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31. Aug 2012

Merel Neuheuser

Archiv

Lernen lernen: So machen es die Profis

-ARCHIV-

Lerntipps von Astronauten, Autoren und anderen Organisationstalenten

Wie schaffen Sie es, so viele Bücher zu lesen, Herr Scheck?

"Vor etwa sieben Jahren habe ich mal ein Jahr lang einen groben Überblick aufgestellt. Damals waren es zwischen 150 und 180 Bücher. Also etwa drei Bücher pro Woche. Ob ein Buch meinem Anspruch genügt, erkenne ich manchmal schon am Umschlag. Wenn es sich um einen Titel wie 'Bekenntnisse einer SM-Hure auf St. Pauli' handelt, weiß ich schon, dass ich literarisch vermutlich nicht begeistert sein werde. Mitunter muss ich unter Druck lesen, aber ich habe keine Schnelllese-Technik. Ich kann mir das in der Literatur nicht vorstellen: Das wäre wie ein Gastrokritiker, der sich Schnelless-Techniken vom Hot-Dog-Wettbewerb abgeguckt hat. Ich rede ja in der Regel von ästhetischen Erfahrungen und die lassen sich nicht beschleunigen. Ich lese mit Stift in der Hand und manchmal auch in der Horizontalen oder in meinem Lieblingssessel, aber eigentlich verrichte ich die Arbeit doch zumeist an meinem Schreibtisch."

Denis Scheck (47) ist Literaturredakteur beim Deutschlandfunk. Er moderiert die Sendung "Druckfrisch" in der ARD.

 


Wie können Sie sich so konzentrieren, dass nie Fehler passieren, Herr Baumgarten?

"Ich würde fast sagen, Konzentration ist bei uns Fluglotsen eine der Kernkompetenzen. Ich bin mit allen Linien-, Fracht- und Militärmaschinen in Funkkontakt und dafür verantwortlich, dass sich die Maschinen nicht zu nahe kommen. Man hat Tage, da ist man superwach und kann sich den ganzen Tag konzentrieren, und dann gibt es Tage, da merke ich, dass ich unheimlich Energie aufwenden muss. Kaffee ist bei uns der typische Motor. Beim konzentrierten Arbeiten vergesse ich manchmal das Trinken von Wasser. Dann lässt die Konzentrationsfähigkeit schnell nach. Nach maximal zwei Stunden müssen wir eine mindestens halbstündige Pause machen. Nach zwei Stunden geht die Aufmerksamkeit auch rapide bergab. Zwischendurch stehe ich immer mal wieder auf. Und das bringt auch was: sich umdrehen und die Augen auf etwas Entferntes fokussieren und nicht nur auf den 20 bis 30 Zentimeter entfernten Radarschirm."

Jochen Baumgarten (44) arbeitet als Fluglotse für die Deutsche Flugsicherung (DFS) am Center in Langen.


Wie schafft man es, zu arbeiten, während andere schlafen, Domian?

"Mein Arbeitstag beginnt in der Regel gegen 18 Uhr und hört gegen drei Uhr auf. Dann komme ich nach Hause, kann aber nicht direkt schlafen. Ich lese oder korrigiere dann an meinen eigenen Büchern und komme nicht vor fünf oder halb sechs ins Bett. Dadurch schlafe ich dann bis in den frühen Nachmittag hinein. Das ganze Leben ist also komplett umgedreht. Ich bin von Natur aus ein Nachtmensch, sonst könnte man das so nicht schaffen. Für mich dürfte meine Sendung ruhig eine Stunde früher beginnen, das wäre für meinen Lebensrhythmus super, aber so, wie es ist, ist es auch okay. Das Ganze geht nur nach strengen Regeln und mit sehr viel Disziplin. Ich achte streng auf Sport, Ernährung und wenig Alkohol. Besonders wichtig ist der Schlaf, also dass er funktioniert und lang genug ist, obwohl er in einem anderen Rhythmus stattfindet."

Fünfmal die Woche sitzt 1Live-Moderator Jürgen Domian (54) nachts am Telefon und spricht in der TV-Sendung "Domian" im WDR mit Menschen über Dinge, die sie bewegen.

 

 


Wie organisiert man den perfekten Arbeitstag, Frau Balzer?

"Als Sekretärin hat man sich schnell daran gewöhnt, auf dem Weg zur Deadline bereits gesetzte Prioritäten in kurzen Abständen neu zu überdenken und anzupassen oder Zwischenziele ganz wegzulassen. Denn in diesem Job arbeitet man zum größten Teil immer noch fremdbestimmt. Damit besteht aber zumindest auch nicht die Gefahr, dass man sich in seinem eigenen Zeitkonstrukt oder in seine eigene Perfektionsfalle verrennt - die 'zweite Meinung' ist immer da. Ansonsten habe ich nach der 60/40-Regel gearbeitet: 60 Prozent des Tages verplante Arbeitszeit, 40 Prozent für alles Ungeplante. Für Telefonate habe ich mir ein Zeitlimit gesetzt und versucht, mich nicht gleich morgens in der Bearbeitung von eingegangenen Mails zu verlieren und mir stattdessen später einen separaten Zeit- und Arbeitsblock dafür geschaffen."

Petra Balzer (48) arbeitet seit 25 Jahren als Chefsekretärin. Seit 2010 ist sie mit ihrem Unternehmen KMesc Personal Coach für Fach- und Führungskräfte mit Schwerpunkt Sekretariat.


Wie hält man Stress aus, Herr Posner?

"Die meisten meiner Freunde sagen, ich werde keine 40. Aber Spaß beiseite, klar ist man auf Tour immer unter Strom und es fällt einem schwer, abzuschalten. Am Ende ist es aber das, was ich immer machen wollte, und ich freue mich, mit so wunderbaren Menschen wie den Orsons oder Cro arbeiten zu dürfen. Denn wenn Stress positiv ist, fühlt er sich nur halb so schlimm an, und wenn man vor Problemen steht, versucht man diese bestmöglichzu lösen. Um abzuschalten, versuche ich dann oft das Kontrastprogramm: auf der Schwäbischen Alb bei der Familie mit dem Hund raus, ohne Handyempfang."

Steffen Posner (26, links) ist Geschäftsführer der Chimperator Live GmbH und Tourmanager von Cro und den Orsons.

 

 


Wie merkt man sich viele Zahlen, Herr Voth?

"Ehrlich gesagt, vergesse ich unglaublich viel. Aber an die Dinge, zu denen ich ein emotionales Verhältnis aufbaue, kann ich mich gut erinnern. Das kann beispielsweise eine Frequenz sein, die fantastisch anmutet. Wie die 13 Staatsbankrotte, die Spanien schon hingelegt hat. Oder eine Zahl, die wirklich bedrohlich ist, wie der Rückgang der Aktienkurse in den USA nach 1929 um mehr als 85 Prozent. Zahlen allein sind völlig uninteressant. Als Wissenschaftler weben wir sie in narrative Landschaften oder in Geschichten ein: von Politikversagen und Gier, von Überbewertung und Absturz. Jede einzelne Zahl ist fast egal, aber die Gesamtheit ist die mentale Karte, mit der man als Finanzhistoriker navigiert. Manchmal helfen auch Eselsbrücken. Ich bin ein ziemlich visueller Mensch. Ich muss die Zahl vor meinem inneren Auge sehen. Fast wie ein Gemälde, dann vergesse ich sie nicht so leicht."

Prof. Dr. Hans-Joachim Voth (44) ist ein international bekannter Wirtschaftshistoriker und beschäftigt sich unter anderem mit der Geschichte von Spekulationsblasen und Staatsbankrotten.


Wie geht das, viel Text in kurzer Zeit schreiben, Frau Basner?

"Wenn man professionell Heftromane schreibt und davon leben will, hat man nur ein bis zwei Wochen Zeit, um eine Geschichte fertigzustellen. Eine Schreibblockade kann ich mir also gar nicht leisten. Deshalb ist es wichtig, den Inhalt gut vorzustrukturieren: Was ist das Thema? Wie sind die einzelnen Kapitel aufgebaut? Auch wenn drei Tage darüber gebrütet wird, geht das Schreiben hinterher immer sehr schnell. Am Ende hat man sozusagen Schubladen, die nur noch mit Text gefüllt werden müssen. Ich habe am Tag sechs bis sieben Stunden, die nur zum Schreiben da sind. Da wird keine Wäsche gewaschen und es wird auch niemand angerufen. Zur Not sitzt man das Blinken des Cursors einfach aus und irgendwann kommt es. Manchmal hilft es auch, einfach loszuschreiben. Man hat dann zumindest Material, mit dem man arbeiten kann."

Anna Basener (28) ist Autorin von Groschenheften wie "Wildererblut und Mädchenträume" und hat den ersten Ratgeber zum Schreiben von Heftromanen verfasst.


Wie ist es, monatelang allein zu sein, Herr Gerst?

"Im Normalfall beendet gegen 19:30 Uhr eine Konferenz mit der Bodenstation den Arbeitstag. Danach hat man etwas Zeit für sich und kann seine sozialen Kontakte pflegen. Ich habe zum Beispiel gerade gestern einige Emails von befreundeten Astronauten auf der Raumstation bekommen. Eine weitere Möglichkeit sind Videokonferenzen, oder schlichtweg per Telefon. Ich kann das mit meinen monatelangen Expeditionen in der Antarktis vergleichen. Da habe ich meine Freunde sehr vermisst. Und vermutlich werde ich auch auf der Raumstation das vermissen, was ich gerade nicht habe, zum Beispiel meine Familie und Freunde, oder joggen im Sommerregen. Obwohl der Beruf Astronaut für mich der beste Beruf der Welt ist, würde ich ihn nicht gegen meine Freunde eintauschen, denn Freunde sind für mich eine der wichtigsten Dinge im Leben."

Alexander Gerst (36), zweiter deutscher ESA-Astronaut, wird ab Mai 2014 mehrere Monate lang in 400 Kilometern Höhe auf der ISS leben und arbeiten. Den Geophysiker zog es für Forschungen auch schon in die Antarktis.


Wie behalten Sie so viel Text im Gedächtnis, Herr Hartmann?

"Glücklicherweise fällt mir das Auswendiglernen nicht schwer. Voraussetzung ist aber: Ich muss den Inhalt der Szene, die Motivation und Haltung der Figur wirklich begriffen haben. Habe ich den Text dann auf der Probe zum ersten Mal gespielt, kommt das Körpergedächtnis hinzu. Denn das ist das Verrückte: Habe ich den Text mit einer inneren Haltung, mit einer Bewegung oder speziellen Position verbunden, ihn erlebt, erinnert sich nicht nur mein Hirn, sondern der ganze Körper. Selbst wenn man ein Theaterstück nach langer Zeit wieder 'hochholt', ist plötzlich alles wieder da."

Jörg Hartmann (43) ist Film- und Theaterschauspieler und am 23. September zum ersten Mal als Kommissar im neuen Dortmunder TATORT zu sehen.

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