Ich muss natürlich sagen, dass ich, wie einige andere auch, in Erwartung von Ian McEwan natürlich "Der Zementgarten" gekauft habe und gelesen. Aber glücklicherweise (oder auch nicht) habe ich "Witwe für ein Jahr bereits gelesen, sodass ich eben doch etwas dazu sagen kann.
Nach "Garp und wie er die Welt sah" und "Das Hotel Newhempshire" ging ich an alle weiteren Irving-Romane mit sehr hohen Ansprüchen herran, die grade "Witwe für ein Jahr" wirklich nicht erfüllen konnte.
Viel mehr als ein paar interessant zusammengestellte Szenen und Geschichten kann ich an dem Buch nicht finden. Vielleicht wollte Irving hier die Bilder zu sehr als Leitmotiv aufgreifen, aber dadurch sind für mich die Charaktäre unglaubwürdig und nicht greifbar geworden. Einzig Ruth, die der Leser ja durch ihr ganzes Leben begleitet, ist für mich greifbar geworden. Ihre Entwicklung auf Grund ihrer familären Situation bleibt nachvollziehbar und die Person, die dabei rauskommt, ist eine interessante Mischung aus einer zerstörerischen Frau, die versucht Erlebtes zu verarbeiten, und der hingebungsvollen Mutter und Ehefrau.
Und, wie immer bei Irving soweit ich das einschätzen kann, ist das Buch sehr sex-lastig. Zu den meisten anderen Büchern passt es gut, aber hier finde ich es etwas übertrieben.
Doch zwei Dinge haben mir wirklich gut gefallen an dem Buch. Das sind auf der einen Seite die Kindergeschichten von Ted Cole und auf der anderen Seite die Geschichten über die Bilder der Brüder und auch die Beschreibungen der Bilder.
Alles in allem, kein schlechtes Buch, doch hätte es ein anderer Autor geschrieben, hätte es mir sicher besser gefallen. Manchmal machen zu große Erwartungen ein Buch auch kaputt.
Und der Bär fehlt!![]()
Ich hoffe, das reicht fürs Erste. Später gerne mehr, doch jetzt ruft die Pflicht.
P.S. Glaub mir, T.B., das Essay willst du nicht im Prosaforum haben. Das Thema ist viel zu trocken!
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15-02-2005 10:34 #1
"Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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Buchlesekreis: John Irvings "Witwe für ein Jahr"
Liebe Freunde und Diskutanten des Buchlesekreises!
Die Zeit des Lesens ist vorbei, der bunte Reigen des Rezensionen und Diskussionen über John Irvings "Witwe für ein Jahr" ("A Widow For One Year", Random House 1998) sei eröffnet!
Ich möchte darum bitten, daß zuerst jeder, der es möchte, eine (mehr oder weniger) komplette Buchbesprechung von sich hier hereinstellt. Ich hoffe, daß Lenichen, die das Buch vorgeschlagen und das die Abstimmung gewonnen hat, inzwischen ihren 10-seitigen Essay beenden konnte (den sie gerne ins Prosa-Forum stellen darf) und mit ihrer Rezension beginnen könnte...
Danach darf über Einzelaspekte des Werkes frei diskutiert werden!Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
Dem Narren ein Denkmal.
Dem Reimliebhaber ein Gedicht.
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15-02-2005 16:12 #2Die Welt dreht sich schneller als wir laufen können...
Ein Tank braucht nicht mal innere Werte. Es reicht, wenn er eine gute Rüstung hat.
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15-02-2005 22:04 #3krischan Gast
Meiner Meinung nach hat John Irving versucht, bei "Witwe für ein Jahr" seine angestammten Erzählerreviere zu verlassen und neue Wege zu gehen. Das hat das Publikum nicht so honoriert. Trotzdem finde ich, dass "Witwe für ein Jahr" ein gutes, lesenswertes Buch ist. Es zeigt auf einfühlsame Weise die zerstörerische Kraft einer Familie und die Unfähigkeit, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Andererseits zeigt es auch Liebe, in vielen Facetten - besonders interessant hier Eddie mit seiner unbeugsamen Liebe zu einer weitaus älteren, aber faszinierenden Frau. Und natürlich Ruth, die oft Liebe sucht, wo sonst keiner sie suchen würde. Das Buch ist weniger skurril als die Erstlingswerke, aber aus meiner Sicht nicht von geringerer erzählerischer Kraft.
Krischan
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18-02-2005 10:42 #4
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Der Amerikaner John Irving ist ein seit vielen Jahren bekannter sog. Bestsellerautor, der inzwischen auf ein ganz beachtliches Oeuvre zurückblicken kann. Auch in Deutschland hat er viele Fans, sonst wäre eines seiner Werke letztes Jahr nicht in der ZDF-Sendung, die der Deutschen liebstes Buch kürten, auf eines der vorderen Plätze gekommen. Nun hat sich sein „Witwe für ein Jahr“ in einer Ausscheidung im Bücherforum von unicum.de gegen Rilke und Ian McEwan und einige andere durchgesetzt und wird nun von den Schülern und Studenten dort diskutiert. Was kann uns das sagen? Offenbar herrscht eine große Abneigung gegen Werke und Autoren, die (tatsächlich oder potentiell) in der Schule oder Studium besprochen werden und wurden. Man will vielleicht Abstand zu Thomas Mann und Franz Kafka gewinnen und etwas lesen, bei dem die Interpretation nicht länger werden kann als das eigentliche Werk, man will vielleicht mehr Realitätsnähe und weniger Gregor Samsa, vielleicht mehr Gefühl und weniger Franz Castorp. Denn, sind wir mal ehrlich, Welt- oder Hochliteratur sind die Bücher von John Irving nicht.
Trotzdem habe ich „Witwe für ein Jahr“ gerne, nach etwa sechs Jahren Abstand, wieder gelesen (zumindest die ersten beiden Teile, den dritten habe ich diesmal nur überflogen). John Irving ist ein sehr guter Erzähler und in „Witwe für ein Jahr“ hat er sogar auf seine drei Lieblingsmotive verzichtet: Ringen, Bären und Geschlechtskrankheiten (von Marion Coles vorgetäuschter Infektion einmal abgesehen), die sonst in fast jedem Buch von Irving auftauchen. Es ist trotzdem ein typischer Irving: Bei ihm stehen seine Sätze wie in Stein gemeißelt: So ist es, punktum, und das hat die und die Auswirkungen, ohne Wenns und Aber oder Vielleichts. Ruth Cole wurde Schriftstellerin, weil ihre Mutter die Bilder ihrer toten Brüder entfernt und nur die Bilderhaken zurückgelassen hatte (S.18). Eddie O‘Hare auf der ewigen Suche nach Marion Cole und Ted Cole in seiner lebenslangen Vergangenheitsbewältigung mit Squash und jungen Müttern. Dabei schickt Irving das wesentliche in ein, zwei Sätzen immer voraus, wendet sich dann eine Weile einem anderem Thema zu, um dann wieder ausführlich zu schildern, wie es soweit kam, wie er anfangs unumstößlich formuliert hat. Der allwissende Erzähler ist nicht nur allwissend, er steht auch moralisch über allen Protagonisten des Buches. Das hat den Effekt, das es einen gewissen literarischen Fatalismus auslöst: Irving lässt keine Zweifel, keine Fragen offen, seine Figuren handeln nie überraschend und diese Art zu schrieben lullt den Leser geschickt ein: Man beginnt zu glauben, alle und alles hätte ein Bestimmung, die auf jeden Fall, so oder so, in Erfüllung geht, egal was die Protagonisten anstellen. Und da es bei Irving immer ein Happy-End gibt, macht er sich so bei den Lesern natürlich auf sehr geschickte Art beliebt. Er ist ein guter Erzähler, der präzise Erzählpassagen mit direkter Rede abwechselt, ältere Geschehnisse kurz wiederholt und einen (zumindest in der deutschen Übersetzung) sehr flüssigen Stil hat. Ich will nicht leugnen, daß auch ich ihn sehr gern gelesen habe, aber nach ein paar Jahren entwächst man ihm, man emanzipiert sich. Es ist zwar, meiner Meinung nach, weiterhin handwerklich eine wahre Freude, ihn zu lesen, aber inhaltlich erwartet man dann mehr. Man könnte auch sagen: Irving ist gut für die literarische Pubertät.
Jetzt bin ich schon sehr allgemein geworden. Ich wollte noch die Figuren loben, die zwar manchmal etwas zu schrullig, aber doch sehr scharf zu erkennen sind. Wobei ich die Männer etwas glaubwürdiger als die Frauen finde, vor allem Ted Cole und Allan Allbright, Eddie O‘Hare ist mir stellenweise zu tollpatschig. Die vielen Inhaltsbeschreibungen von Ruth Coles und O‘Hares Romane sind etwas ermüdend, aber der Teil ist wegen den lebendig geschilderten Umständen bei der Lesung dennoch gut gelungen. Was ich nie verstanden habe: Warum mussten im dritten Teil nochmals ganz neue Personen und Schauplätze eingeführt werden und der ganze Abschnitt eine Kriminalgeschichte sein? Nur damit Ruth Cole den endgültig „richtigen“ Mann bekommt? Irving kann besser Neuengland als Holland beschreiben. Auch blieb mir verborgen, warum der Titel des Buches einzig aus der vorgetragenen Short Story stammt, die auf mich eher wie die rasche Zusammenfassung eines (realiter nicht existierenden) John -Irving-Romans aussieht. Ich frage mich weiterhin, wie Ruth Cole auf die weiblichen Leser von „Witwe für ein Jahr“ wirkt: Gestört oder liebenswert?
Glücklicherweise bietet und Iriving mit all den Macken seiner Gestalten keinen „Helden“ an, niemand, wie denn man sich uneingeschränkt identifizieren könnte: Das wäre dann doch zu Banane. Aber wenn es einen gibt, den ich besonders gut verstanden zu haben glaube, dessen Handlungsweise ich persönlich auch gut vertreten könnte, so ist das Ted Cole.
Fazit: „Witwe für ein Jahr“ ist hervorragend gut gemachte Trivialliteratur.Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
Dem Narren ein Denkmal.
Dem Reimliebhaber ein Gedicht.
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18-02-2005 10:47 #5
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Lenichen, was ich nich ganz verstehe ist, warum du "Witwe für ein Jahr" zwar vorgeschlugst(?) (sei es nun in einer erweiterten oder nicht erweiterten Vorschlagsliste), aber nicht viel zu den Werk zu sagen hast. Man muß die Bücher, die man vorschlägt, nicht mögen, aber sollten sie einem nicht so kontrovers, so lebendig oderwieauchimmer erscheinen, daß einem geradezu viele Zeilen heraussprudeln, was man dazu zu sagen hat?
Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
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