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Der afrikanische Oskar Schindler

Bewegend: "Hotel Ruanda"

Hotel Runda

Hotel Ruanda; GB/ Südafrika/ Italien; 121 min.; R: Terry George; D: Don Cheadle, Sophie Okonedo, Nick Nolte, Joaquin Phoenix, Jean Reno

Infos: www.hotelruanda.de

Der Bürgerkrieg in Ruanda forderte 1994 eine Million Todesopfer. Während der Westen das Gemetzel ignorierte, rettete ein mutiger Hotelmanager vor Ort über tausend Menschen vor dem sicheren Tod. Das packende Drama „Hotel Ruanda“ gibt dem Helden von damals ein Gesicht.

Es ist eine menschliche Tragödie, die sich im Sommer 1994 anbahnt. Die TV-Stationen in den USA senden die Live-Bilder zur Prime Time in die Wohnzimmer der westlichen Welt: O.J. Simpson, der beliebte Ex-Footballstar und Filmschauspieler, auf der Flucht vor der Polizei. Eine wilde Verfolgungsjagd durch L.A., dann die Verhaftung wegen dringenden Mordverdachts. Der Fall Simpson wird zum Medienereignis des Jahres. Die Fernsehzuschauer sehen Details wie Blutspuren und Indizien – von dem Blutbad, das zur gleichen Zeit in Ruanda eskaliert, erfahren sie jedoch nichts. Ruanda? Wo liegt das überhaupt?

"In Ruanda ist es Sitte, Menschen zu helfen, wenn sie in dein Haus kommen"

„Man hat in den Nachrichten kaum etwas anderes zu sehen bekommen als diese O.J. Simpson- Sache“, sagt Don Cheadle, der in „Hotel Ruanda“ die Hauptrolle spielt. Elf Jahre nach dem Massaker auf dem afrikanischen Kontinent ist der Film von Terry George der erste Versuch, die Ereignisse während des Bürgerkriegs auf Zelluloid aufzuarbeiten. Und was für einer! „Hotel Ruanda“ erzählt von einem Mann mit Zivilcourage, der sich dem sinnlosen Morden entgegen stellt und Hunderte Menschen vor dem Tod bewahrt: Es ist die wahre Geschichte von Paul Rusesabagina, dem Manager eines exklusiven Hotels in Kigali, der mit den alltäglichen Problemen der Rassenunruhen in Ruanda leben muss. Er selbst ist Hutu und mit Tatiana, einer Tutsi, glücklich verheiratet. Als der ruandische Präsident nach Abschluss eines Friedensvertrags mit den Tutsi angeblich von Tutsi-Rebellen ermordet wird, spitzt sich die Lage im Land zu. Hutu-Milizen wüten durch die Straßen und ermorden wahllos Menschen, die sie für Tutsi halten.

Zunächst bringt Paul seine Familie und einige Nachbarn in dem von Blauhelmtruppen gesicherten Hotel unter. Doch Heilsbringer sind die Uno-Soldaten, die sich als „peace keepers“ und nicht „peace makers“ verstehen, nicht: Sie haben lediglich die Aufgabe, die Touristen sicher aus dem Land zu schaffen. Zum Schutz der Zivilbevölkerung sind keine Soldaten vorgesehen. Enttäuscht müssen Paul und immer mehr Flüchtlinge in der Hotelanlage erkennen, dass ihr Schicksal der westlichen Welt egal ist. „Was hier geschieht, kann doch niemand ignorieren“, ruft Paul dem abrückenden TV-Team hinterher, das zuvor das Morden in den Straßen Kigalis filmte. „Wenn die Leute diese Bilder sehen, werden sie ‚Oh Gott, wie schrecklich’ sagen – und dann weiter ihr Abendbrot essen“, antwortet der Kameramann lapidar.

Erschütternd wie dieser Satz ist der ganze Film: Regisseur Terry George verzichtet fast vollständig darauf, die unaussprechlichen Verbrechen der Hutu-Milizen explizit zu zeigen. Stattdessen vertraut der Regisseur ganz der Leinwandpräsenz seiner Darsteller. Ein Blick in das Gesicht von Pauls Frau Tatiana (Sophie Okonedo) ist eine Neudefinition von Angst und Verzweiflung, und die ebenso couragierte wie hingebungsvolle Leistung von Don Cheadle als Paul Rusesabagina ist schlicht herausragend. Cheadles nuanciertes Spiel, das zurecht für den Oscar nominiert wurde, lässt streckenweise vergessen, dass es sich um einen Spielfi lm handelt. So real und leibhaftig wirkt seine Verkörperung des ideenreichen Hotelmanagers und Familienvaters, der weiß, wie weit man mit einer Flasche gutem Whisky, teuren Cohiba- Zigarren oder einer geschickten Bestechung kommt. Lernen konnte Cheadle seine Rolle am lebenden Objekt: Der echte Paul Rusesabagina, der heute in Belgien lebt, war als Berater beim Dreh dabei und lieferte wertvolle Tipps für die gesamte Filmcrew.„Paul Rusesabagina hat mir erzählt, dass es in Ruanda Sitte ist, Menschen zu helfen, wenn sie in dein Haus kommen“, sagt Don Cheadle. „In seinem Fall war das Haus nun zufällig ein Hotel.“ Gemeinsam sind die beiden im Februar nach Deutschland gekommen, um „Hotel Ruanda“ auf der diesjährigen Berlinale zu präsentieren. Und wurden mit Standing Ovations für einen Film über tiefe Menschlichkeit und Zivilcourage gefeiert. Ob ihm der Film Hoffnung mache, fragte ein Journalist Rusesabagina auf der Pressekonferenz. „Nein“, sagte er – und der Erfolg des Kinofi lms wurde für einen Augenblick völlig nebensächlich: „Im Sudan passiert zurzeit ein neues Ruanda. 70.000 Menschen sind bereits getötet worden.“

Oliver Baentsch
UNICUM, April 2005



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