Brothers, und soll US-Late Night-Altmeister David Letterman etwas über seinen neuen Film Two Lovers erzählen. Stattdessen nuschelt sich der Schauspieler einsilbige Antworten in den Bart. Man fragt sich, ob er überhaupt weiß, wo er gerade ist. Für Letterman natürlich gefundenes Fressen.

Joaquin Phoenix hat anscheinend keinen Bock mehr. Und tatsächlich: Einige Zeit vor dem bizarren Auftritt bei Letterman, verkündete der Walk The Line-Star, dass er nie wieder schauspielern werde. Ab sofort konzentriere er sich auf seine Karriere als Musiker. Hip Hop wollte er machen. Ausgerechnet. Das passt doch irgendwie nicht. Und mit der Meinung behält man recht, wenn man dann Phoenix' jämmerliche Rap-Versuche in I'm Still here sieht und hört. Um es so zu sagen: Thomas Gottschalks Version von "Rapper's Delight" hatte 1980 mehr Flow. P.Diddy, den Phoenix gerne als seinen Produzenten sehen würde, ist auch nicht allzu begeistert.

Der Film zeigt, wie der Spross einer Schauspieler-Familie dennoch versucht, mit aller Gewalt von dem für ihn vorbestimmten Weg der darstellenden Kunst abzukommen. Wie gesagt: angeblich. Über zwei Jahre lang hat Joaquin Phoenix seine Kollegen und die Medien an der Nase herumgeführt. Sein Schwager Casey Affleck hat sich als Produzent, Regisseur und Kameramann mitschuldig gemacht. Gemeinsam drehten die beiden die Dokumentation I'm Still Here - Phoenix' vermeintlicher Ausstieg aus Hollywood, sein vermeintlicher Einstieg ins Musikgeschäft und sein vermeintlicher Absturz im Leben mit Koks und Nutten. Und da alles nur vermeintlich war, ist der Film keine Dokumentation, sondern eine "Mockumentary" (aus dem Englischen: (to) mock = verspotten, und documentary = Dokumentation).

Afflecks und Phoenix' Plan ging auf. Das perfid Geniale an ihrem Projekt ist nicht nur, dass Phoenix schauspielert mit dem Schauspielern aufzuhören und das er einen Film drehen lässt, der ihn zeigt, wie er vom Film wegkommen will. Noch viel amüsanter ist die Beobachtung, wie sich das selbstverliebte Hollywood über Joaquin Phoenix lustig macht, nichtwissend, dass er es ist, der sich hinter seinem riesigen Jesus-Bart ins Fäustchen lacht. So entlarvt I'm Still Here ganz nebenbei diese scheinheilige Gesellschaft, die bekanntlich schon immer viele ihrer Kinder gefressen hat. Phoenix' fiktiver Weg in den beruflichen Ruin ist also noch nicht einmal so weit hergeholt. 
Großartig "geschauspielert". 



 

I'm Still Here

Mockumentary, USA 2010

Regie: Casey Affleck

Darsteller u.a.: Joaquin Phoenix, Casey Affleck, Ben Stiller, P.Diddy

Verleih: Koch Media

VÖ: 13.01.2012

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