Noga Erez Interview
"Wir benötigen dringend mehr Vielfalt": Noga Erez im Gespräch | Foto: Hella Wittenberg

Musik

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19. Jun 2017

Hella Wittenberg

Musik

Noga Erez im Interview: Kreativität allein reicht nicht aus!

Noga Erez hat "Klassische Komposition" an der Musikakademie in Jerusalem studiert

UNICUM: Wie gehst du an das Songschreiben und Realisieren heran?
Noga Erez: Dieser Prozess läuft bei mir meist sehr improvisiert ab. Ich liebe es einfach nur so herumzualbern, ohne da zu viel hineinzuinterpretieren. Meine Beziehung zu den Songs ändert sich auch von dem Zeitpunkt, wenn ich sie schreibe, zu dem Moment, wenn ich sie beende, live spiele, auf verschiedenen Bühnen performe oder sie irgendwo abgespielt höre. Die Stücke bekommen mit jedem Mal eine andere Perspektive. Das ist eine gute Sache, denn so fühlen sie sich immer wieder neu und frisch für mich an.

In welchem Alter hast du deinen allerersten Song geschrieben?
Den ersten, der einen richtigen Vers und Refrain beinhaltete, schrieb ich ungefähr mit 18 Jahren. Davor war ich hauptsächlich Musikkonsumentin. Ich sang und tanzte zu allem Möglichen und bettelte meine Eltern an, mich ein Instrument spielen zu lassen. Doch dann konnte ich mich auf keines lange genug einlassen und probierte halbherzig einiges aus. Erst mit 18 bekam ich es langsam hin, mich auch mal länger zu konzentrieren. Mittlerweile arbeitete ich sehr fokussiert und weiß, dass Kreativität nicht einfach durch den Umstand entsteht, dass man die ganze Zeit kreative Dinge macht. Man muss die Umsetzung einer Idee forcieren, selbst wenn man nicht in der kreativsten Stimmung ist. Durch dieses konstante Üben bringe ich jetzt wirklich Resultate hervor. Dabei versuche ich aber, das spielerische, unbewusste Element nicht aus den Augen zu verlieren.

Welches ist dein Lieblingsinstrument?
Das einzige Instrument, bei dem ich mich richtig weiterentwickelt habe, ist das Keyboard. Es ist für mich am zugänglichsten und nun weiß ich genau, wie ich damit Sounds designen kann. Aber die meiste Musik entsteht bei mir am Computer. Da beginne ich mit den Beats, lege mehr und mehr Flächen darauf und erst ganz spät kommt die Melodie dazu.

Wie hast du dir dein Wissen für Musikproduktion angeeignet?
Dafür habe ich "Klassische Komposition" an der Musikakademie in Jerusalem studiert. Aber ich produziere die Songs nicht alleine. Das ist eine Kollaboration zwischen mir und meinem musikalischen Partner Ori Rousso. Als ich ihn traf, änderte das alles für mich. Er hat mir gezeigt, wie man Musik am Computer entwirft. Anfangs hatte ich da noch große Angst, weil ich vorher nur Akustikinstrumente spielte und überhaupt keine Ahnung von elektronischen Geräten hatte. Er war der beste Lehrer, den man sich nur vorstellen kann. Er half mir über meine Unsicherheiten hinweg und erklärte mir alles sehr genau und respektvoll. Nach einigen Stunden bei ihm, fing ich an meine Songs mitzubringen und mit der Zeit wurden wir immer gleichberechtigter in unseren Rollen. Seitdem arbeiteten wir gemeinsam an Tracks und sind ein eingespieltes Team. Wenn wir uns sehen, wärmen wir uns auf, indem wir Musik hören und uns davon inspirieren lassen.

"Ich lebe an einem sehr komplizierten Ort. Das nimmt mich schon sehr ein"

Was hört ihr euch an?
Flying Lotus ist ein immenser Einfluss. Sein Sound hat meine Art des Denkens verändert. Kendrick Lamar ist textlich, rhythmisch und gesanglich eine gute Inspirationsquelle, genauso wie PJ Harvey, M.I.A. und FKA twigs. Die Musik von Vince Staples und Frank Ocean kommt auch noch dazu – halt so Sachen, die auf starken Beats basieren.

Was inspiriert dich an deiner Umgebung?
Ich lebe an einem sehr komplizierten Ort, an dem es immer wieder Konflikte gibt. Das nimmt mich schon sehr ein. Für eine ganze Weile schrieb ich Songs über die Beziehungen in meinem Leben, weil das ein sehr wichtiges Thema in der Zeit für mich war, und ich auch sehr schwierige Beziehungen hatte. Inzwischen ist es in dieser Hinsicht ruhiger geworden und so ist da mehr Platz für meine Umgebung und für das Land, in dem ich lebe. Also schreibe ich mehr darüber, wie mich diese Konflikte persönlich und emotional mitnehmen. In vielen Songs geht es um Angst, Hoffnungslosigkeit und Frustration.

Auf deinem Album geht es auch um deine Ambivalenz zu den Sozialen Medien.
Das stimmt. Es ist schon so, dass ich meine Karriere vor allem durch Social Media nach vorne bringen konnte. Das geht ja den meisten so. Ich meckere dennoch darüber, weil ich mich damit auch selbst kritisieren will. Manchmal finde ich es schwierig zwischen dem zu trennen, was Social Media und was mein Leben ist. Ich vergesse dann, dass einen Menschen nicht nur das Schöne ausmacht, das er online teil, sondern vor allem das Vielschichtige. Wir sind gut und schlecht zugleich. Doch das sehe ich online nicht und das finde ich ziemlich verwirrend und manipulativ. Ich will das anprangern, selbst wenn darüber schon viel diskutiert wurde. Denn ich möchte wieder in einer Gemeinschaft leben, in der nicht jeder ständig an seinem Smartphone klebt und schaut, was die anderen machen. Unsere Köpfe sind so vollgepumpt mit den Ideen von anderen, dass unsere Individualität darin verloren geht. Wir sollten mehr Zeit darauf verwenden, unsere eigenen Meinungen und Gedanken zu entwickeln, bevor wir die von anderen im Social Media aufsaugen. Wir brauchen dafür wieder mehr Platz. Denn wenn wir alle in die gleiche Richtung gehen, ist das vielleicht die falsche. Wir benötigen dringend mehr Vielfalt.

Ihr Ziel: Die Leute zum Nachdenken bringen

Schottest du dich deshalb zukünftig von der Onlinewelt ab?
Ich muss es versuchen. Denn ich bin eine starke News-Konsumentin. Ich liebe es, über die Leben der anderen zu lesen. Aber ich habe mittlerweile gemerkt, wie abhängig ich davon bin. Ich dachte, wenn ich so viele News lese, macht mich das zu einer besseren, klügeren und emphatischeren Person. Aber das ist überhaupt nicht wahr. Durch die ganzen verrückten Geschichten entwickelt man eine dicke Haut und stumpft ab. Ich finde schon, dass wir uns alle informieren sollten, aber man muss auch im Blick behalten, was wirklich wichtig ist.

Du scheinst eine Menge zu sagen zu haben. Wieso kommt dann jetzt erst dein Debüt?
Ich bin immer noch in einer intensiven Findungsphase. Das spiegelt sich auch auf diesem sehr persönlichen Album wider. Doch jetzt lege ich so richtig los. Ich arbeite schon an einer nächsten Platte, auf der ich mehr meinen Standpunkt zu bestimmten Dingen vertreten möchte. Ich will die Leute zum Nachdenken bringen.


Noga Erez: CD-Cover zu Off the RadarUNICUM Musiktipp

Off the Radar

Noga Erez

City Slang

VÖ: 02. Juni 2017

Artikel-Bewertung:

4.67 von 5 Sternen bei 9 Bewertungen.

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