Medizin-Praktikum in Eritrea
Jonathans schönster Lohn nach zwei OPs pro Tag: Kinder, denen es wieder gut geht | Foto: ARCHEMED

06.01.2016

Medizin studieren

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Von der Wissenschaft in die Praxis

Wer Medizin studieren will, den erwartet eines der anspruchsvollsten und lernintensivsten Fächer. Mit mindestens zwölf regulären Semestern Studienzeit ist es auch das län ... mehr »

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16. Jun 2017

Ann-Christin Kieter

Engagement an der Uni

Hilfseinsatz in Eritrea: Von falschen Timings und enormer Dankbarkeit

Unverständnis und Gegenwind von allen Seiten

UNICUM: Du warst der erste Student, der seine Famulatur über den Verein ARCHEMED im ostafrikanischen Eritrea absolviert hat. Hatte das einen bestimmten Grund?
Jonathan Bernd: Nein, ich denke, das war eher Zufall, weil es die Organisation erst seit 2010 gibt. Ich bin jetzt im neunten Semester, aber man hätte dort sogar auch in einer früheren Phase des Studiums hingehen können. Bei mir hat sich das so ergeben, weil mein Papa auch Arzt ist und den Gründer kennt. Ich hab ihn dann einfach gefragt, ob ich mitkommen kann.

Hattest du denn Bedenken in Bezug auf das Land, das sehr am und verschlossen ist?
Es waren gemischte Gefühle. Ich bekam von vielen Seiten Gegenwind und Unverständnis zu spüren. Unter den Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen, sind schließlich auch viele aus Eritrea. Da fragt man sich schon, warum die Menschen ihr Land verlassen müssen. Ich wollte mich daraufhin näher informieren, aber das ist relativ schwierig. Die Eritreer sind recht abgeschottet und wollen sich gar nicht in die internationale Gemeinschaft integrieren. Also habe ich einfach versucht, sehr unvoreingenommen die Sache heranzugehen.   


InfoWas ist eine Famulatur?

Als Famulatur (vom lateinischen "famulus" – "Diener") bezeichnet man Praktika, die für werdende Ärzte und Apotheker vorgeschrieben sind. Mediziner müssen insgesamt vier machen, zwei davon sind vorgegeben: eine beim Hausarzt und eine in der Ambulanz. Die anderen beiden sind frei. Jonathan beispielsweise war vor Eritrea schon für einen Monat in Nepal.


"Ich habe mich noch nie so sicher gefühlt wie hier"

Welche Erfahrungen hast du letztendlich gemacht?
Die wenigen Sicherheitsbedenken, die ich hatte, waren relativ schnell weg. Ich war noch nie an einem Ort, an dem ich mich so sicher gefühlt habe. Und das ging allen so, auch den Mädels. Jeder hatte sich im Vorfeld seine Gedanken über Diebstahl gemacht und sich vorgestellt, dass man da dann quasi ein wandelnder Geldsack ist. Aber es gab keine Straßenkriminalität. Sogar im Dunkeln war es überhaupt kein Problem, durch die Stadt zu laufen.  

Aber ihr habt bestimmt  auch in einem besonders sicheren Gebiet gelebt.
Wir waren in Asmara, der Hauptstadt. Um da rauszukommen, braucht man ein Visum. Ich war einmal für drei Tage am Roten Meer. Das war auf jeden Fall anders. Es war ein richtiges Kriegsgebiet mit zerstörter Stadt. Die Leute waren daher ärmer und perspektivloser als in der Stadt, wo geschäftiges Treiben herrschte.

Weiße sind eine Attraktion für die Jüngeren

Wie wurdet ihr generell von den Einheimischen aufgenommen?
Jonathan BerndGanz, ganz herzlich! Die Leute sind auch sehr ehrlich, man hat nicht das Gefühl, dass sie einen verarschen wollen. Da es keinen Tourismus gibt, sind Weiße natürlich etwas Ungewöhnliches, gerade für meine Generation. Die Älteren hingegen kennen das noch, weil das Land bis 1943 italienische Kolonie war – was man heute übrigens noch an dem Flair in den Straßen und dem Essen merkt, überall gibt es Pizza, Kaffee und Eis. Da die Eritreer so abgeschlossen von der Außenwelt sind und es nur ganz wenig Internet und einen Fernsehsender gibt, sehen die einzigen Weißen, die sie mal sehen, entweder Botschafter, die für die Regierung arbeiten oder eben Mitarbeiter einer Hilfsorganisation. Von daher ist ein gewisser Respekt quasi vorprogrammiert. Und wenn man dann noch ein, zwei Worte Tigrinya gesprochen hat, konnte man gleich ein Leuchten in den Augen erkennen.

Hast du die Sprache vorher extra gelernt? 
Nee, das kam ganz automatisch. Man schnackt mit den Hotelangestellten und so und lernt dabei ein paar Wörter. Sobald man ein bisschen was kann, wächst das immer weiter. Aber so richtig unterhalten konnte ich mich nicht.

2 OPs pro Tag – manchmal mit Improvisation

Wie sah dein Alltag aus?
Das hing ein bisschen davon ab, welche Teams aus Deutschland gerade vor Ort waren. Die ersten zwei Wochen meines Einsatzes war das Herz-Team da. Die Chirurgen, Anästhesisten und Pfleger haben Screenings gemacht und Kinder ausgewählt, deren Erkrankungen man mit einem einzigen Eingriff behandeln konnte. Wir haben dann zwei Operationen pro Tag gemacht. Erst war ich jeden Tag mit im OP, dann wollte ich noch auf der Intensivstation mitarbeiten. Später kamen dann erst Gynäkologen und dann noch Orthopäden.

Wie gut kamst du mit der Ausstattung zurecht? Man stellt sich das natürlich recht spartanisch vor.
Für die Verhältnisse war alles sehr professionell. Die Teams sind gut organisiert und schauen im Vorfeld, dass alles vor Ort ist. Ich hatte aber auch einen ganzen Koffer mit sterilem Material wie Handschuhe und Kittel dabei. Ansonsten musste man aber immer mal improvisieren, weil zum Beispiel irgendwelche Medikamente nicht da waren. Und für die Anästhesisten war es nicht so leicht, die Kinder mit einem Beatmungsgerät für Erwachsene zu beatmen. Manchmal haben wir auch Sachen wiederverwendet, die bei uns sofort weggeschmissen werden. Keine Kanülen oder so, aber manche Salben beispielsweise.

"Die Kälte gegenüber Neugeborenen war gewöhnungsbedürftigt"

Hast du dort auch Erkrankungen gesehen, die bei uns gar nicht vorkommen?  
Relativ spannend war die Woche in der Geburtshilfe. In Deutschland gibt es ja zahlreiche Vorsorgeuntersuchungen während der Schwangerschaft. Es wird auch Folsäure substituiert, um Fehlbildungen vorzubeugen. In Eritrea nicht. Deswegen sieht man dort auch noch sogenannte offene Rücken, Wasserköpfe oder andere Fehlbildungen, die im Ultraschall auffallen würden. Auch die Dimensionen waren ganz anders. Unser Geburtenzentrum in Berlin mit etwa 4.500 Geburten pro Jahr ist schon groß. Dort in dem Krankenhaus sind es 8.000. Es herrscht auch eine gewisse Distanz zu den Neugeborenen. Wenn von den acht Kindern, die eine Frau im Laufe der Zeit durchschnittlich bekommt, eins nicht durchkommt, dann ist das eben kein großes Drama. Diese Kälte ist anfangs sehr gewöhnungsbedürftig. 

War das für dich so ziemlich das prägendste Erlebnis?
Was auch schlimm war: Gerade als das Herz-Team abgereist ist, wurde bei einem Kind ein Herzfehler diagnostiziert, den man relativ schnell operieren muss, weil das Blut nicht ausreichend mit Sauerstoff gesättigt werden kann. Dann musste man leider sagen, dass die OP jetzt niemand durchführen kann und die Experten erst wieder in einem halben Jahr da sind. Das ist schon bitter.


ARCHEMED in Eritrea


Fasziniert vom Mond

Und im Gegensatz dazu? Woran erinnerst du dich besonders gerne?
Es gab viele wunderschöne Momente, wenn die Kinder nach der Operation das erste Mal aufstehen. Sie sind total geschafft, aber man sieht ihnen deutlich die Zuversicht an. Und die Dankbarkeit war wirklich überwältigend. Ein 11-Jähriger hat uns nach seiner OP auf einen Zettel geschrieben, dass er dankbar ist, dass wir von soweit her gekommen sind, um ihm zu helfen. Außerdem war ich total fasziniert vom Mond! Der steht dort ganz anders. Die Sichel ist nicht seitlich, wie wir das kennen, sondern liegt auf dem Rücken.

Was nimmst du persönlich für dich mit? Weißt du jetzt zum Beispiel, in welche Fachrichtung du dich spezialisieren möchtest?
Ich hatte davor schon ein bisschen mit Kindermedizin geliebäugelt. Das hat sich auf jeden Fall gefestigt. Ich weiß nur noch nicht, in welchem Bereich. Auf jeden Fall möchte ich solche Einsätze in mein Leben integrieren. Entwicklungshilfe ist ein sehr diskutables Thema. Man reist an, hilft für einen bestimmten Zeitraum und ist dann wieder weg. Bei ARCHEMED hat mir gut gefallen, dass vorhandene Strukturen genutzt werden, zum Beispiel indem das lokale Personal eingebunden und weitergebildet wurde. So wird die Hilfe nachhaltiger. An diesem Aspekt möchte ich gerne weiter arbeiten.


InfoÜber ARCHEMED

ARCHEMED – Ärzte für Kinder in Not e.V. ist ein gemeinnütziger Verein ohne hauptamtliche Mitarbeiter – gegründet 2010 von Dr. Peter Schwidtal in Soest –, der sich zur Aufgabe gemacht hat, das Leben der Kinder in Eritrea spürbar und dauerhaft zu verbessern.
Gearbeitet wird auf drei Feldern:

  • Akuthilfe: regelmäßige Einsätze von hoch qualifizierten und spezialisierten Teams von Medizinern und Pflegekräften, z. B. im Bereich Geburtshilfe oder Chirurgie
  • Infrastruktur: der Auf- und Ausbau medizinischer Einrichtungen wird organisiert und gefördert
  • Aus- und Fortbildung: Für eine selbstständige Zukunft werden einheimische Kräfte in die Operationen und Untersuchungen eingebunden.

Größter Erfolg: Durch den Aufbau von Neugeborenen-Stationen und die Qualifizierung einheimischen Personals hat der Verein dazu beigetragen, dass Eritrea das UN-Millenniumsziel erfüllt, die Kindersterblichkeit um mindestens zwei Drittel zu senken – als eines von ganz wenigen afrikanischen Ländern.

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