Technik der Zukunft
Unsere Zukunft – erstrahlt sie nur im Schein der Bildschirme? | Foto: Unsplash/Larm Rmah

Netzwelt

28.02.2017

Digital Detox

Digital Detox: Einfach mal offline gehen

Das Smartphone ist unser Wecker, unser Radio, unsere Verbindung zur Außenwelt. Unser Bahnfahrplan, die Fernsehzeitung, die Mensa-Speisekarte. Es ist Fernsehen, Tageszeitu ... mehr »

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27. Mär 2017

Nina Weidlich

Netzwelt

Wie düster wird die digitale Zukunft?

Immer schneller, immer näher: Technischer Fortschritt, der abhängig macht

Technik sei dank verlernen wir die einfachsten Dinge

Wir sehen sie im Wartezimmer unseres Hausarztes, an der Haltestelle oder in der WG-Küche: Menschen, die auf ihr Smartphone starren. Meistens sind wir selbst einer von ihnen. Manchmal nehmen wir uns vor, unsere Nase mal wieder in ein Buch zu stecken, anstatt in die Chronik des sympathischen Arbeitskollegen. Nie geht unser Plan auf. Langeweile existiert für uns schon lange nicht mehr: Müssen wir auch nur zwei Minuten warten, zücken wir das Smartphone und beantworten WhatsApp-Nachrichten, posten Instastories oder checken unseren Newsfeed.

Wirklich Nützliches erledigen wir an unseren smarten Telefonen selten, jede Menge Zeit fressen sie trotzdem – und machen uns zu unproduktiven und unkommunikativen Zombies. Zwar sind wir immer und ständig mit allen unseren Kontakten vernetzt, schreiben mal hier und kommentieren mal dort, doch die Real-Life-Kommunikation bleibt dabei immer mehr auf der Strecke.

Aber nicht nur die: Auch die einfachsten Fähigkeiten und Tugenden verlernen wir nach und nach. Den Preis für die Pizzabestellung zusammenrechnen? Macht die Liefer-App automatisch. Pünktlich zum Treffen mit den Freunden aufkreuzen? Ist doch egal. Eine kurze Sprachnachricht und alle wissen Bescheid, dass sie warten müssen. Sich Geburtstage und Telefonnummern merken? Oldschool.

Würde uns heute jemand sagen, dass wir in zehn Jahren vermutlich nicht einmal mehr eine handschriftliche Notiz verfassen können: Wir würden wahrscheinlich mit den Augen rollen. Aber genauso unwirklich muss es unseren Omas und Opas vorkommen, wenn sie sehen, dass wir es nicht einmal schaffen, eine Landkarte gescheit zusammenzufalten – geschweige denn, mit ihrer Hilfe ans Ziel zu kommen.

"Wir müssen echt aufpassen, dass wir Menschen uns nicht abschaffen"

Bert te WildtSind wir doch mal ehrlich zu uns selbst: Ohne diese kleinen, allwissenden Geräte wären wir im Alltag aufgeschmissen. Aber auch mit Smartphones sind wir oft zu unkonzentriert, um die Dinge zu erledigen, die wirklich wichtig sind. Nicht immer muss man hier gleich von einer Sucht sprechen, wie Dr. Bert te Wildt, Autor des Ratgebers "Digital Junkies" und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie weiß: "Dieses Gefühl, süchtig nach dem Smartphone zu sein, haben momentan sehr viele Menschen, die nicht im engeren Sinne krank sind."

Zwar findet der Experte für Internet- und Computerspielabhängigkeit, dass die Medienkompetenz im Zuge der digitalen Revolution an Schulen gefördert werden sollte. Trotzdem gibt er zu bedenken: "Wir müssen echt aufpassen, dass wir Menschen uns nicht abschaffen. Wir werden zunehmend von Algorithmen bedient – zumindest scheinbar, denn eigentlich ist es umgekehrt: Wir dienen den Algorithmen."

Dr. te Wildt hält deshalb eine Art "analoges Backup" für besonders wichtig: "Wir brauchen ein analoges Repertoire an Kulturtechniken und müssen das auch an die nächsten Generationen weitergeben. Nur so sind wir noch in der Lage, uns halbwegs zu verständigen und zu organisieren, wenn mal alle Netze zusammenbrechen oder von Terroristen oder Diktatoren gekapert werden."

Das Smartphone ist nicht das Ende der Entwicklung

Aber ist es dafür nicht schon viel zu spät? Nein, meint der Experte: "Ich glaube, dass es schon längst eine Gegenbewegung gibt. Das Thema Digital Detox geht ja auch schon in diese Richtung. Wir werden lernen, in beiden Welten zu leben, ohne, dass sie sich gegeneinander ausspielen müssen."

Die ersten Reaktionen auf unser gestörtes Smartphone-Verhalten gibt es ja bereits: In einigen Städten wie Köln oder Augsburg wurden Bodenampeln eingerichtet, die uns permanent vornübergebeugten "Smombies" im Straßenverkehr schützen sollen. Bert te Wildt hält das für Quatsch: "Solche Aktionen sind viel zu vorschnell. Nur weil gerade eine neue Sau durchs digitale Dorf gejagt wird, müssen wir nicht unseren gesamten Alltag danach ausrichten. Wir sollten vielmehr ein bisschen weiter in die Zukunft schauen, was als nächstes kommt."

Denn schon bald werden die bunt blinkenden Displays vermutlich gar keine Rolle mehr spielen. "Dieses Rumgetippe auf den Geräten ist meiner Meinung nach bereits ein Anachronismus. Die Displays werden direkt vor das Auge rutschen, wie bei den Google Glasses, oder gar auf die Retina projiziert werden. Es gibt auch schon erste Prototypen von Smartphones, die wie Beamer funktionieren und in kürzester Zeit Projektionen und eventuell auch Hologramme erzeugen können."


Sony Xperia Touch Beamer


Neue Techniken, neue Formen der Abhängigkeit

Aber machen uns diese neuen Techniken nicht noch unkommunikativer, noch mehr zu Zombies? Das kommt ganz darauf an, wie wir die neuen Technologien nutzen. Denn smarte Brillen, Beamer oder Chips unter der Haut eröffnen nicht nur neue Möglichkeiten der Mediennutzung, sondern bieten auch Raum für neuartige Formen der Abhängigkeit.

Dr. te Wildt steht solchen Entwicklungen deshalb skeptisch gegenüber: "Die Vorstellung, Bilder direkt auf die Retina zu projizieren, finde ich total gruselig. Das ist so ähnlich wie das Brett vorm Kopf, wenn wir uns das Smartphone vor das Auge klemmen und uns vor der ganzen Welt abriegeln – zum Beispiel mithilfe von Virtual-Reality-Brillen. Da sprechen wir nicht mehr nur von Internetabhängigkeit, sondern auch von einer ökonomischen Abhängigkeit von Konzernen oder Menschen, die uns aus dem Internet heraus manipulieren wollen."

Chips unter der Haut, mit denen wir Türen öffnen, unser Auto starten und im Supermarkt bezahlen können – das sind längst keine Zukunftsvisionen mehr. Aber wie in der Mode müssen wir auch in der digitalen Welt nicht jedem Trend hinterherrennen. Der Experte meint: "Ich kann mir vorstellen, dass die Technik noch nutzerfreundlicher wird und noch näher an uns heranrückt, ohne in uns hineinzurücken – dadurch hätten wir dann tatsächlich mehr Kontrolle über sie."

Und vielleicht, ja ganz vielleicht, schauen wir ja sogar mal wieder nach vorne, anstatt mit gesenktem Kopf stumpf auf unsere Bildschirme einzuhämmern. 

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