Sebastian Zintl und Virginia Prechtl sind zusammen 100 Jahre alt. Er 22, sie 78. Die beiden teilen sich ein Haus. Wie das funktioniert? Eigentlich wie eine (fast) normale WG...
München-Pasing ist ein ruhiger Stadtteil in der Bayernmetropole. Es steppt nicht gerade der Bär, dafür ist es ruhig und idyllisch. Hier hat Virginia Prechtl ein kleines Häuschen. Seit vor vier Jahren ihr Sohn ausgezogen ist, lebt die alte Dame mit Studenten zusammen. Sebastian Zintl (22), der vor knapp einem Jahr aus der Nähe von Leipzig nach München zog, ist bereits der vierte "Mieter" des Zimmers im Obergeschoss.
Der Untermietvertrag basiert auf dem Prinzip "Wohnen gegen Hilfe": Für jeden Quadratmeter Wohnfläche seines 14-Quadratmeter-Zimmers arbeitet Sebastian eine Stunde im Monat. Er mäht den Rasen, geht einkaufen oder fährt Frau Prechtl, die nicht mehr so gut laufen und sehen kann, zum Arzt. "Ich helfe ihr eben bei all den kleinen Dingen des Alltags, die ihr nicht mehr so leicht von der Hand gehen", erzählt der angehende Medizinstudent, "manchmal gehen wir aber auch einfach nur zusammen spazieren oder machen Ausflüge, aber das wird natürlich nicht unter Arbeitszeit verbucht." Mit 70 Euro beteiligt er sich noch an den Nebenkosten: Sowohl für Virginia Prechtl, die hofft, so noch lange im eigenen Haus wohnen zu können, als auch für Sebastian, der in der Horrormietenstadt München vergleichsweise günstig wohnt, ein prima Deal. Dass die beiden sich inzwischen bestens "z’sammgerauft" hätten und sogar eine richtige Freundschaft entstanden ist, macht das Zusammenleben natürlich noch entspannter. Eine ähnlicher Humor ist dabei die wichtigste Komponente: Mit den Worten "lustig muss es schon sein" habe "der Bastl" sich vorgestellt und als dann auch noch mit Hündin Tessie (13 Jahre) mit dem jungen Mann auszukommen schien, war alles schnell klar: "An ihr vorbeizugehen ist eine Todsünde, dann kann sie richtig ekelhaft werden", meint Frauchen. Das Zusammenleben mit jungen Menschen halte sie auch selbst jung, glaubt Frau Prechtl. Immerhin hat ihr Mitbewohner sie schon mit dem Internet vertraut gemacht. Und wie der junge Mann sei auch sie mittlerweile zum Fan der Pop-Queen Norah Jones geworden. Dafür wird Sebastian nicht nur von seiner Vermieterin, sondern vor allem von ihren betagten Freundinnen umhegt: "Die alten Damen verwöhnen ihn so sehr, dass er nie mehr geht. Bestimmt zehn Tage wurde Geburtstag gefeiert," lacht Virginia Prechtl. Wirklichen Stress gäbe es eigentlich nie. "Frau Prechtl ist für ihr Alter wahnsinnig offen und tolerant", lobt Sebastian, "und wenn man mal einen schlechten Tag hat, wird man hier auch in Ruhe gelassen. Dafür hat sie einfach das richtige Feingefühl." Übrigens: Sogar mit Damenbesuch hat die Hausherrin kein Problem.
Das Duo Zintl-Prechtl ist kein Einzelfall: Derzeit 76 solcher Alt-und-Jung-WGs werden derzeit von Gisela Frangenheim vom Seniorentreff Neuhausen in München, die das Projekt seit 1996 koordiniert, derzeit betreut. Sie vermittelt die Vermieter und Untermieter, ist Ansprechpartner, wenn es mal Probleme gibt und versucht, bei älteren Menschen Vorurteile abzubauen. Denn viele Senioren haben trotz Einsamkeit und Hilfebedürfnis Hemmungen, einen Fremden in ihrer Wohnung aufzunehmen, während von den jungen Bewohnern neben den Hilfeleistungen auch gewisse Rücksichtnahme und Kontinuität gefordert sei. "Es klappt aber immer besser", stellt Frangenheim erfreut fest.
Virginia Prechtl und Sebastian Zintl haben von Anfang an keine Fragen offen gelassen, so dass jetzt kaum mehr besondere Regeln notwendig sind. Ab 22 Uhr herrscht normalerweise Nachtruhe, zum Rauchen geht Sebastian nach draußen, dafür ist Virginia Prechtl auch nachsichtig, wenn er mal sein Geschirr nicht wegräumt. Vorurteile gegenüber dem Zusammenleben mit einer 56 Jahre älteren Frau konnte Sebastian auch bei seinen Freunden abbauen: "Selbst wenn vorher Skrupel da waren: Sobald man zur Tür reinkam, sah es ganz anders aus." Er hat jedenfalls nicht vor, sich eine andere Wohnung zu suchen.