Jobsuche Geisteswissenschaftler
Bewerbungen schreiben – ohne Ende, ohne Erfolg... | Foto: Unsplash/Bench Accounting

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19. Jun 2017

Anne Walther

Berufseinstieg

Wo sind denn die Jobs für Geisteswissenschaftler?

Ein ehrlicher Erfahrungsbericht

Sieben Monate Jobsuche – und kein Ende in Sicht

Ich habe mich schon wieder dabei ertappt, wie ich verträumt aus dem Fenster schaue. Passiert öfter in letzter Zeit. Schnell richte ich meinen Blick wieder auf den Laptopbildschirm und scrolle weiter durch die Anzeigen der Jobbörse. Nach 20 Seiten Stöbern klicke ich in die Suchzeile. Heute dort nicht fündig geworden. Weiter geht es zum nächsten Portal. Stadt und Schlagwörter: Halle Saale, Medien, Grafik, Kommunikation, Presse, Gestaltung, Öffentlichkeitsarbeit – eine breite Auswahl eigentlich. Und doch hat es immer noch nicht geklappt.

Nach sieben Monaten hat das Bewerbungenschreiben, zu Vorstellungsgesprächen pilgern und Absagen erhalten noch kein Ende gefunden. Dabei will ich einfach nur endlich meine Unterschrift auf einen Arbeitsvertrag klecksen.

Die Kompromisse werden täglich größer

Seit meinem Masterabschluss im Fach Medien- und Kommunikationswissenschaften vor einem Vierteljahr sieht mein Alltag fast immer gleich aus: um halb sieben mit meinem arbeitendem Freund aufstehen, ein wenig Haushalt erledigen, frühstücken und dabei Stellenanzeigen durchforsten. Manchmal finde ich tagelang nichts, was mich anspricht. Aber manchmal sind zwei oder drei interessante Angebote dabei, die perfekt wären – "wären", der Konjunktiv, mein neuer bester Freund. Dabei hat sich die Definition von "perfekt" in den vergangenen Monaten auf verschiedenen Ebenen verändert.

Zu Beginn – blauäugig, hochmotiviert und bereit, schon nach den ersten zwei Bewerbungen im Folgemonat in einem Unternehmen voll durchzustarten –, bestand das Ziel noch darin, sofort den einen Traumjob zu finden. Zwischen 35 und 38 Wochenstunden, Gleitzeit, kurze Arbeitswege und Aufgaben, die abwechslungsreich, spannend und kreativ sind. Unternehmenskommunikation, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Grafiker und Social Media Manager. Gehalt – hauptsache so, dass ich neben den Fixkosten entspannt leben kann und auch mal die Oliven aus dem Feinkostregal in den Korb wandern können.

Mittlerweile bewerbe ich mich auf alles, was irgendwie passen könnte. Zwischen 20 und 40 Stunden, Schichtarbeit, Pendelstrecken von 90 Minuten. Gehalt egal. Hauptsache Arbeit. Hauptsache, endlich was zu tun.


Bewerbungenschreiben

"Man sollte sich auf eine Volo-Stelle stürzen wie ein wildes Tier"

Dabei konnte ich mir schnell eine vollwertige Stelle als echter Mitarbeiter aus dem Kopf schlagen. Denn die wenigen reinen Medienstellen, die in Unternehmen existieren, wollen natürlich erfahrene Mitarbeiter. Welche, die ankommen und die Ruder sofort in die Hand nehmen. Für einen Berufseinsteiger bleiben da anscheinend nur Praktika, Freelancer-Tätigkeiten, Volontariate und Traineestellen. Wenn überhaupt.

Denn da geht das Dilemma oft schon weiter. Praktika kann man als Nicht-Student in den meisten Fällen aufgrund von diversen Steuer- und Versicherungsregelungen überhaupt nicht wahrnehmen. Mit der Suche nach Freelancern sparen sich Unternehmen ebenfalls, eine feste Stelle zu schaffen. Das Risiko trägt der Arbeitnehmer. Volontariate und Traineestellen im Medienbereich sind rar. Finde man eine, sollte man sich auf sie stürzen wie ein wildes Tier.

Von den Eltern und dem Freund mitfinanziert

Eigentlich dachte ich in meiner Naivität, ich hätte soeben eine sechsjährige Ausbildung abgeschlossen und wäre nun bereit, mein Wissen und meine Fähigkeiten sinnvoll irgendwo einsetzen zu können. Aber anscheinend komme ich nicht darum herum, mich noch weiter fortzubilden, um nach weiteren ein bis zwei Jahren tatsächlich als vollwertiger Mitarbeiter irgendwo eine Chance zu haben. Und das zu einem Gehalt, bei dem ich wohl ganz auf Oliven verzichten muss.

Momentan beschränkt sich mein Einkommen auf knapp 200 Euro Taschengeld im Monat. Meine Eltern bezahlen immer noch meine Miete. Langsam wird es mir unangenehm. Arbeitslosengeld erhalte ich nicht, da mein Freund Geld verdient. Soll er mir doch was abgeben – so anscheinend die Devise der Agentur für Arbeit. Noch unangenehmer.

Aber mir geht es trotz Sparkurs finanziell gut. Ich habe ein Dach über dem Kopf und Essen auf dem Tisch. Der große Urlaub muss zwar auf das erste Gehalt warten. Aber es gibt durchaus Absolventen, denen der Geldhahn beizeiten zugedreht wird. Wenn dann auch keine Unterstützung vom Amt kommt, muss eben erstmal Energie in den Kellner-Job anstatt der Jobsuche gesteckt werden. Klar, geht auch, aber ist das das Ziel eines Absolventen? Sich gerade so mit Nebenjobs über Wasser halten?

Bilanz: 2 Bewerbungen pro Woche, 3 Gespräche im Monat

Ich sende im Schnitt zwei Bewerbungen pro Woche raus, habe im Monat geschätzt drei Gespräche. Dazwischen warten und suchen. Und die Wochen vergehen. Im Januar habe ich gehofft, spätestens im Mai an einem Schreibtisch zu sitzen und Geld zu verdienen. Jetzt schleppe ich mich von Monat zu Monat. Frühester Starttermin für potenzielle Jobs mittlerweile September.

Im Dezember 2016 habe ich meine ersten Bewerbungen geschrieben. Mittlerweile bin ich bei 40 plus. Ich habe irgendwann angefangen meinen Bewerbungsordner regelmäßig auszusortieren. Zu zehn Gesprächen war ich bisher eingeladen. Nur rund fünf Unternehmen haben sich gar nicht gemeldet. Guter Schnitt eigentlich. Zwei haben telefonisch abgesagt, vom Rest kam eine standardisierte Mail. Der häufigste Grund der Absage: fehlende Berufserfahrung.

"Intranet-Texte und Social-Media-Kanäle sind doch kein Hexenwerk"

Dabei dachte ich, ich habe während des Studiums überaus viele Erfahrungen gesammelt. Nicht nur durch studiengeleitete Projekte, sondern auch durch diverse Nebenjobs, Praktika und SHK-Stellen. Doch wie ich mittlerweile feststellen muss, zählt das nicht zur klassischen Berufserfahrung. Verständlich. Aber sind diese Erfahrungen deswegen nichts wert?

Natürlich habe ich als Berufseinsteiger und frischer Uniabsolvent keine zweijährige Berufserfahrung bei Vollzeit in einem Unternehmen. Ich hatte keine Zeit. Ich saß in der Uni. Oder habe Grafiken erstellt oder Filme gedreht oder im Schnittraum gesessen oder für Drittmittelprojekte geforscht und recherchiert.

Jetzt frage ich mich natürlich, wie zum einen die richtigen Stellen für mich aussehen und was ich nun zum anderen eigentlich können muss, um eingestellt zu werden? Ich weiß, jeder Job will gelernt sein. Aber seien wir mal ehrlich: Jeder kocht mit Wasser und im Intranet-Texte zu verfassen oder Social- Media-Kanäle zu pflegen ist kein Hexenwerk. Natürlich braucht man Einarbeitungszeit, aber die braucht nun mal jeder. Und nur weil jemand mir vielleicht diese zwei Jahre Berufserfahrung voraus hat, bedeutet das nicht, dass ich für den Job weniger Talent oder Intelligenz hätte. Aber wie beweisen, wenn man keine Chance erhält?

"Genieß die Zeit. Arbeiten kannst du noch lange genug."

An nicht ganz so sonnigen Tagen, wenn ich unmotiviert im Internet surfe, keine Lust auf Bewerbungen habe und mich das Warten auf Absagen (so nenne ich es mittlerweile) halb in den Wahnsinn treibt, denke ich an einen Fakt aus einem Artikel zurück, den ich vor geraumer Zeit gelesen habe:
 


Manchmal muntert mich dieser Gedanke auf. Ich bin also nicht allein. Es liegt nicht an mir. Meine lange Suche entspricht dem Durchschnitt.

Manchmal bringen mich diese eineinhalb Jahre auch zum Verzweifeln. Noch ein Jahr, in dem ich mir tagsüber Aufgaben vornehmen muss, um mich nicht nutzlos und ungebraucht zu fühlen und um die Stunden des Tages irgendwie bis zum Abendbrot herumzubringen. Noch ein Jahr, in dem ich mir nichts guten Gewissens leisten oder gönnen kann, außer das Nötigste. Noch ein Jahr, in dem ich mit mir hadere, ob ich doch Energie in einen Nebenjob als Kellner stecken oder noch die Absage der aktuellen Bewerbungen abwarten soll.

Arbeiten kannst du noch lang genug, genieße diese Zeit. Ein Satz, den ich schon sehr oft gehört habe, früher noch mit einem müden Lächeln und heute nur noch mit hochgezogenen Brauen kommentiere. Leider hindern mich die berühmten Hummeln im Hintern daran, so etwas wie Genuss daran zu empfinden, arbeitslos zu sein und sich jeden Tag Gedanken darüber zu machen, wie wohl der nächste Monat aussehen wird.


Arbeitssuche Geisteswissenschaftler

Die positiven Aspekte des Bewerbungsmarathons

Allerdings habe ich der bisherigen Suche auch einiges Positives abzugewinnen. Denn durch das Schreiben unzähliger Bewerbungen habe ich durchaus ein Gefühl dafür entwickelt, welcher Schreibstil in welcher Branche ankommt. Ich bin zudem flexibler geworden, schaue mich in den verschiedensten Bereichen – und nicht nur Medienunternehmen – um, denn Medien sind heutzutage in jedem Unternehmen mehr oder weniger relevant.

Natürlich nervt es, wenn man sich selbst dabei ertappt, wie man in Vorstellungsgesprächen unbewusst immer wieder denselben Wortlaut für die immer selben Fragen verwendet. Wie ein Bewerberroboter spule ich mit einem netten Lächeln dann meine Vita in Kurzform ab. Aber das verleiht mir ebenso eine gewisse Sicherheit. Ich weiß, wer ich bin, was ich kann, was ich vorzuweisen habe und vor allem weiß ich nach sechs Jahren Studium auch endlich, was ich mir von meiner Karriere erwarte.

Damals noch planlos nach dem Motto "Irgendwas mit Medien", haben sich nun meine Stärken und Schwächen herauskristallisiert. Ich hoffe nur, dass ich dieses Bewusstsein auch zunehmend besser bei potenziellen Arbeitsgebern präsentieren kann.

Ich schließe meinen Browser und lege mir eine Bluse und einen Blazer aus dem Schrank. Ich habe heute Nachmittag ein Vorstellungsgespräch für eine geringgefügige Beschäftigung als Social Media-Assistent. Ein Traum, wenn das klappen würde. 450 Euro monatlich. Nicht viel, aber ein Anfang und vor allem – Berufserfahrung. Damit sucht es sich dann um einiges entspannter weiter nach einem richtigen Job.

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Deine Meinung:

Veröffentlicht am 21. Jun 2017 um 12:02 Uhr von Jana
Also ich habe ebenfalls Geisteswissenschaften studiert und kenne das zumindest ein bisschen mit der Suche. Ich hab allerdings genau 6 Monate nach meinem Abschluss meine Stelle angetreten. Klar die fehlende Berufserfahrung hat es schwerer gemacht, aber nicht unmöglich. Vor allem kleinere Firmen geben auch gerne als Berufseinsteigern eine Chance, da diese auch leichter zu bezahlen sind. Ich muss aber auch sagen, dass ich ihn diesen 6 Monaten weit mehr als 100 Bewerbungen geschrieben habe. Das hat meine Chancen natürlich vergrößert. und das waren nur Vollzeitjobs. Versuch es auch mal initiativ und such nach Mittelständlern bis 100 MA da hast du weit bessere Aussichten.