Green Day Revolution Radio
Green Day (v.l.): Mike Dirnt, Billie Joe Armstro und Tré Cool | Foto: Frank Maddocks/Warner Music
Autorenbild

11. Okt 2016

Steffen Rüth

Musik

Revolution Radio: Green Day bringen den Punk zurück!

Statt Alkohol gibt es für Billie Joe Armstrong nun Kaffee, Kaffee, Kaffee

UNICUM: Welcher Plan steckt hinter "Revolution Radio"?
Billie Joe Armstrong: Wir wollten ein wirklich kraftvolles Statement abgeben. Unser Ziel war es, die Leute daran zu erinnern, was für eine großartige Band wir sind. Wir wollten laut sein. Wir wollten schnell sein. Wir wollten aber auch intim sein. Ich denke, das ist uns gut gelungen.

War es schwierig?
Zum Teil schon. Auch wenn du älter wirst, willst du gute Platten rausbringen. Du willst keine dieser Bands werden, die immer fauler wird und der du richtig anhörst, dass es ihr egal ist, was sie tut. Uns ist überhaupt nichts egal im Zusammenhang mit Green Day. Wir lieben, was wir tun. Vielleicht mehr denn je.

Du musstest wegen einer Alkohol- und Medikamentensucht 2012 eure Tournee abbrechen und warst in stationärer Behandlung. Wie geht es dir heute?
Das war eine komische Phase. Es war kompliziert. Ich habe zum Glück noch rechtzeitig gemerkt, dass ich mich um ein paar Dinge in meinem Leben kümmern muss, die außer Kontrolle geraten waren.

Was hast du geändert?
Ich kann mich besser einschätzen, ich weiß, wann mir alles über den Kopf wächst. Ich habe meine eigene Verrücktheit erkannt und besser im Griff.

Trinkst du noch Alkohol?
Nein, ich trinke seit geraumer Zeit überhaupt keinen Alkohol mehr, stattdessen viel zu viel Kaffee. Mike (Dirnt) und ich, wir haben eine organische Kaffeerösterei gegründet, Oakland Coffee Works heißt die. Unser Zeug ist echt verdammt gut!



"Ich sehe jung aus. Ich bin jung!"

Das neue Album hat einen sehr frischen, unverbrauchten Sound. Es klingt ganz und gar nicht wie die zwölfte Platte einer Band von Mittvierzigern, die ihr gesamtes Erwachsenenleben miteinander verbracht haben. Gefällt euch der Ausdruck "Back to the Roots", also "Zurück zu den Wuzeln", um das neue Album zu beschreiben?
Die Beschreibung passt. In uns brodelt seit jeher ein Vulkan. Seit unserer Anfangstage vor mehr als 25 Jahren im Punk-Club Gilman Street drüben in Oakland sind wir dieses musikalische Erdbeben, das jederzeit hochkochen kann. Für uns ist es das richtige Album zum richtigen Zeitpunkt. Wir glauben, dass sich viele Leute nach harten Gitarren, nach kernigen, kräftigen Sounds sehnen. Selbst in der Rockmusik liefen lange Zeit die eher luftigen, lockeren, weicheren Songs sehr gut, die Leute haben die Schnauze voll von diesem soften Zeug. Rockmusik ist unser Leben. Wir werden uns nicht der Fluffigkeit ergeben (lacht).

Warum habt ihr selbst produziert und nicht wieder mit Top-Leuten wie Rob Cavallo oder Butch Vig gearbeitet so wie früher?
Wir wollten niemanden dabei haben. Wir wollten es einfach selbst machen. Ich liebe Rob Cavallo, er hat das verstanden, und in Zukunft werden wir sicher wieder etwas Gemeinsames auf die Beine stellen. Nur: Dieses Mal war es besser so. Nur wir drei in einem Studio. Das Studio ist übrigens auch neu, wir haben es nur für uns gebaut.

Das Album klingt eher wie das Werk von 24-Jährigen als von 44-Jährigen. Wie bekommt ihr es hin, so lebendig zu klingen?
Nun ja, ich fühle mich jung. Ich sehe jung aus (lacht). Ich bin jung!

Singst du in "Youngblood" über deine ewige Jugendlichkeit?
In "Youngblood" geht es um mich und meine Frau Adrienne. Sie ist seit 22 Jahre eine großartige Muse für mich, eine wunderbare Mutter unserer beiden Söhne Joseph und Jacob, die jetzt 21 und 18 Jahre alt sind, sowie nicht zuletzt eine phantastische Liebhaberin (lacht).

"Ich bin der einzige Punkrock-Vater bei uns in der Nachbarschaft"

Du warst schon früh verheiratet und Vater. Kannst du dieses Lebensmodell empfehlen?
Überhaupt gar nicht. Als junge Eltern hast du keinen Schimmer. Du solltest eigentlich wissen, was du tust, aber weder Adrienne noch ich hatten irgendeine Art Durchblick. Man wurschtelt sich dann eben durch das Leben so durch. Meine Jungs sind toll, aber warum sind sie das? Nicht, weil ich so ein großartiger Vater war. Sondern weil meine Frau so eine großartige Mutter ist.

Aber du schlägst dich als Vater ganz wacker, oder?
Ich habe zu meinen Kindern eine tolle Verbindung, wir führen oft unglaublich gute, wertvolle Gespräche. Sie hängen auch gerne mit mir rum.

Um die Familie geht es auch in dem Film "Ordinary World", der bald ins Kino kommt und in dem du eine Hauptrolle spielst, richtig?
Richtig, meine Rolle ist die eines Vaters, der versucht, sein Leben auf die Reihe zu bekommen. Der seine schwierige Vergangenheit hinter sich lassen und sich ganz auf sein Familienleben konzentrieren möchte. Der Typ ist ziemlich verpeilt, aber er kümmert sich, strengt sich wirklich an und ist irgendwie süß.

Eine autobiographische Rolle? Zumal du ja sogar einen Ex-Rockstar spielst.
Jein. Ich spiele eine Figur, ich spiele nicht mich selbst. Doch ein Vater, der versucht, sein Leben und seine Beziehungen auf die Reihe zu kriegen? Hey, damit kenne ich mich aus (lacht). Meine Jungs denken glaube ich, dass ich etwas schräger drauf bin als die Väter ihrer Freunde.

Bist du?
Wahrscheinlich schon. Ich bin ein Punk. Punk zu sein, heißt für mich, frei und nach seinen persönlichen Vorstellungen zu leben. Ich bin der einzige Punkrock-Vater bei uns in der Nachbarschaft, einer Gegend, in der wohlhabende Leute leben. Aber meine Nachbarn mögen mich trotzdem (lacht).


Green Day Band 2016


Punk ist für Green Day mehr als "Fuck the System"

Ist "Revolution Radio" ein politisches Album?
Es ist ein thematisches Album. Wir sind ebenso verwirrt wie alle anderen, warum Schwarze ungestraft von der Polizei erschossen werden, warum Donald Trump als Präsident kandidieren kann, warum überall dieses Chaos herrscht. Ich versuche, diesen ganzen Mist irgendwie für mich im Kopf zu sortieren.

Stimmt es, dass du den Titelsong "Revolution Radio" geschrieben hast, nachdem du in New York bei einer Demonstration mitgelaufen bist?
Ja, wir standen im Stau auf der 8th Avenue, und ich bin einfach ausgestiegen und marschiert. Ich wollte einfach Teil dieses Protestzugs sein, auch das ist Punkrock für mich: Punk bedeutet, dass man das System kritisiert, hinterfragt und versucht, die Menschen aus ihrer Wohlfühlzone zu holen. Punk bedeutet für mich mehr als "Fuck The System", er ist sehr viel konstruktiver als so ein Slogan.

Du hast vor kurzem in einem Interview Donald Trump mit Adolf Hitler verglichen. Bleibst du da dabei?
Die Schlagzeilen sahen dann doch sehr viel knalliger und reißerischer aus als das, was ich wirklich gesagt habe. Ich möchte ihn jetzt lieber mit Ronald McDonald vergleichen, das trifft es besser. Trump ist ein Clown, ein Witz.

Ihr seid jetzt seit einem Jahr in der "Rock’n’Roll Hall of Fame". Wird die Band seitdem anders wahrgenommen?
Wir tauchen jetzt neuerdings auf dem Radar von Musikfans auf, die älter sind als wir selbst. Das ist etwas Neues für uns. Bislang spielten wir ja hauptsächlich für ein Publikum in unserem Alter und jünger, wobei aus irgendeinem Grund bei jedem neuen Album verlässlich wieder neue 16-jährige, den Punk liebende, Kids vorne standen.

Wird der Rock’n’Roll überleben?
Natürlich. Was denn sonst? Rockmusik ist sehr lebendig. Irgendwelche Kids werden die Fackel weitertragen. Und wenn es meine eigenen sind. Joe und Jacob spielen beide in Bands, und das machen sie sogar richtig gut (lacht).


Green Day Revolution Radio AlbumUNICUM Musik-Tipp

Revolution Radio

Green Day

Warner Music

VÖ: 07. Oktober 2016

Artikel-Bewertung:

3.35 von 5 Sternen bei 249 Bewertungen.

Deine Meinung: