Wissenschaftskrise
Auch beim Faraday'schen Käfig stimmt was nicht | Foto: Wikimedia Commons/Antoine Taveneaux

Studibuzz

03.08.2015

Kuriose Uni-Fakten

Unnützes Wissen: Kuriose Fakten rund ums Studium

Rekordverdächtiges, Amüsantes und...

Vorlesungen, Seminare und Creditpoints sorgen unter Studenten zwar für Gesprächsstoff, aber wirklich unterhaltsam sind diese Themen nie. Diese kuriosen Fakten hingegen sc ... mehr »

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05. Okt 2016

Achim Wagenknecht

Zündstoff

Echt??? Die Wissenschaft in der Krise!

In vielen Forschungsdisziplinen bleibt die Qualität auf der Strecke

Hätten Ingenieure nicht heimlich nachgerechnet ...

Wie kann ein großer Fehler im berühmtesten Lehrbuch der Physik über 50 Jahre lang unentdeckt bleiben? Das fragt sich Nick Trefethen, Professor für Numerische Analyse in Oxford. Er hat auf einen anonymen Tipp hin die Formeln für den Faraday‘schen Käfig (Der Metallkäfig, in dem man Blitzschläge übersteht – siehe Aufmacherbild) untersucht. Ergebnis seiner Analyse: Die Formel in den Feynman-Vorlesungen, einem Standardwerk der Physik, stimmen nicht.

Zum Glück funktioniert der Käfig trotzdem. Und auch deine Mikrowelle. Die schirmen nämlich ihre Strahlung mit genau so einem Faraday‘schen Käfig ab – damit nur das Essen gekocht wird und nicht der Studi, der es sich warm macht. Die Ingenieure, die die Mikrowellen konstruiert haben, müssen bei ihren Messungen festgestellt haben, dass da etwas nicht stimmt, und haben stillschweigend ein dickeres Lochblech eingebaut.


Auch hier stimmt was nicht:

Pharmazie

Forscher der Pharma-Industrie kommen bei ihren Versuchen, die Ergebnisse universitärer Forschung in die Praxis umzusetzen, immer wieder an den Punkt, an dem etwas nicht passt. Trotz erfolgversprechender Grundlagenforschung wollen viel zu oft einfach keine brauchbaren Medikamente herauskommen. 2011 wollten es Forscher von Bayer Healthcare genau wissen. Sie überprüften 67 hochrangige Studien zu neuen Krebsmedikamenten. In drei Viertel der Fälle ließen sich die Ergebnisse nicht reproduzieren.

Psychologie

Generationen von Studenten haben gelernt, dass Willenskraft sich abnutzt. Jetzt kommt heraus: Das seit der Jahrtausendwende gelehrte Phänomen der "ego depletion" gibt es nicht. Und es ist nicht nur ein einzelner Forscher, der das behauptet: Gleich 24 Teams haben nach dem Effekt gesucht, nur zwei fanden ihn, eine Gruppe fand sogar das Gegenteil. Im Sommer 2015 wiederholte die Open Science Collaboration 100 psychologische Experimente aus drei der angesehensten Fachzeitschriften. Zwei Drittel funktionierten nicht.

Hirnforschung

Hier erwischt es gleich Tausende von Studien, die sich auf die funktionelle Magnetresonanztomographie stützen. Damit kann man quasi dem Gehirn beim Arbeiten zuschauen. Neurologen stehen Schlange, um mit den Geräten arbeiten zu dürfen. Allerdings wurde mit dieser Methode auch schon Gehirnaktivität bei einem toten Fisch nachgewiesen. Der Versuchsaufbau ist derart kompliziert, dass oft eher abstrakte Kunst herauskommt als Messergebnisse. Jüngst wurde die Mathematik dahinter analysiert. Ergebnis: Viel zu oft werden Effekte gemessen, wo gar keine sind.


Wissenschaftliche Ergebnisse auf Teufel komm raus!

"Wissenschaftsmüll" – von diesem harten Ausdruck ist immer öfter die Rede. Weil die Ergebnisse inzwischen derart selten reproduzierbar sind. In den USA spricht man offen von der "Replication Crisis" – in der deutschen Wikipedia taucht die Reproduzierbarkeitskrise noch nicht auf. Dabei hat das Problem längst alle Naturwissenschaften, die Medizin und die Sozialwissenschaften erfasst.

Physik beruht auf harten Fakten? Denkste! Viele Physiker tun heute nichts anderes als alle anderen Forscher auch: Sie sammeln massenweise Daten – mehr oder weniger systematisch –  und hinterher drehen sie sie so lange statistisch durch die Mangel, bis etwas herauskommt – irgendwas! Hauptsache man hat ein Ergebnis. "Folter deine Daten, bis sie gestehen!" ist der sarkastische Leitspruch dieser Forscher.

Die Statistik ist heute die Königsdisziplin der Wissenschaft. Kein Fach kommt ohne sie aus. Nie sind Versuchsergebnisse so eindeutig, dass sie ohne statistische Analyse ein Ergebnis zeigen. Trotzdem wird Statistik nur an sechs deutschen Hochschulen als eigenes Fach gelehrt. Das Problem ist tief im System der Wissenschaft verwurzelt. Ruhm, Jobs und Fördergelder gibt es nur für Ergebnisse mit Neuigkeitswert. Und deshalb werden die produziert – auf Teufel komm raus. Die Qualität bleibt dabei mehr und mehr auf der Strecke. Die Wissenschaft hat uns in den letzten 200 Jahren einen unglaublichen Fortschritt geschenkt. Aber jetzt droht sie am eigenen Erfolg zu ersticken.

Ein möglicher Ausweg?

Dabei wäre die Lösung ganz einfach: Weg mit dem Fortschrittswahn! Forschungsgelder müssen umverteilt werden, weg vom Neuigkeitswahn, hin zu Überprüfungen.

Philosophen lehren seit Jahrhunderten Wissenschaftstheorie. Ein Fach namens "Wissenschaftspraxis" gibt es jedoch bis heute nicht. Zwar gibt es erste Anzeichen für ein Umdenken. An der Universität Stanford wurde 2014 das "Meta Research Innovation Center" gegründet, kurz METRICS. Meta-Research, Meta-Forschung, das ist die Erforschung der Forschung selbst. Wie gelingt sie und warum scheitert sie neuerdings so oft? Aber noch werden solche Fragen viel zu selten systematisch untersucht. METRICS hat gerade mal acht feste Mitarbeiter.

Seit diesem Jahr gibt es die Zeitschrift "Research Integrity and Peer Review", die ausschließlich Artikel rund um die wissenschaftliche Qualitätssicherung publiziert. Der Blog "Retraction Watch" sammelt seit 2010 systematisch wissenschaftliche Beiträge, die wegen Fehlern zurückgezogen wurden.

Die Forschungsfinanzierer der niederländischen NWO haben gerade das weltweit erste Förderprogramm für Überprüfungsstudien gestartet. Umfang: drei Millionen Euro. Das ist weniger als ein Zehntausendstel der Summe, die allein in Deutschland jedes Jahr für Forschung ausgegeben wird. Bei diesen Relationen wird uns die Bullshit-Wissenschaft noch lange erhalten bleiben.


Meinung

Achim Wagenknecht

"Bei den Recherchen zu diesem Thema ist mir klar geworden: Die Qualitätssicherung der Wissenschaft ist ein politisches Problem. Forschung kann nur systematischer, transparenter und professioneller werden, wenn massiv Gelder umverteilt werden. Weg von der Jagd nach Neuem, hin zu sorgfältigen Überprüfungen. Das ist eine politische Entscheidung. Sie geht uns alle an, denn es ist unser Geld, das für nutzlose Studien verpulvert wird. Und es sind Studenten wie ihr, die in diesem System verheizt werden!"

  • "Wehrt euch!" rät Fachjournalist Achim Wagenknecht.

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