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Thema: Die wilde 13

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  1. #1
    Avatar von StudJurLMU
    StudJurLMU ist offline "Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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    Die wilde 13

    1.
    In einem Dorfe der Mancha, dessen Namen ich mich nicht entsinnen mag, lebte unlägst ein Edler, einer von denen, die eine Lanze auf dem Vorplatz haben, einen alten Schild, einen dürren Klepper und einen Jagdhund. Eine Olla, mehr von Rind- als Hammelfleisch, des Abends gewöhnlich kalte Küche, des Sonnabends arme Ritter und freitags Linsen, sonntags aber einige gebratene Tauben zur Zugabe verzehrten drei Vierteile seiner Einnahme. Das übrige ging auf für ein Wams vom besten Tuch, Beinkleider von Samt für die Festtage, Pantoffeln derselben Art, ingleichen für ein auserlesenes ungefärbtes Tuch, womit er sich in den Wochentagen schmückte.


    2.
    "Die Sitzung ist eröffnet!" verkündete der Landgerichtspräsident, ein gutmütiger Sechziger mit militärisch aufgesträubtem Schnurrbart.
    Und geschäftsmäßig trocken fuhr er fort:
    "Bevor wir in die Verhandlung eintreten, haben wir zur Vereidigung des Referendars Doctor juris Achenbach zu schreiten." Sein Blick schweifte in den Zuschauerraum und blieb auf Werners schlanker Gestalt haften, die sich beim Eintritt des Gerichtshofes erhoben hatte.
    "Bitte, Herr Kollege, treten Sie vor."
    Im Frack und weißer Binde, den Zylinder in der Hand, schritt Werner zum Gerichtstisch und verneigte sich.
    "Herr Gerichtsschreiber, nehmen Sie bitte die Personalien auf. Sie heißen mit Vornamen, Herr Kollege?"
    "Werner."
    "Sind wie alt?"
    "Dreiundzwanzig Jahre."
    "Evangelischer Konfession, nicht wahr, Sohn des Rechtsanwalts und Königlichen Justizrats Anton Achenbach am hiesigen Platze, nicht bestraft und Vizefeldwebel der Reserve - nicht wahr, Herr Kollege?"
    "Jawohl, Herr Präsident."


    3.
    Ein paar Meilen südlich von Soledad senkte sich dicht am bergseitigen Ufer das Bett des Salinas-Flusses; das Wasser nimmt größere Tiefe und eine grüne Färbung an. Es ist hier auch warm, weil es, bevor es diese schmale teichartige Stelle erreicht, flimmernd über besonnte gelbe Sandstrecken gelaufen ist. Auf der einen Seite des Flusses schweifen sich die goldenen Hänge der Vorberge zum schroffen Felsgestein des Gabilan-Gebirges empor, doch auf der Talseite ist das Wasser von Bäumen umrahmt; in jedem Frühling frisch ergrünende Weiden, in deren unteren Astgabeln noch allerhand Ueberbleibsel vom Hochwasser des Winters hängen, und Sykomoren, deren weißgesprenkeltes, zurückgebogenes Geäst und Gezweig sich über den kleinen Teich wölben.


    4.
    Er lag der Länge nach auf dem braunen, nadelbedeckten Boden des Waldes, das Kinn auf die verschränkten Arme gestützt, und hoch über ihm wehte der Wind durch die Wipfel der Kiefern. Dort, wo er lag, ging es sanft bergab, aber ein Stück weiter unten wurde der Berghang steil, und er sah die geölte Straße, wie sie sich in schwärzlichen Windungen durch die Paßenge schlängelte. Ein Fluß lief an der Straße entlang, und in der Tiefe des Passes sah er eine Mühle am Ufer und die stürzenden Wasser des Dammes, weiß im sommerlichen Sonnenschein.
    "Ist das die Sägemühle?" fragte er.
    "Ja."
    "Ich kann mich nicht an sie erinnern."
    "Sie wurde später gebaut. Die alte Mühle steht weiter unten, tief unten."
    Er entfaltete die Fotokarte auf dem Waldboden und betrachtete sie aufmerksam. Der alte Mann blickte ihm über die Schulter; ein alter Mann, untersetzt und stämmig, in schwarzem Bauernkittel und grauen, brettsteifen Hosen, an den Füßen die mit Hanfschnüren besohlten Schuhe.


    5.
    Die Stoffwände des Ankleidezeltes waren verfärbt von braunen Wasserspuren, grünen Grasabdrücken und grauen, streifigenStockflecken und ließen die leuchtenden Sonnenstrahlen hell eindringen. Der Boden bestand aus kurzgeschnittenen Gerstenstoppeln, zwischen denen die schwarze Erde durchblickte. An einer Stoffwand stand eine große, von vielen Reisen stark abgenutzte Kiste mit matten Messingstreifen und -ecken und aufgestelltem Deckel, dessen Innenseite aus Spiegelglas bestand.


    6.
    Achtbar waren seine Eltern,
    In der Jugend ging's ihm dulce,
    Denn sein Ahne war ein Schöpfe,
    Und sein Vater war ein Schulze.

    Seine Mutter war die Tochter
    Von des Dorfes altem Lehrer,
    Und sie schrieb sich Kunigunde,
    Mit Familiennamen Scherer.

    Dieses Ehepaar erzeugte
    Zween Knaben und zwo Mädchen,
    Ganz zum Schlusse noch ein Fünftes,
    Roten Haars, das liebe Gretchen.

    Roten Haars, das von dem Großohm
    Sie als Erbstück überkommen,
    Und das strahlte wie der Abend,
    Wenn im West die Fernen glommen.

    Alle andern aber hatten
    Semmelblondes Haar georben
    Von der Mutter Schwester Bertha,
    Die noch ledig totgestorben.

    - Sonst von erblicher Belastung
    War bei ihnen nichts zu spüren.
    Und sie konnten selbst Lombroso
    Ihren Schädel präsentieren.

    August war des Hauses Ältster,
    Stark im Nacken, breit im Buckel;
    Gottfried, sein fideler Bruder,
    War ein lustiges Karnuckel.


    7.
    Ein Netz von Adern schnürten sich Straßen über das Land, sich querend, verzweigend, versiegend. Sie waren verwahrlost, voll von Steinen, Löchern, zerrissen, überwachsen, bodenloser Sumpf, wenn es regnete, dazu überall von Schlagbäumen unterbunden. Im Süden, in den Bergen, verengten sie sich in Saumpfade, verloren sich. Alles Blut des Landes floß durch diese Adern. Die holperigen, in der Sonne staubig klaffenden, im Regen verschlammten Straßen waren des Landes Bewegung, Leben und Odem und Herzschlag.
    Es zogen auf ihnen gewöhnliche Postwagen, dachlose Karren, ohne Polster, ohne Lehne, humpelnd, oft zusammengeflickt, und die schnelleren Wagen der Extrapost, viersitzige, mit fünf Pferden, die bis zu zwanzig Meilen im Tag fahren konnten. Es zogen auf ihnen die Eilkuriere der Höfe und Gesandten, auf guten Pferden, oft wechselnd, mit versiegelten Taschen, und die langsameren Boten der Thurn-und Taxisschen Post. Es zogen Handwerksburschen mit Ranzen, biedere und gefährliche, und Studenten, hager und sanft die einen, die andern fest und verwegen, und eng schauende Mönche, verschwitzt in ihren Kutten.


    8.
    Es war spät abend, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor.


    9.
    Die Höhenzüge, tief unter dem Flugzeug, gruben schon ihre Schattenfurchen ins Gold des Abends. Aber die Ebenen glommen noch in zähem Licht: sie können sich nie entschließen dortzulande, ihr Gold herzugeben, ebenso wie sie nach dem Winter nie von ihrem Schnee lassen wollen.
    Und dem Piloten Fabien, der das Postflugzeug von Patagonien vom äußersten Süden her nach Buenos Aires zurückführte, war es zumute, als steuerte er in den nahenden Abend ein wie in die Gewässer eines Hafens: Stille weithin, kaum gefurcht von ein paar leichten, regungslosen Wolken.


    10. (Ausnahmsweise mal etwas Englischsprachiges von mir
    Ours is essentially a tragic age, so we refuse to take it tragically. The cataclysm has happened, we are among the ruins, we start to build up new little habitats, to have new little hopes. It is rather hard work: there is now no smooth road into the future: but we go round, or scramble over the obstacles. We've got to live, no matter how many skies have fallen.
    This was more or less Constance Chatterley's position. The war had brought the roof down over her head. And she had realized that one must live and learn.



    Prologe, Zueignungen, Ueberschriften und sonstige Vorworte habe ich, wie immer, weggelassen. Wie immer sind sehr leichte und einige unbekannte Werke darunter. Viel Vergnügen!
    Geändert von StudJurLMU (02-09-2007 um 01:37 Uhr)
    § 11.

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