Die einzige Ausnahme in der Serie von Misserfolgen dürfte die Tatsache gewesen sein, dass es der APO gelang, 1969 den Einzug der rechtsextremen NPD in den Bundestag zu verhindern. Diese Gefahr war während der Großen Koalition besonders groß. Denn der NPD war es zwischen 1966 und 1968 schließlich gelungen, in mehr als ein halbes Dutzend Landtage einzuziehen. 1968/69 setzte sie deshalb alles auf eine Karte, um auch in den Bundestag zu gelangen. Und auf der Gegenseite setzte die APO alles daran, um genau das zu verhindern. Jedesmal wenn der Parteivorsitzende Adolf von Thadden zum Sturm auf Bonn aufrief, mobilisierten die Gruppen der APO zum Protest.
Dramatischer Höhepunkt war am 16. September 1969 der Schusswaffeneinsatz eines NPD-Mannes am Rande einer Demonstration in Kassel, bei dem zwei Schüler schwer verletzt wurden. Die NPD scheiterte unter dem Eindruck dieses Gewaltaktes schließlich mit 4,3 Prozent relativ knapp an der Fünf-Prozent-Hürde. Wenn sie das geschafft hätte, dann wäre eine Koalition zwischen SPD und FDP jedenfalls numerisch nicht möglich gewesen. Dann hätte es keine sozialliberale Koalition gegeben, kein „mehr Demokratie” wagen, keine neue Ostpolitik und keine von Willy Brandt eingeläutete Ära der Reformen. Diese Weichenstellung dürfte in erster Linie der APO und damit der 68er-Bewegung zu verdanken sein.
„Das akademische Leistungsprinzip, das die 68er auszuhebeln versuchten, ist heute wieder hergestellt.“
Jede studentische Nachfolgegeneration hat sich – ob es ihr passte oder nicht – an der Revolte messen lassen müssen, die die 68er zu entfachen vermochten. Das ist ungerecht, lässt sich aber kaum ändern. Noch immer wird mit „Studentenbewegung“ in erster Linie die der 68er assoziiert. Doch deren Träume sind längst passé. In vierzig Jahren ist viel geschehen. Die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen haben sich so massiv verändert, dass sich jeder simplifizierende Vergleich von vornherein verbieten müsste. Der Kalte Krieg ist vorüber, die deutsche Einigung ist ebenso wie die Osterweiterung der EU weitgehend vollzogen und die Globalisierung mit ihren marktpolitischen Imperativen schreitet unablässig weiter voran. Eine Systemalternative, wie sie sich den 68ern zu zeigen schien, ist nicht in Sicht. Den Studierenden von 2008 wird der Prozess einer derartigen Desillusionierung gewiss erspart bleiben. Nicht jedoch, dass jede oder jeder von ihnen mehr oder weniger auf sich allein gestellt ist. Das akademische Leistungsprinzip, das die 68er auszuhebeln versuchten, ist wieder hergestellt. Die universitäre Mikropolitik ist zur Mimikry einer neoliberalen Makropolitik geworden. Indem das eine dem anderen mehr und mehr entspricht, haben die Universitäten auch ihre kritische Funktion eingebüßt. Diese Differenz wird sich künftig wohl von auch keiner noch so radikalen Studentenbewegung überwinden lassen.
Der Autor
Dr. phil. Wolfgang Kraushaar (Jg. 1948) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung. Forschungsschwerpunkt: Protestbewegungen in der BRD und der ehemaligen DDR.
Aktuell: Wolfgang Kraushaar: Achtundsechzig. Eine Bilanz; Propyläen 2008