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Studenten als Versuchskaninchen

Neue Abschlüsse, aber kein neues Geld

Foto: getty

Die Hochschulen jonglieren zwischen alten und neuen Studiengängen. Alt-Studenten und BA-MA-Pioniere leiden darunter gleichermaßen.


Hochschulwechsel? Das dürfte heutzutage doch wirklich kein Problem mehr sein, dachte sich Jörg, Theologiestudent an der Uni Passau, und beantragte in Regensburg die Anerkennung der an seiner alten Uni gemachten Scheine. Doch der angehende Religionswissenschaftler hatte den modernen Bürokratenwahnsinn unterschätzt: Die Regensburger Uni akzeptierte einen Passauer Leistungsnachweis nicht, und sie führte dazu eine höchst kuriose Begründung an: Der Stempel auf dem Theologieschein sei „leider eckig“. In Regensburg jedoch, musste Jörg lernen, erkenne man „nur runde Stempel“ an – und so musste er 120 Kilometer zurück nach Passau reisen, um den richtigen Stempel abzuholen.

Mit Bologna sollten Mobilitätshürden ein Ende haben

Das war 1996. Die skurrile Geschichte zeigt, wie schwer sich Studierende seinerzeit mit der auch damals schon geforderten Mobilität im Studium taten – erst recht, wenn sie nicht nur innerhalb eines Bundeslandes die Hochschule wechseln wollten, sondern möglicherweise sogar mit einem Auslandsaufenthalt liebäugelten. Doch mit solchen Mobilitätshürden sollte es ein Ende haben, beschlossen 29 europäische Staaten im Juni 1999 im italienischen Bologna: Wie einst der Humanist Erasmus von Rotterdam (1446 bis 1593), den es zum Studium nach Paris, zur Promotion nach Turin, zu Lehraufträgen nach Cambridge und Freiburg und im Alter nach Basel verschlug, so sollten auch heutige Studenten problemlos über den Kontinent ziehen können. „So etwas muss im Europa des 21. Jahrhunderts wieder möglich sein“, beschreibt Bundesbildungsministerin Annette Schavan die Ziele des so genannten Bologna-Prozesses, der für sie im Übrigen „eine Erfolgsgeschichte“ ist.

Doch längst nicht alle Beteiligten wollen sich diesem positiven Urteil anschließen. Zwar sind tatsächlich im laufenden Sommersemester zwei von drei Studiengängen in Deutschland auf die neuen Abschlüsse Bachelor und Master umgestellt (vgl. Infokasten). Und es stimmt, dass nach neuesten Zahlen der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) die Absolventen der verschulten Bachelor-Studiengänge viel schneller studieren als frühere Kommilitonen, die noch nach den laxen Diplom-Ordnungen eingeschrieeingeschrieben waren. „Das ist ein positives Bild. Es zeigt, dass die neue Studienstruktur den Studierenden wirklich hilft, zügiger zu studieren“, sagt HRK-Präsidentin Margret Wintermantel. 

Tabelle | Bachelor
Doch je weiter die Reformen fortschreiten, desto mehr Pannen werden auch bekannt. Da klagen verbliebene Diplom-Studenten in Hamburg darüber, dass sie in Übungen mit 150 Teilnehmern sitzen, während ihre Bachelor-Kommilitonen höchstens 22 Mit-Studenten im Kursus ertragen müssen. Auf der Homepage seminarrauswurf.de häufen sich die Beschwerden von Studenten, die an den überfüllten Unis wegen der neuen, besseren Betreuungsverhältnisse keine Plätze in Veranstaltungen mehr bekommen haben. Und nicht nur Fachorganisationen wie der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) klagen darüber, dass die neuen, strafferen Stundenpläne kaum noch Platz für ein Semester jenseits der Grenzen lassen. Ob die dort erworbenen Scheine dann auch an der Heimat-Hochschule anerkannt werden, ist darüber hinaus noch eine ganz andere Frage – denn nicht einmal der Wechsel innerhalb Deutschlands klappt reibungslos.

„Sehr, sehr kompliziert“, sei das jedenfalls gewesen, als sie nach dem Grundstudium der Politikwissenschaften in Leipzig zum Hauptstudium an die Uni Köln wechseln wollte, berichtet die Studentin Lena von ihren Erfahrungen. „Für eine Sprechstunde musste ich mal extra 600 Kilometer nach Köln fahren, habe dann zehn Minuten geredet, einen Stempel bekommen und bin wieder 600 Kilometer zurück gefahren“, erinnert sie sich an das bürokratisch höchst anspruchsvolle Anerkennungsverfahren: „Das ist nervig, dass ich dann für eine Sache in drei verschiedene Büros musste, dreimal Formulare mitbringen, dreimal Öffnungszeiten abpassen.“ Immer und immer wieder habe sie zum Beispiel ihr Abi-Zeugnis vorlegen müssen, „obwohl denen das doch nach dem ersten Mal Kopieren eigentlich vorliegen musste“.

Typisch deutsch: Erst Struktur dann Inhalt

Tabelle | Bachelor
Ein Problem, das Wolfram Eberbach kennt. Der Ministerialdirigent im thüringischen Kultusministerium verfolgt die aktuelle Entwicklung ganz genau. Zwei „gegenläufige Tendenzen“ macht Eberbach dabei aus: Einmal die Idee vom einheitlichen europäischen Hochschulraum mit überall vergleichbaren Studienstrukturen, andererseits aber auch die Aufforderung der Politik an die Hochschulen, individuelle Profile zu bilden. „Jetzt entwickelt sich das Problem, dass innerhalb der neuen Studiengänge zum Teil die Ausrichtung und die Schwerpunkte unterschiedlich gesetzt werden“, hat Wolfram Eberbach festgestellt. Was der einzelnen Hochschule zur Profilbildung dient, wird damit für die Studierenden zum potenziellen Stolperstein bei einem Wechsel.

Und noch etwas macht den studentischen Bologna-Pionieren in Deutschland das Leben schwer: die Tatsache nämlich, dass erst neun Jahre nach Beginn des Bologna-Prozesses die Lehre wirklich in den Mittelpunkt der Reformen rückt. „Es ist vielleicht ein bisschen typisch deutsch, dass wir zunächst vor allem über die Strukturen und die Voraussetzungen nachgedacht haben“, gibt sich Christiane Gaehtgens, Generalsekretärin der HRK, selbstkritisch. Erst jetzt mache sich langsam eine neue Sichtweise auf die Hochschuldidaktik breit: „Was sollen die Studierenden können, wenn sie einen Studienabschluss bei uns erwerben?“ Die Studienreform – also die neue Strukturierung der Studiengänge nach dem Bachelor-Master- Prinzip – müsse jetzt in eine echte Lehr-Reform münden, fordert auch Peter Zervakis, Leiter des Bologna-Zentrums der Hochschulrektorenkonferenz: „Entscheidend ist, dass wir im laufenden Betrieb der Hochschulen möglichst bald spürbare Verbesserungen für die Bachelor und Master-Studenten erreichen.“ Denn die im Bologna-Prozess vereinbarte Ausrichtung der Lehrinhalte am Ziel der „Employability“, also der Beschäftigungsfähigkeit der Absolventen, sei noch längst nicht flächendeckend umgesetzt.


Theorie und Praxis – die Fachhochschulen machten es vor

Zervakis | Bologna | Bachelor | Master
Auf einer eigens einberufenen Konferenz diskutierten die Hochschulrektoren darüber Mitte April mit Wirtschafts- und Studentenvertretern in Bonn. Und siehe da: Ausgerechnet die Fachhochschulen machen es oftmals vor, wie ein Studium gleichermaßen theoretisch fundiert und berufsbezogen sein kann. Und auch der Blick ins Ausland kann sich lohnen, sagt Peter Zervakis: „Die englische Tradition geht eher in Richtung einer Ausbildung von Generalisten, in Deutschland dagegen streben wir sehr nach dem Spezialisten mit Expertenausbildung.“ Auch solche bisher noch unterschiedlichen Ausrichtungen hemmen die Vergleichbarkeit auf europäischer Ebene. Und dann gibt‘s da auch noch die typisch deutschen Sonderfälle – jene Studiengänge wie die Lehrer-, Mediziner- oder Juristenausbildung, die mit einem Staatsexamen abschließen und bisher den hartnäckigsten Widerstand gegen die neue Abschlüsse BA und MA leisteten. Beispiel Lehramt: Mit Ausnahme Sachsen-Anhalts und des Saarlands haben sich zwar alle anderen Bundesländer grundsätzlich für die Einführung der gestuften Abschlüsse auch bei den angehenden Lehrern ausgesprochen. Komplett umgestellt sind die Studienstrukturen bisher aber nur in Berlin, Brandenburg, Bremen, Niedersachsen und Sachsen. Zusätzlich gibt es auch noch bundesweit zwei konkurrierende Ausbildungsmodelle: Den weiter verbeiteten „Zwei-Fach-Bachelor“, bei dem man im BA-Studium zwei Fachgebiete abdeckt und dann einen zusätzlichen „Master of Education“ draufsattelt. Andere Länder haben sich aber für den „Ein-Fach-Bachelor“ mit begleitendem Pädagogik-Studium entschieden, der dann durch einen Master im zweiten Unterrichtsfach ergänzt wird. Dass ein Wechsel zwischen so unterschiedlich aufgebauten Studiengängen schwierig werden dürfte, liegt auf der Hand.

Wintermantel | Bologna | Bachelor | Master

Wer heute an einer Uni oder FH eingeschrieben ist, muss also mit allerlei Unwägbarkeiten rechnen. „Wir sind auf dem richtigen Weg“, sagt Margret Wintermantel trotz aller Hürden und verweist im gleichen Atemzug auf den größten Schwachpunkt des Bologna-Prozesses – dass nämlich die Hochschulen die Umstellung im wesentlichen ohne zusätzliche Finanzmittel bewältigen müssen. Das aber müsse sich ändern, appelliert die HRK-Chefi n an die Politik, schließlich verlange der Bologna-Prozess eine neue, bessere Lehre: „Die neuen Lehrformen stellen den einzelnen Studierenden in den Mittelpunkt und erfordern eine intensivere Betreuung. Dafür brauchen wir mehr Personal.“ Eine Aussage, die erst recht gilt, wenn man bedenkt, dass die Politik einmütig mehr junge Leute zum Studium bewegen will.

 
Buchtipp
 
   Bachelor-Basics & Master-Plan. Wie die neuen Studiengänge funktionieren und

was sie bringen. Von Armin Himmelrath und Britta Mersch, BW-Verlag, 151
Seiten, 16,80 Euro (ISBN: 978-3-8214-7674-2)
Buchtipp

Links zum Thema
„Fit für die Welt“ heißt ein Magazin zur Studienreform, das von der Hochschulrektorenkonferenz herausgegeben wurde und hier kostenlos heruntergeladen werden kann: www.hrk-bologna.de/london2007 

Die empfehlenswerte Webseite www.studisonline. bietet Informationen zur Mobilität während des Studiums aus studentischer Sicht.

Weitere Tipps und Hinweise zum Auslandsstudium gibt es außerdem beim Deutschen Akademischen Austauschdienst www.daad.de
und dem Deutschen Studentenwerk www.studentenwerke.de.

Ihr habt auch Probleme im Rahmen eures Bachelorstudiums oder mit der Anerkennung des Abschlusses? Schreibt sie uns unter redaktion@unicum-verlag.de
Armin Himmelrath
UNICUM, Mai 2008



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