Schön, lieber Thomas Bernhard, dass Du Dich so überzeugend gegen Trivialliteratur aussprechen kannst. Sicher gibt es aus Sicht eines Literaturpapstes (oder zumindest ~ kardinals) noch weitere Punkte, die aufzuzählen Du Dir aus offensichtlichen Gründen erspart hast.
Schön für Dich auch, dass Dein geistiger-, Erwartungs- und Ereignishorizont bereits so weit gefasst ist, dass es einem gewöhnlichen Stück Literatur nicht mehr gelingt ihn zu durchbrechen. Was musst Du schon alles gelesen haben. Wahrscheinlich ist die Kolumne im Feuilleton der FAZ am Sonntag von Dir, und Marcel Reich- Ranicki ist nur Dein U- Boot.
Ein Schelm auch, wer Böses dabei denkt, wenn von einem fehlenden "Doppelten Boden" die Rede ist.
Nun, immerhin ein Pro ringt sich der Herr und Meister des wohlfeilen Wortes dann doch ab: besser Trivialliteratur als garnix zum Lesen. Sollten wir uns mal in einem öffentlichen Verkehrsmittel gegenüber sitzen, so werde ich versuchen, nicht über die Dinge zwischen den zuvor gelesenen Zeilen nachzusinnen, um den Eindruck tumben vor- mich- hin- Starrens zu vermeiden.
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05-09-2006 14:20 #1
"Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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Trivialliteratur: Pro und Contra
Zitat von miss smilla

Hochliteratur: DostojewskisVerbrechen und Strafe
Trivialliteratur: Pro und Contra
Diesen Kommentar von Miss Smilla zu Jane Austens Werk Mansfield Park habe als Anlaß genommen, mal darüber nachzudenken, was Trivialliteratur bedeutet. Und damit meine ich nicht nur eine passende Definition, sondern auch, welche Bedeutung Trivialliteratur in unserer Gesellschaft und unserer persönlichen Wahrnehmung hat.
Der Begriff hat (zumindest in Deutschland) einen schlechten Beigeschmack. Dabei kommt er von einem lateinischen Begriff, der nicht mehr und nicht weniger als „für jedermann verständlich“ und / oder „leicht zu erfassen“ bedeutet. Zwischen Hoch- und Trivialliteratur gibt es (qualitativ gesehen) noch den Begriff der Unterhaltungsliteratur - dieser ist jedoch m.E. noch schwammiger und so wenig zu gebrauchen, daß man ihn ausschließen könnte. Ein(e) unbekannte(r) Wikipedia-Autor (in) schreibt hierzu treffend, wie ich finde: „Als das vielleicht wesentlichste ihrer Merkmale lässt sich in diesem Sinne festhalten: sie [die Trivialliteratur] durchbricht den Erwartungshorizont des Lesers nicht. Damit wird jedoch auch schon eine gewisse Problematik des Begriffs deutlich: Den Leser gibt es schlichtweg nicht. Es gibt nur Leser und die haben ihre je eigene Erwartungshorizonte - erwachsen aus einem sowohl individuellen, als auch gesellschaftlichen Kontext.“

Gute Unterhaltungsliteratur: John Irvings Das Hotel New Hampshire
Ich erinnere mich daran, daß Marcel Reich-Ranicki mal gesagt hat, Trivialliteratur „habe keinen doppelten Boden“. Ein treffendes Bild; anders ausgedrückt hat Trivialliteratur keinen Subtext, nichts, kaum „was zwischen den Zeilen steht“. Es gibt nur das, was da geschrieben steht, keine oder kaum Substanz über die sich nachzudenken lohnt, nichts, was einem erst mit oder nach dem Lesen des Werkes aufgeht. Trivialliteratur hinterläßt bei mir einen schalen Geschmack der Zeitverschwendung, mehr noch, es hinterläßt bei mir den Ärger, daß ein Autor mir meine Zeit mit Banalitäten gestohlen hat. Viele Autoren geben sich leider - oft durch die furchtbaren Klappentexte (für die die Autoren natürlich nichts können) - den Anschein von Anspruch. Wenn man das Buch dann durch hat, erkennt der erfahrene Leser schnell, daß alles nur Fassade war. Aber es gibt durchaus Schriftsteller und Werke, die gar keine Hochliteratur sein wollen - die Verlage sehen solches Understatement natürlich ungern.
In der Öffentlichkeit und im Privaten wird man der größeren Popularität wegen natürlich viel öfter mit Trivial- als mit Hochliteratur behelligt: Z.B. wenn einem im Freundeskreis von einem Dan Brown vorgeschwärmt wird, oder der neuste Ken Follet unter die Nase gehalten wird und man es nur unschwer abbiegen kann, diesen ausgeliehen zu bekommen. Am allerschlimmsten sind die Harry-Potter-Fans, die halten ja ihren sechs oder sieben Bände, die es inzwischen gibt, für die Krone der Literaturschöpfung und als erfahrener Leser kann man sich nur schwer zurückhalten und gute Miene zum bösen Spiel machen und am besten ist es dann, das Thema zu wechseln...
Spaßeshalber habe ich mir vor ein paar Jahren eines dieser Bastei-Lübbe-Arztroman-Heftchen (die man ganz sicher zur Trivialliteratur zählen kann) gekauft und gelesen. Handwerklich war es einfach, aber überraschend ordentlich gemacht. Manchmal denke ich, daß es immer noch besser ist, „die Leute“ (sage ich jetzt mal so pauschal) lesen überhaupt was. Dieses tumbe Herumgestarre von Leuten in der U-Bahn, die nicht einmal ein Produkt der Boulevardpresse dabei haben, geht mir inzwischen ziemlich auf die Nerven.

Trivialliteratur: Paul Coelhos Veronika beschließt zu sterben.Geändert von Thomas Bernhard (05-09-2006 um 14:27 Uhr)
Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
Dem Narren ein Denkmal.
Dem Reimliebhaber ein Gedicht.
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05-09-2006 14:44 #2
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Und wo bleibt das Pro?
Tja, Proton müsste man sein; man würde die Quantenphysik verstehen, wäre immer positiv drauf, und hätte eine nahezu unbegrenzte Lebenszeit.
(Silvia Arroyo Camejo)
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05-09-2006 16:20 #3
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Ja, wo bleibt denn das Pro?
Es muß nicht an mir gelegen sein, eine Lanze für die Trivialliteratur zu brechen - Ich schrieb ja kein Schulaufsatz und dies hier ist ein offener Thread, offen für alle Standpunkte und Meinungen zum Thema Trivialliteratur: Pro und Contra.
Zitat von Astir01
Erspart habe ich mir keinen weiteren Punkte, denn mir fallen (derzeit) keine eine.
Hmm. Es gibt eigentlich kein Grund, so lamoryant-gehässig zu sein,lieber Astir. Ich habe in meinem Eröffnungsplädoyer klar dargestellt, was recherchiert ist und was nur meine Meinung.
Zitat von Astir01
Was ist denn das, ein "gewöhnliches Stück Literatur"? Ich kann mir darunter nichts vorstellen.
Und ja, ich glaube von mir selbst, daß ich schon recht viel gelesen habe. Natürlich bin ich mir auch der großen Lücken bewußt, aber im persönlichen Gespräch mit anderen fleissigen Lesern habe ich den Eindruck, daß ich mithalten kann. Diese Einstellung kann man für arrogant halten, na und, von mir aus...
(Off-Topic: die Kolummne von MRR lese ich gerne, bei seiner Filmliste letzten Sonntag sind mir aber schon Bedenken gekommen. Gut, daß er kein Filmkritiker ist...)
Solange du irgendwas liest, ist es schon in Ordnung... Zwischendurch "nachsinnen" sei dir gestattet, das mache ich auch. Gemeint habe ich das tumbe Starren völlig lektürefreier Menschen...
Zitat von Astir01
Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
Dem Narren ein Denkmal.
Dem Reimliebhaber ein Gedicht.
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05-09-2006 22:50 #4
Moderator
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- 3.140
trivialliteratur, also irgendwie habe ich da immer noch die szene aus "dead poet society" im kopf, in der keating das koordinatensystem zur bewertung von literatur rausreißen lässt. und ich denke weiterhin richtig so, natürlich kommt mir bei dan brown auch nicht der literarische big o. (wobei ich das gar nicht mal sagen kann, denn ich hab mich bisher drumherum gewunden, ihn zu lesen), aber so lange die leute überhaupt lesen und bild und faz noch unterscheiden können, bitte. ich glaube ich will auch die unterscheidung nicht machen.
Ein Gedicht, was es sonst auch immer noch sein mag, ist zuerst ein Text.
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05-09-2006 23:16 #5sajmen Gast
Ich habe bisher noch keinen Harry-Potter-Fan erlebt, der die Werke für irgendwelche Kronen hielt. Der Punkt ist doch, dass Trivialliteratur genau dazu da ist, keinen doppelten Boden zu haben. Und so lang sie dabei nicht wirklich dumm oder schlecht geschrieben ist, geht das völlig in Ordnung.
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