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  1. #1
    Thomas Bernhard ist offline "Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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    Trivialliteratur: Pro und Contra

    Zitat Zitat von miss smilla
    Verehrter Herr Bernhard, Ihre panische Angst, Sie könnten Ihre wertvolle Zeit mit etwas verschwenden, das sich auch nur im Entferntesten als Trivialliteratur (aus Pietätsgründen im Folgenden T. abgekürzt) bezeichnen ließe, in allen Ehren, aber atmen Sie erstmal durch und denken Sie logisch:
    (1) Sie hassen T.
    (2) Sie mögen Jane Austen (trotz des Gefühls, dies werfe ein zweifelhaftes Licht auf Ihre Virilität)
    daraus folgt zweifelsfrei
    (3) Jane Austen ist keine T.

    Solltest Du vorhaben, Dich weiter mit dem Werk von Jane Austen zu befassen, kann ich Dir Sense and Sensibility und vor allem Pride and Prejudice empfehlen. Fanny in Mansfield Park ist mir persönlich viel zu brav. Emma mochte ich auch sehr gern, die anderen drei haben wenig Spuren in meinem Gedächtnis hinterlassen.

    Ob Austen in der deutschen Übersetzung an Qualität einbüsst, kann ich nicht beurteilen, aber trivial fand ich ihre Bücher nie. Ja, die Plots sind relativ einfach gestrickt, ja, die handelnden Figuren bewegen sich in recht festgelegten, engen Bahnen, ja, es werden klare moralische Standpunkte vertreten. Aber die Bücher sind mit einer Liebe zum Detail geschrieben, mit einer feinen Ironie und scharfen Beobachtungsgabe, die den Gedanken an Trivialität eigentlich gar nicht aufkommen lässt. Die Gesellschaftskritik ist Kritik von innen und sie ist sehr vorsichtig, aber sie ist da. Bevor Du mich jetzt auslachst - Jane Austen war sicher keine Tintenfassreformerin oder Füllfederrevolutionärin. Aber sie war eine intelligente, literarisch (wenn womöglich auch nur das) gebildete Frau, die sich schreibend mit der Welt, in der sie lebt, auseinandersetzt.
    Gute Bücher gut zu finden, hat nichts mit Männlichkeit oder Weiblichkeit zu tun (obwohl ich zugeben muss, dass ich mir oft schwertue, Hemingway seine Misogynie zu verzeihen und zu schätzen, was da steht...)

    Hochliteratur: DostojewskisVerbrechen und Strafe

    Trivialliteratur: Pro und Contra

    Diesen Kommentar von Miss Smilla zu Jane Austens Werk Mansfield Park habe als Anlaß genommen, mal darüber nachzudenken, was Trivialliteratur bedeutet. Und damit meine ich nicht nur eine passende Definition, sondern auch, welche Bedeutung Trivialliteratur in unserer Gesellschaft und unserer persönlichen Wahrnehmung hat.
    Der Begriff hat (zumindest in Deutschland) einen schlechten Beigeschmack. Dabei kommt er von einem lateinischen Begriff, der nicht mehr und nicht weniger als „für jedermann verständlich“ und / oder „leicht zu erfassen“ bedeutet. Zwischen Hoch- und Trivialliteratur gibt es (qualitativ gesehen) noch den Begriff der Unterhaltungsliteratur - dieser ist jedoch m.E. noch schwammiger und so wenig zu gebrauchen, daß man ihn ausschließen könnte. Ein(e) unbekannte(r) Wikipedia-Autor (in) schreibt hierzu treffend, wie ich finde: „Als das vielleicht wesentlichste ihrer Merkmale lässt sich in diesem Sinne festhalten: sie [die Trivialliteratur] durchbricht den Erwartungshorizont des Lesers nicht. Damit wird jedoch auch schon eine gewisse Problematik des Begriffs deutlich: Den Leser gibt es schlichtweg nicht. Es gibt nur Leser und die haben ihre je eigene Erwartungshorizonte - erwachsen aus einem sowohl individuellen, als auch gesellschaftlichen Kontext.“


    Gute Unterhaltungsliteratur: John Irvings Das Hotel New Hampshire

    Ich erinnere mich daran, daß Marcel Reich-Ranicki mal gesagt hat, Trivialliteratur „habe keinen doppelten Boden“. Ein treffendes Bild; anders ausgedrückt hat Trivialliteratur keinen Subtext, nichts, kaum „was zwischen den Zeilen steht“. Es gibt nur das, was da geschrieben steht, keine oder kaum Substanz über die sich nachzudenken lohnt, nichts, was einem erst mit oder nach dem Lesen des Werkes aufgeht. Trivialliteratur hinterläßt bei mir einen schalen Geschmack der Zeitverschwendung, mehr noch, es hinterläßt bei mir den Ärger, daß ein Autor mir meine Zeit mit Banalitäten gestohlen hat. Viele Autoren geben sich leider - oft durch die furchtbaren Klappentexte (für die die Autoren natürlich nichts können) - den Anschein von Anspruch. Wenn man das Buch dann durch hat, erkennt der erfahrene Leser schnell, daß alles nur Fassade war. Aber es gibt durchaus Schriftsteller und Werke, die gar keine Hochliteratur sein wollen - die Verlage sehen solches Understatement natürlich ungern.
    In der Öffentlichkeit und im Privaten wird man der größeren Popularität wegen natürlich viel öfter mit Trivial- als mit Hochliteratur behelligt: Z.B. wenn einem im Freundeskreis von einem Dan Brown vorgeschwärmt wird, oder der neuste Ken Follet unter die Nase gehalten wird und man es nur unschwer abbiegen kann, diesen ausgeliehen zu bekommen. Am allerschlimmsten sind die Harry-Potter-Fans, die halten ja ihren sechs oder sieben Bände, die es inzwischen gibt, für die Krone der Literaturschöpfung und als erfahrener Leser kann man sich nur schwer zurückhalten und gute Miene zum bösen Spiel machen und am besten ist es dann, das Thema zu wechseln...

    Spaßeshalber habe ich mir vor ein paar Jahren eines dieser Bastei-Lübbe-Arztroman-Heftchen (die man ganz sicher zur Trivialliteratur zählen kann) gekauft und gelesen. Handwerklich war es einfach, aber überraschend ordentlich gemacht. Manchmal denke ich, daß es immer noch besser ist, „die Leute“ (sage ich jetzt mal so pauschal) lesen überhaupt was. Dieses tumbe Herumgestarre von Leuten in der U-Bahn, die nicht einmal ein Produkt der Boulevardpresse dabei haben, geht mir inzwischen ziemlich auf die Nerven.


    Trivialliteratur: Paul Coelhos Veronika beschließt zu sterben.
    Geändert von Thomas Bernhard (05-09-2006 um 14:27 Uhr)
    Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
    Dem Narren ein Denkmal.
    Dem Reimliebhaber ein Gedicht.

  2. #2
    Astir01 ist offline "Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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    Und wo bleibt das Pro?

    Schön, lieber Thomas Bernhard, dass Du Dich so überzeugend gegen Trivialliteratur aussprechen kannst. Sicher gibt es aus Sicht eines Literaturpapstes (oder zumindest ~ kardinals) noch weitere Punkte, die aufzuzählen Du Dir aus offensichtlichen Gründen erspart hast.
    Schön für Dich auch, dass Dein geistiger-, Erwartungs- und Ereignishorizont bereits so weit gefasst ist, dass es einem gewöhnlichen Stück Literatur nicht mehr gelingt ihn zu durchbrechen. Was musst Du schon alles gelesen haben. Wahrscheinlich ist die Kolumne im Feuilleton der FAZ am Sonntag von Dir, und Marcel Reich- Ranicki ist nur Dein U- Boot.
    Ein Schelm auch, wer Böses dabei denkt, wenn von einem fehlenden "Doppelten Boden" die Rede ist.

    Nun, immerhin ein Pro ringt sich der Herr und Meister des wohlfeilen Wortes dann doch ab: besser Trivialliteratur als garnix zum Lesen. Sollten wir uns mal in einem öffentlichen Verkehrsmittel gegenüber sitzen, so werde ich versuchen, nicht über die Dinge zwischen den zuvor gelesenen Zeilen nachzusinnen, um den Eindruck tumben vor- mich- hin- Starrens zu vermeiden.
    Tja, Proton müsste man sein; man würde die Quantenphysik verstehen, wäre immer positiv drauf, und hätte eine nahezu unbegrenzte Lebenszeit.
    (Silvia Arroyo Camejo)

  3. #3
    Thomas Bernhard ist offline "Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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    Ja, wo bleibt denn das Pro?

    Zitat Zitat von Astir01
    Schön, lieber Thomas Bernhard, dass Du Dich so überzeugend gegen Trivialliteratur aussprechen kannst. Sicher gibt es aus Sicht eines Literaturpapstes (oder zumindest ~ kardinals) noch weitere Punkte, die aufzuzählen Du Dir aus offensichtlichen Gründen erspart hast.
    Es muß nicht an mir gelegen sein, eine Lanze für die Trivialliteratur zu brechen - Ich schrieb ja kein Schulaufsatz und dies hier ist ein offener Thread, offen für alle Standpunkte und Meinungen zum Thema Trivialliteratur: Pro und Contra.
    Erspart habe ich mir keinen weiteren Punkte, denn mir fallen (derzeit) keine eine.

    Zitat Zitat von Astir01
    Schön für Dich auch, dass Dein geistiger-, Erwartungs- und Ereignishorizont bereits so weit gefasst ist, dass es einem gewöhnlichen Stück Literatur nicht mehr gelingt ihn zu durchbrechen. Was musst Du schon alles gelesen haben. Wahrscheinlich ist die Kolumne im Feuilleton der FAZ am Sonntag von Dir, und Marcel Reich- Ranicki ist nur Dein U- Boot..
    Hmm. Es gibt eigentlich kein Grund, so lamoryant-gehässig zu sein,lieber Astir. Ich habe in meinem Eröffnungsplädoyer klar dargestellt, was recherchiert ist und was nur meine Meinung.
    Was ist denn das, ein "gewöhnliches Stück Literatur"? Ich kann mir darunter nichts vorstellen.
    Und ja, ich glaube von mir selbst, daß ich schon recht viel gelesen habe. Natürlich bin ich mir auch der großen Lücken bewußt, aber im persönlichen Gespräch mit anderen fleissigen Lesern habe ich den Eindruck, daß ich mithalten kann. Diese Einstellung kann man für arrogant halten, na und, von mir aus...

    (Off-Topic: die Kolummne von MRR lese ich gerne, bei seiner Filmliste letzten Sonntag sind mir aber schon Bedenken gekommen. Gut, daß er kein Filmkritiker ist...)

    Zitat Zitat von Astir01
    Nun, immerhin ein Pro ringt sich der Herr und Meister des wohlfeilen Wortes dann doch ab: besser Trivialliteratur als garnix zum Lesen. Sollten wir uns mal in einem öffentlichen Verkehrsmittel gegenüber sitzen, so werde ich versuchen, nicht über die Dinge zwischen den zuvor gelesenen Zeilen nachzusinnen, um den Eindruck tumben vor- mich- hin- Starrens zu vermeiden.
    Solange du irgendwas liest, ist es schon in Ordnung... Zwischendurch "nachsinnen" sei dir gestattet, das mache ich auch. Gemeint habe ich das tumbe Starren völlig lektürefreier Menschen...
    Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
    Dem Narren ein Denkmal.
    Dem Reimliebhaber ein Gedicht.

  4. #4
    jodoca ist offline Moderator
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    Beiträge
    3.140
    trivialliteratur, also irgendwie habe ich da immer noch die szene aus "dead poet society" im kopf, in der keating das koordinatensystem zur bewertung von literatur rausreißen lässt. und ich denke weiterhin richtig so, natürlich kommt mir bei dan brown auch nicht der literarische big o. (wobei ich das gar nicht mal sagen kann, denn ich hab mich bisher drumherum gewunden, ihn zu lesen), aber so lange die leute überhaupt lesen und bild und faz noch unterscheiden können, bitte. ich glaube ich will auch die unterscheidung nicht machen.
    Ein Gedicht, was es sonst auch immer noch sein mag, ist zuerst ein Text.

  5. #5
    sajmen Gast
    Ich habe bisher noch keinen Harry-Potter-Fan erlebt, der die Werke für irgendwelche Kronen hielt. Der Punkt ist doch, dass Trivialliteratur genau dazu da ist, keinen doppelten Boden zu haben. Und so lang sie dabei nicht wirklich dumm oder schlecht geschrieben ist, geht das völlig in Ordnung.

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