1968 als Chiffre
„1968“ ist ein Etikett, das zur Chiffre geworden ist. Wenn im ersten Jahrzehnt nach 1968 von der Bewegung gesprochen wurde, dann war von der „Studentenrebellion“, der „APO” oder schlicht von „der Revolte” die Rede. Erst seit Anfang der achtziger Jahre hat sich das Kürzel „68er” durchgesetzt. Dieses Etikett, das an die gescheiterten bürgerlichen Revolutionäre des 19. Jahrhunderts, die „48er”, erinnert, wurde von einer neuen Jugendbewegung zu Beginn der Achtziger im Sinne einer negativ konnotierten Abgrenzung benutzt. Die Medien haben dieses Signum seinerzeit bereitwillig aufgenommen und weiterverbreitet.
Seitdem haben wir es mit einer Art Geheimziffer, einer Chiffre, zu tun, die es immer wieder neu zu deuten und zu interpretieren gilt. In einzelnen Schüben, die zumeist um die jeweiligen Jahrestage in Gang gekommen sind, haben sich immer wieder Kontroversen um den Versuch einer Neueinschätzung entzündet. Im Grunde haben diese Auseinandersetzungen den Stellenwert einer indirekten Debatte um Geschichte und Selbstverständnis der Bundesrepublik gewonnen – im polarisierten Verständnis von „1968“ spiegelt sich das gebrochene Selbstverständnis einer Demokratie, die den Deutschen von den westlichen Besatzungsmächten zunächst einmal übertragen bzw. geschenkt worden war.
1968 als Mythos
Im Zusammenhang mit 1968 ist viel von Mythen die Rede. Doch es gibt nicht einen, sondern zwei. Zwei völlig entgegengesetzte Mythen – einen positiven und einen negativen Ursprungsmythos 1968: Auf der einen Seite einen Mythos aus der Sicht der Beteiligten und späteren Befürworter: 1968 sei die erste Studentenbewegung und Protestgeneration gewesen, die die Bundesrepublik in einer Art Nachholbewegung demokratisiert, liberalisiert und zivilisiert habe. Auf der anderen Seite einen Mythos aus der Sicht der Kritiker und Kontrahenten: Mit 1968 habe ein gewaltsamer Aufstand gegen den Staat, seine Institutionen und Repräsentanten begonnen, die Vorhut einer Entwicklung, die in den Terrorismus und den Linkstotalitarismus kommunistischer Gruppen gemündet habe.