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  1. #1
    Seelenblume Gast

    Romananfänge raten -Nummer sechs

    So, liebe Leute, dann habe ich jetzt dank Lux die Ehre, euch erneut zehn Romananfänge zu liefern. Bin gespannt, wer was erkennt. Zumindest einige dürften euch sicher sehr schnell bekannt erscheinen. Und- den einen oder anderen wird es freuen- es sind nur deutsche Titel!

    Et voila:

    (1).Es war einmal eine Prostituierte namens Maria.
    Moment mal. "Es war einmal" ist die beste Art, ein Märchen für Kinder zu beginnen, während "Prostituierte" nach etwas klingt, was für Erwachsene gedacht ist. Darf man ein Buch mit einem so offensichtlichen Widerspruch beginnen?


    (2). In meinen jüngeren Jahren, als ich noch zarter besaitet war, gab mein Vater mir einmal einen Rat, der mir seitdem wieder und wieder durch den Kopf gegangen ist.
    "Bedenke", sagte er, "wenn du an jemand etwas auszusetzen hast, dass die meisten Menschen es im Leben nicht so leicht gehabt haben wie du."
    Weiter sagte er nichts, aber da wir uns auf eine scheue Art immer ungewöhnlich gut verstanden, begriff ich, dass er damit sehr viel mehr gemeint hatte.



    (3).Um meine Geschichte zu erzählen, muss ich weit vorn anfangen. Ich müsste, wäre es mir möglich, noch viel weiter zurückgehen, bis in die allerersten Jahre meiner Kindheit und noch über sie hinaus in die Ferne meiner Herkunft zurück.
    Die Dichter, wenn sie Romane schreiben, pflegen so zu tun, als seien sie Gott und könnten irgendeine Menschengeschichte ganz und gar überblicken und begreifen und sie so darstellen, wie wenn Gott sie sich selber erzählte, ohne alle Schleier, überall wesentlich. Das kann ich nicht, so wenig, wie die Dichter es können.



    (4).... und einmal als Mahlke schon schwimmen konnte, lagen wir neben dem Schlagballfeld im Gras. Ich hätte zum Zahnarzt gehen sollen, aber sie ließen mich nicht, weil ich als Tickspieler schwer zu ersetzen war. Mein Zahn lärmte.



    (5). Auf einmal hier, sind wir hierhergekommen, in diesen auslaufenden Sommer hinein, in dieses unbewohnte Haus, wo es über der niedrigen Küche nur Schlafkammern gibt; in vier Zimmern Eisenbetten und Bettstellen aus dunklem Holz mit schweren Pfosten, Nachtkästen, Kommoden, tiefe Kleiderschränke ohne Kleider, zerbrochene Fenster in vier Windrichtungen.


    (6). Am 11. November 1997 entschied Veronika, jetzt sei es -endlich- an der Zeit, sich das Leben zu nehmen. Sie machte das Zimmer sauber, das sie in einem Kloster gemietet hatte, stellte die Heizung ab, putzte die Zähne und legte sich aufs Bett.



    (7). Einen Moment, ich verbinde, sagt eine Stimme mit spanischem Akzent. Ich höre sie nur leise. Sie liegt im Bett und atmet schwer.
    "Ben...?"
    "Ja... Monica?"
    "Mein Lieber."
    Wir sprechen über das Wetter, dass es warm ist, wie immer, und ich weiß, es ist das letztemal, dass wir miteinander sprechen werden. Wann sie das letzte Mal im Meer war?



    (8).Es wird Herbst, und die Bäume färben sich gelb, rot, braun; das in einem schönen Tal gelegene Badestädtchen ist gleichsam von einer Feuersbrunst umgeben. Unter den Kolonnaden gehen Frauen und neigen sich über die Quellen. Es sind Frauen, die keine Kinder bekommen können und hoffen, in diesem Bad fruchtbar zu werden.




    (9). Tagebuch, 6.Juli 2000
    15 Uhr 25

    ich sitze im Halbdunkel meines mit Marlene- Dietrich- Postern und Farbdrucken von Gustav Klimt tapezierten Zimmers und schreibe; Marlene beobachtet mich mit ihrem schmachtenden, hochmütigen Blick, während ich das weiße Blatt voll kritzele; einzelne Sonnenstrahlen sickern durch die Ritzen der Fensterläden.
    Es ist heiß, brütend heiß und trocken. Im angrenzenden Zimmer läuft der Fernseher, meine kleine Schwester trällert die Erkennungsmelodie eines Trickfilms mit. Draußen schmettert eine Grille ihre Fröhlichkeit hinaus, hier drin, in der Wohnung, ist es ruhig und friedlich.



    (10). Der erste Juli 1998 fiel auf einen Mittwoch. Daher war es durchaus logisch, wenn auch ungewöhnlich, dass Djerzinski seine Abschiedsfeier an einem Dienstagabend veranstaltete. Zwischen den Tiefkühltruhen für Embryos stand, ein wenig erdrückt von deren Vielzahl, ein Kühlschrank der Marke Brandt, in dem sich Champagnerflaschen befanden; er diente normalerweise zur Aufbewahrung der üblichen chemischen Produkte. Vier Flaschen für fünfzehn Leute, das war ein bißchen knapp bemessen.



    Und nun bleibt mir nur noch eins:
    Euch viel Spaß wünschen!!

  2. #2
    Seelenblume Gast
    Ich habe beschlossen, dieses Thema genau eine Woche laufen zu lassen, danach gibt' s ne Auflösung.

    Bestens,
    Blume

  3. #3
    Seelenblume Gast
    Zwischenstand: 7 Teilnehmer. Ich sags nochmal, damit ihr es besser glauben könnt: 7(!!!) TEILNEHMER....

  4. #4
    Thomas Bernhard ist offline "Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
    Registriert seit
    13.01.2003
    Beiträge
    4.692

    Sieben Teilnehmer für Seelenblume

    Super und schonmal Glückwunsch, auch wenn ich wieder mal wenig erkannt zu haben glaube; ich glaube, das liegt daran, daß Männer grundsätzlich andere Anfänge einstellen und erkennen können als Frauen.
    Hätte sowieso nie gedacht, daß die Idee Nachahmer finde, so daß wir jetzt schon in der sechsten Runde sind...
    Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
    Dem Narren ein Denkmal.
    Dem Reimliebhaber ein Gedicht.

  5. #5
    Seelenblume Gast
    Hätte jemand etwas dagegen, wenn ich die Auflösung schon Morgen bekannt geben würde? Ich vermute, es wird sich sowieso niemand mehr beteiligen.

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