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Physiker bei der Bayer AG

Generalisten und Experten

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Die "New Bayer" hat sich aufgeteilt in vier Teilkonzerne: Pharma, Polymere, Chemie und Pflanzenschutz. Die Personalentwicklung liegt in Händen der BBS (Bayer Business Services). Sie ist gleichsam der Service-Provider der Bayer AG, in der als zentraler Dienst auch die Informatik beheimatet ist. Bewerber durchlaufen ein strukturiertes Auswahlverfahren. Nach der Anstellung folgen Einführungsveranstaltungen, bei denen man BBS und den Gesamtkonzern kennen lernt. Erfahrene Kollegen werden den Einsteigern als Mentoren zur Seite gestellt. Nach einem, drei und fünf Jahren folgen intensivere Fördergespräche und Entwicklungsbeurteilungen, ergänzt um zahlreiche Weiterbildungsangebote, bei denen fachliche Skills ebenso wie sogenannte Soft Skills erworben werden können. Wenn Managementpotenzial erkannt wird, werden entsprechende Mitarbeiter speziell gefördert. Solche Personen rotieren innerhalb der BBS und des Konzerns. Potenziell ist für solche Kandidaten das Ende nach oben offen. Sowohl für die Fach- als auch die Führungslaufbahn.

Infos: www.mybayerjob.de

Vom Elfenbeinturm zum Global Player: Die beiden Physiker Doktor Ingo Gaida und Doktor Helmut Hegger starten als IT-Experten beim Chemie-Riesen Bayer durch. Wie ihnen ihr physikalisches Know-how dabei hilft und welche Anforderungen ihr Berufsalltag an sie stellt, verrieten Gaida, Leiter "Investitionsprozess Lösungen" und Hegger, Vice President Information 6 Services, Bayer Polymers Customers Services GmbH & Co. KG, UNICUM BERUF im Interview.


Doktor Gaida, Sie haben sich in Ihrer Doktorarbeit mit Astronomie beschäftigt und später über schwarze Löcher geforscht. Wie kommt jemand wie Sie zu einem Chemiekonzern?
Gaida: Es ist ein gewisser Sprung, ganz klar. Ich habe ganz normal, studiert, und in einem interessanten Bereich in England und den USA geforscht. Danach hatte ich das Gefühl, das könne nicht alles sein. Ich wollte schlicht noch etwas Neues machen und sehen, was noch möglich ist in punkto Karriere. Außerdem wollte ich eher praktisch arbeiten - nicht etwa, weil die Theorie mir keinen Spaß gemacht hätte, sondern weil ich auch die andere Seite kennen lernen wollte. Zu der Zeit eröffnete der IT-Bereich völlig neue Möglichkeiten und es reizte mich, diese in die Praxis umzusetzen. Ist man als theoretischer Physiker dazu überhaupt qualifiziert?
Gaida: Man kann sich die Qualifikation natürlich erarbeiten. Im Prinzip muss man in diesen See einfach reinspringen und einmal durchschwimmen. Das ist mir eigentlich gut gelungen. Zugute kam mir natürlich, dass ich Konzepte erarbeiten konnte. Denn auch bei Bayer müssen zunächst Konzepte erdacht und dann umgesetzt werden.

Erinnern Sie sich an Ihre ersten Projekte?
Gaida: Ich habe zuerst an geografischen Informationssystemen gearbeitet. Dabei ging es um die DV-gestützte Dokumentation von Rohrleitungen. Man muss schließlich wissen: "was fließt wodurch?" - gerade in einem Chemiewerk. Dazu haben wir marktgängige Software angepasst an den speziellen Bedarf von Bayer.

Doktor Hegger, wie kamen Sie zu Bayer?
Hegger: Direkt aus den USA. Dort forschte ich in Los Alamos ...

...wo die Atombomben gebaut werden ...?
Hegger: (lacht) ...da, wo Nuklearforschung betrieben wird, aber ich war dort in der Materialforschung tätig. Nach einem eintägigen Gruppenauswahlverfahren hier im Bayer-Stammsitz konnte ich mit dem guten Gefühl in die USA zurück fliegen, ein Angebot in der Tasche zu haben.

Warum sind Sie nicht in der Forschung geblieben?
Hegger: Auch für mich stellte sich einfach die Frage, was danach kommt. Wenn man einige Jahre im Labor gestanden hat, muss man sich irgendwann darüber klar werden, ob man den Weg weiter gehen möchte, inklusive Habilitation und Hochschulkarriere. Und angesichts der unsicheren Perspektiven, die eine Hochschullaufbahn vor einigen Jahren noch eröffnete, war das keine Perspektive für mich. Denn wenn man zu lange an der Universität bleibt, wird man für die Industrie letztlich unattraktiv. Gaida: Dem kann ich nur zustimmen. Häufig hört man von den Unternehmen, Forschung sei eine ganz andere Welt und was man dort geleistet und erfahren habe, zähle in der Industrie nicht. Dabei ist es meines Erachtens kaum ein Unterschied, ob man ein internationales Forschungsprojekt leitet oder eine Arbeitsgruppe in einem Industrieunternehmen – man trifft auf die gleichen Anforderungen und Probleme.

Aber trotzdem gibt es Unterschiede zwischen Forschung und Industrie ...?
Hegger: Natürlich. In der Forschung kann man schließlich auch einmal Wege verfolgen, die keinen sofortigen Anwendungsnutzen versprechen, während die Wirtschaft viel unmittelbarer auf ihren "business success" achten muss.

Trotz all dieser Qualifikation stellen nur wenige Industrieunternehmen Physiker ein, wenn es um den IT Bereich geht. Warum eigentlich?
Hegger: Wegen eines Vorurteils: Physiker gelten immer noch als introvertiert und verschlossen.

Gaida: Und es gibt natürlich inzwischen eigene Studienfächer, die gezielt auf die Lösung von IT-Problemen vorbereiten, denken wir nur an die Informatiker.

Doktor Hegger, Sie waren nach Ihrem Einstieg bei Bayer zunächst in den Ingenieur nahen DV-Bereichen tätig. Muss man in diesen Bereichen eigentlich noch selbst programmieren?
Hegger: Ich habe zunächst auch programmiert, und es schadet sicherlich nicht, dass man es kann, denn dann versteht man die Prozesse einfach besser. Aber es bleibt nicht die Hauptsache.

Gaida: Es hat seine Vorteile, wenn man programmieren kann. Kleine Probleme löst man mit dieser Kompetenz quasi en passant selbst, und wenn es um größere Projekte geht, kann man vor diesem Hintergrund besser beurteilen, ob sie sich auch umsetzen lassen. Sie sind aber beide aus dem engeren DV-Bereich herausgewachsen. Wie verlief dieser Prozess?
Gaida: Das verläuft bei Bayer sehr strukturiert. Mir selbst wurde bei einem Mitarbeitergespräch nach etwa einem Jahr die Möglichkeit gegeben, meine Vorstellungen zu meinem weiteren Weg bei Bayer zu äußern. Gleichzeitig werden die Potenziale von den unmittelbaren Vorgesetzten beurteilt, zudem durchläuft man ein sogenanntes Orientierungscenter. So wird man sich eigener Stärken und Defizite bewusst. Letztere kann man dann durch spezielle Coaches ausbügeln.

Was Sie schildern, hört sich nach einer sehr strukturierten Mitarbeiter-Entwicklung an, so wie es sich für einen Weltkonzern gehört. War das auch ein Grund für Sie, sich für Bayer zu entscheiden?
Hegger: Für mich schon, denn mir war immer klar, dass ich nicht im engeren IT-Bereich bleiben wollte. Sonst hätte ich ja auch zu einem sehr IT-getriebenen Konzern aus der Computerbranche gehen können. Mich reizte eben die Möglichkeit, bei Bayer beizeiten etwas anderes zu machen als klassische IT.

Kann man ein so großes Gebilde wie den Bayer-Konzern eigentlich auch nur ansatzweise überblicken?
Hegger: Für einen Einsteiger ist es definitiv nicht überschaubar. Es bedarf doch schon einiger Zeit, um den Hauch einer Idee zu bekommen, was Bayer eigentlich ist. Es ist deshalb auch nicht jeder Schritt in einer Bayer-Karriere prognostizierbar. Dafür ist der interne Arbeitsmarkt in diesem Konzern viel zu groß und dynamisch, ständig baut man in Projekten zum Beispiel neue Kontakte auf. Deshalb wird die Bedeutung des Networtking von Einsteigern auch leicht unterschätzt. Welchen Herausforderungen stehen Sie zur Zeit gegenüber?
Hegger: Zur Zeit bin ich in einer Bayer-Vertriebsorganisation für informationsnahe Fragestellungen verantwortlich. Im Moment stehe ich vor der Herausforderung, innerhalb eines Zeitraumes von etwa einem Jahr eine Firma von etwa 500 Mitarbeitern arbeitsfähig zu machen. Was das heißt, muss man allerdings erfahren haben – erklären kann man es nur schlecht.

Gaida: Ich kümmere mich um den Investitionsprozess der Bayer Polymere AG. Hier werden pro Jahr bis zu einer Milliarde Euro investiert, um das weltweite Investionsmanagment zu standardisieren und die Investitionsprozesse transparent zu machen.

Die Herausforderungen hatten wir, sagen Sie unseren Lesern doch noch: wann haben Sie Erfolgserlebnisse?
Hegger: Eigentlich täglich. Das können Kleinigkeiten sein wie aufmunternde Worte, Lob und Anerkennung, oder der Abschluss von Projekten.

Gaida: Wenn Konzepte Wirklichkeit werden, dann habe ich Erfolgserlebnisse – aber darin steckt natürlich viel harte Arbeit.

Sie beide haben schon wichtige Schritte auf der Karriereleiter gemacht und Führungsverantwortung übernommen. Welches sind Ihre weiteren Ambitionen?
Hegger: Meine Erfahrung ist, das kein Weg bei Bayer dem anderen gleicht, deshalb kann man darüber nur schwer spekulieren. Aber ich selbst sehe für mich eher kundennahe Bereiche, etwa im Marketing, vielleicht auch in der strategischen Planung.

Gaida: Ich kann da nur mit Nils Bohr antworten, nach dessen Bonmot jegliche Vorhersage schwierig ist, vor allem, wenn sie sich auf die Zukunft bezieht (lacht). Aber im Ernst: Das Tolle an Bayer ist ja, dass man die Stelle wechseln kann, ohne das Unternehmen zu verlassen. Das ist spannend und wird zur Zeit verstärkt durch den Umbau des Konzerns zu "the new Bayer", bei dem sich das Unternehmen neu organisiert. Allgemein fühlt sich ein Physiker natürlich dann immer wohl, wenn er Konzepte erarbeiten und umsetzen kann – da sehe ich meinen Weg: Konzepte zu erarbeiten, Mitarbeiter für die Umsetzung gewinnen und Konzepte Wirklichkeit werden zu lassen, vielleicht im strategischen Marketing. Was raten Sie Physik-Absolventen: Welche Skills sollten sie am besten schon während des Studiums erwerben, um sich Karrierewege offen zu halten?
Gaida: Sie dürfen nie ganz Experte sein, und gleichzeitig nie Generalist. Vielleicht sollte man nebenbei BWL-Vorlesungen besuchen, einfach um eine andere Sicht auf die Dinge zu gewinnen. Außerdem sollte man sich klar machen, dass man mit 50 Jahren nicht mehr als Nur-Programmierer tätig sein kann.

Hegger: Man sollte sich im Studiumauf das konzentrieren, was man gern und mit Interesse macht – und überzeugt sein, von dem, was man tut. Oder um es anders zu sagen: Es gibt leider keine Erfolgsformel.

Uwe Heinrich
UNICUM Beruf, Juli 2003



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