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Rudis Resterampe

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Gerade wegen ihrer Unbestimmtheit, ihrer Vielschichtigkeit ist die Chiffre „68“ zu einer Art Projektionsleinwand geworden. Für die Konservativen ebenso wie für die Marktradikalen ist 1968 im Grunde an allem schuld – an der Arbeitslosigkeit, an der Bildungsmisere, am Rechtsradikalismus und am Terrorismus. Doch was hat Hartz IV – so könnte man fragen – eigentlich mit 1968 zu tun?!

Beim positiven wie beim negativen Mythos handelt es sich um selektive Deutungsmuster, die einer historischen Überprüfung nicht, jedenfalls nicht in jeder Hinsicht standhalten. Es sind wechselseitige Überhöhungen bzw. Degradierungen, Selbst- und Fremdstilisierungen.

1968 als Zäsur
1968 ist mehr als eine schlichte Episode, mehr als ein bloßes Epiphänomen der Modernisierung – es markiert einen historischen Einschnitt. Obwohl das Jahr für eine gescheiterte Oppositionsbewegung steht, hat es eine langfristige Veränderung der Gesellschaft, insbesondere der Jugendkultur bewirkt. Sicher, einerseits ist 1968 die Ziffer für eine fehlgeschlagene Rebellion. Neben der misslungenen Verhinderung der Notstandsgesetze gab es eine ganze Reihe anderer Ziele, denen Misserfolge beschieden waren: die Entflechtung des Axel-Springer-Konzerns, die Beendigung des Vietnamkrieges und die Demokratisierung der Hochschulen.

Der Versuch, eine auf sozialer Ungleichheit basierende Gesellschaft über eine grundlegende Reform ihrer Bildungseinrichtungen zu verändern, konnte nicht zum Erfolg führen. Desgleichen war auch der Versuch zum Scheitern verurteilt, die Universität als einen Ort herrschaftsfreier Kommunikation zu etablieren. Das in den siebziger Jahren an bundesdeutschen Hochschulen weit verbreitete Sich-Duzen, die Verwerfung fast aller akademischen Formen und die systematische Höherbenotung von Examina konnten nur zum Schein der alten Institution ihre Herrschafts-, Differenzierungs- und Leistungsfunktion nehmen.


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