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  1. #1
    Avatar von Zaunwipfel
    Zaunwipfel ist offline Moderator
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    Siebzehnte Spielrunde

    Na dann wollen wir mal...
    Ich bin gespannt, wer was aus welchem Grund kennt - her mit den PNs...

    1.
    Sie hastet aus dem Haus, wirft einen für die Witterung zu schweren Mantel über. 1941. Wieder hat ein Krieg begonnen. Sie hat eine Nachricht für Leonard hinterlassen und eine weitere für Vanessa. Zielstrebig geht sie in Richtung Fluß, ihres Vorhabens gewiß, doch sogar jetzt läßt sie sich noch beinahe ablenken durch den Anblick der grünen Hügel, der Kirche und ein paar vereinzelter Schafe, leuchtend weiß, mit einem leichten Stich ins Schwefelgelbe, die unter einem dunkelnden Himmel weiden. Sie hält inne, betrachtet die Schafe und den Himmel, geht dann weiter. Hinter ihr murmeln die Stimmen.

    2.
    Der Abend, bevor Richard nach London fuhr, war nicht sonderlich gelungen.
    Anfangs hatte er sich noch gut amüsiert: Es hatte ihm Spaß gemacht, die Abschiedskarten zu lesen und sich von mehreren nicht gerade unattraktiven, jungen Damen seiner Bekanntschaft umarmen zu lassen; er hatte sich über die Warnungen vor den Nachteilen und Gefahren Londons gefreut und über einen weißen Regenschirm mit dem Plan des Londoner U-Bahn-Netzes darauf, für den seine Freunde zusammengelegt hatten; die ersten paar Gläser Bier waren ihm noch bestens bekommen, doch dann stellte er fest, daß er sich mit jedem folgenden Glas Bier bedeutend weniger gut amüsierte; bis er nun zitternd auf dem Bürgersteig vor dem Pub saß, die Vor- und Nachteile des Sich-Übergebens und Sich-nicht-Übergebens gegeneinander abwog und sich gar nicht mehr amüsierte.

    3.
    Stattlich und feist erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in den Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen. Ein gelber Schlafrock mit offenem Gürtel bauschte sich leicht hinter ihm in der milden Morgenluft. Er hielt das Becken in die Höhe und intonierte:
    Introibo ad altare Dei.

    4.
    Auf einer unserer letzten Autofahrten, kurz bevor das Leben meines Vaters als Mensch zu Ende ging, hielten wir bei einem Fluß und spazierten ans Ufer, wo wir uns in den Schatten einer alten Eiche setzten.
    Nach ein paar Minuten zog mein Vater Schuhe und Strümpfe aus, stellte die Füße in das klar fließende Wasser und betrachtete sie dort. Dann schloß er die Augen und lächelte. So hatte ich ihn schon eine Weile nicht mehr lächeln gesehen.
    Plötzlich holte er tief Luft und sagte: "Dies erinnert mich an etwas."

    5.
    "Vierundzwanzig braune Sklaven ruderten die prächtige Galeere, die den Prinzen Amgiad zu dem Palast des Kalifen bringen sollte. Der Prinz aber, in seinen Purpurmantel gehüllt, lag allein auf dem Verdeck unter dem dunkelblauen, sternbesäten Nachthimmel, und sein Blick -"
    Bis hierher hatte die Kleine laut gelesen; jetzt, beinahe plötzlich, fielen ihr die Augen zu. Die Eltern sahen einander lächelnd an, Fridolin beugte sich zu ihr nieder, küßte sie auf das blonde Haar und klappte das Buch zu, das auf dem noch nicht abgeräumten Tisch lag. Das Kind sah auf wie ertappt.

    6.
    Er war ein alter Mann, der allein in einem kleinen Boot im Golfstrom fischte, und er war jetzt vierundachtzig Tage hintereinander hinausgefahren, ohne einen Fisch zu fangen. In den ersten vierzig Tagen hatte er einen Jungen bei sich gehabt. Aber nach vierzig fischlosen Tagen hatten die Eltern des Jungen ihm gesagt, daß der alte Mann jetzt bestimmt für immer salao sei, was die schlimmste Form von unglücklich ist, und der Junge war auf ihr Geheiß in einem anderen Boot mitgefahren, das in der ersten Woche drei gute Fische gefangen hatte. Es machte den Jungen traurig, wenn er den alten Mann jeden Tag mit seinem leeren Boot zurückkommen sah, und er ging immer hinunter, um ihm entweder die aufgeschossenen Leinen oder den Fischhaken und die Harpune oder das Segel, das um den Mast geschlagen war, hinauftragen zu helfen.

    7.
    Es war ein verrückter, schwüler Sommer, dieser Sommer, in dem die Rosenbergs auf den elektrischen Stuhl kamen und ich nicht wußte, was ich in New York eigentlich wollte. Bei dem Gedanken an Hinrichtungen wird mir immer ganz anders. Die Vorstellung, auf den elektrischen Stuhl zu kommen, macht mich krank, aber in den Zeitungen war von nichts anderem die Rede - glotzäugigen Überschriften, die mich an jeder Straßenecke und an jedem muffigen, nach Erdnüssen riechenden U-Bahn-Schlund anstarrten. Es hatte nichts mit mir zu tun, und trotzdem ließ mich die Frage nicht los, wie es wäre, die Nerven entlang bei lebendigem Leib zu verbrennen.

    8.
    Kein lebender Organismus bleibt lange normal, wenn er sich immer nur in der Wirklichkeit aufhält; sogar Lerchen und Grashüpfer, vermuten manche, haben Träume. Hill House, nicht normal, stand für sich allein in den Hügeln, nach denen es seinen Namen hatte, und in ihm steckte etwas Dunkles. Das Haus stand schon seit achtzig Jahren und konnte gut noch einmal achtzig Jahre so stehen. Drinnen hielten die Wände sich aufrecht, die Backsteine waren sauber verfugt, die Fußböden solide und die Türen ordentlich geschlossen; beharrliche Stille lagerte um die Holz- und Steinmauern, und was dort auch umgehen mochte, ging allein um.

    9.
    Sie richtet sich auf, im Garten, wo sie gerade gearbeitet hat, und schaut in die Ferne. Sie spürt einen Wetterumschwung. Wieder ein Windstoß, ein Beben in der Luft, und die hohen Zypressen schwanken. Sie dreht sich um und geht hinauf zum Haus, klettert über eine niedrige Mauer und fühlt die ersten Regentropfen auf den bloßen Armen. Sie durchquert die Loggia und betritt rasch das Haus.
    In der Küche bleibt sie nicht stehen, sondern eilt hindurch und steigt die Treppe hoch, die im Dunkel liegt, und geht dann weiter die lange Halle entlang, an deren Ende ein Lichtkegel aus einer offenen Tür fällt.
    Sie wendet sich dem Zimmer zu, einem zweiten Garten - dieser hier aus Bäumen und Lauben, die auf Wände und Decke gemalt sind. Der Mann liegt auf dem Bett, sein Körper dem Luftzug ausgesetzt, und er wendet den Kopf langsam zu ihr, als sie hereinkommt.
    10.
    Januar, Februar, März, April, Mai, Juni, Juli, August, September, Oktober, November, Dezember

    Er sagte: "Schreib alles auf. Alles. Von Anfang an."
    Ich starrte auf das weiße Blatt, das vor mir lag, und kaute an meinem Schreibzeug herum.
    "Mach ein Tagebuch daraus", sagte der alte Mann.
    "Schreib auf, was du erlebt hast, was du gerade denkst und früher gedacht hast, und auch das, was du geträumt und phantasiert hast."
    Diese Worte hatte ich schon einmal gehört; wenn ich nur wüßte, wann und in welchem Zusammenhang?
    "Welcher Tag ist heute?" fragte ich.
    Er gab keine Antwort darauf. Ich fragte noch einmal.
    "Der dreißigste Februar", sagte er.
    Geändert von Zaunwipfel (29-11-2007 um 01:51 Uhr)

  2. #2
    Avatar von Zaunwipfel
    Zaunwipfel ist offline Moderator
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    Mitgeraten haben ja leider nur sehr wenige von Euch, aber ich vermute mal, dass die Texte einfach nicht so leicht zuzuordnen waren. Dennoch kann ich jedes einzelne Buch sehr empfehlen.

    Und hier die Auflösung:

    1. Michael Cunningham - Die Stunden

    Sie hastet aus dem Haus, wirft einen für die Witterung zu schweren Mantel über. 1941. Wieder hat ein Krieg begonnen. Sie hat eine Nachricht für Leonard hinterlassen und eine weitere für Vanessa. Zielstrebig geht sie in Richtung Fluß, ihres Vorhabens gewiß, doch sogar jetzt läßt sie sich noch beinahe ablenken durch den Anblick der grünen Hügel, der Kirche und ein paar vereinzelter Schafe, leuchtend weiß, mit einem leichten Stich ins Schwefelgelbe, die unter einem
    dunkelnden Himmel weiden. Sie hält inne, betrachtet die Schafe und den Himmel, geht dann weiter. Hinter ihr murmeln die Stimmen.


    Erraten von: niemandem

    2. Neil Gaiman - Niemalsland

    Der Abend, bevor Richard nach London fuhr, war nicht sonderlich gelungen.
    Anfangs hatte er sich noch gut amüsiert: Es hatte ihm Spaß gemacht, die Abschiedskarten zu lesen und sich von mehreren nicht gerade unattraktiven, jungen
    Damen seiner Bekanntschaft umarmen zu lassen; er hatte sich über die Warnungen vor den Nachteilen und Gefahren Londons gefreut und über einen weißen Regenschirm mit dem Plan des Londoner U-Bahn-Netzes darauf, für den seine Freunde zusammengelegt hatten; die ersten paar Gläser Bier waren ihm noch
    bestens bekommen, doch dann stellte er fest, daß er sich mit jedem folgenden Glas Bier bedeutend weniger gut amüsierte; bis er nun zitternd auf dem Bürgersteig vor dem Pub saß, die Vor- und Nachteile des Sich-Übergebens und Sich-nicht-Übergebens gegeneinander abwog und sich gar nicht mehr amüsierte.


    Erraten von: niemandem, wobei sich Thomas Bernhard zumindest an einer Zuordnung versuchte...

    3. James Joyce - Ulysses

    Stattlich und feist erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in den Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen.
    Ein gelber Schlafrock mit offenem Gürtel bauschte sich leicht hinter ihm in der milden Morgenluft. Er hielt das Becken in die Höhe und intonierte:
    Introibo ad altare Dei.


    Erraten von: Thomas Bernhard (2)

    4. Daniel Wallace - Big Fish

    Auf einer unserer letzten Autofahrten, kurz bevor das Leben meines Vaters als Mensch zu Ende ging, hielten wir bei einem Fluß und spazierten ans Ufer, wo wir uns in den Schatten einer alten Eiche setzten.
    Nach ein paar Minuten zog mein Vater Schuhe und Strümpfe aus, stellte die Füße in das klar fließende Wasser und betrachtete sie dort. Dann schloß er die Augen und lächelte. So hatte ich ihn schon eine Weile nicht mehr lächeln gesehen.
    Plötzlich holte er tief Luft und sagte: "Dies erinnert mich an etwas."


    Erraten von: niemandem (obwohl vermutlich viele die Verfilmung kennen)

    5. Arthur Schnitzler - Traumnovelle

    "Vierundzwanzig braune Sklaven ruderten die prächtige Galeere, die den Prinzen Amgiad zu dem Palast des Kalifen bringen sollte. Der Prinz aber, in seinen Purpurmantel gehüllt, lag allein auf dem Verdeck unter dem dunkelblauen, sternbesäten Nachthimmel, und sein Blick -"Bis hierher hatte die Kleine laut gelesen; jetzt, beinahe plötzlich, fielen ihr die Augen zu. Die Eltern sahen einander lächelnd an, Fridolin beugte sich zu ihr nieder, küßte sie auf das blonde Haar und klappte das Buch zu, das auf dem noch nicht abgeräumten Tisch lag. Das Kind sah auf wie ertappt.

    Erraten von: Salome (2), Thomas Bernhard (2)

    6. Ernest Hemingway - Der alte Mann und das Meer

    Er war ein alter Mann, der allein in einem kleinen Boot im Golfstrom fischte, und er war jetzt vierundachtzig Tage hintereinander hinausgefahren, ohne einen Fisch zu fangen. In den ersten vierzig Tagen hatte er einen Jungen bei sich gehabt. Aber nach vierzig fischlosen Tagen hatten die Eltern des Jungen ihm gesagt, daß der alte Mann jetzt bestimmt für immer salao sei, was die schlimmste Form von unglücklich ist, und der Junge war auf ihr Geheiß in einem anderen Boot mitgefahren, das in der ersten Woche drei gute Fische gefangen hatte. Es machte den Jungen traurig, wenn er den alten Mann jeden Tag mit seinem leeren Boot zurückkommen sah, und er ging immer hinunter, um ihm entweder die aufgeschossenen Leinen oder den Fischhaken und die Harpune oder das Segel, das um den Mast geschlagen war, hinauftragen zu helfen.

    Erraten von: Salome (2), miss smilla (2), Thomas Bernhard (2), StudJurLMU (2) - na bitte, geht doch...

    7. Silvia Plath - Die Glasglocke

    Es war ein verrückter, schwüler Sommer, dieser Sommer, in dem die Rosenbergs auf den elektrischen Stuhl kamen und ich nicht wußte, was ich in New
    York eigentlich wollte. Bei dem Gedanken an Hinrichtungen wird mir immer ganz anders. Die Vorstellung, auf den elektrischen Stuhl zu kommen, macht mich krank, aber in den Zeitungen war von nichts anderem die Rede - glotzäugigen Überschriften, die mich an jeder Straßenecke und an jedem muffigen, nach Erdnüssen riechenden U-Bahn-Schlund anstarrten. Es hatte nichts mit mir zu tun, und trotzdem ließ mich die Frage nicht los, wie es wäre, die Nerven entlang bei lebendigem Leib zu verbrennen.


    Erraten von: niemandem - und wie Thomas Bernhard, der das Buch ja nach eigenen Angaben gelesen hat (oder möchtest Du das an dieser Stelle lieber nochmal überdenken? ), auf Paul Auster kam, muss er nochmal genauer erklären...

    8. Shirley Jackson - Spuk in Hill House

    Kein lebender Organismus bleibt lange normal, wenn er sich immer nur in der Wirklichkeit aufhält; sogar Lerchen und Grashüpfer, vermuten manche, haben Träume. Hill House, nicht normal, stand für sich allein in den Hügeln, nach denen es seinen Namen hatte, und in ihm steckte etwas Dunkles. Das Haus stand schon seit achtzig Jahren und konnte gut noch einmal achtzig Jahre so stehen. Drinnen hielten die Wände sich aufrecht, die Backsteine waren sauber verfugt, die Fußböden solide und die Türen ordentlich geschlossen; beharrliche Stille lagerte um die Holz- und Steinmauern, und was dort auch umgehen mochte, ging allein um.

    Erraten von: niemandem

    9. Michael Ondaatje - Der englische Patient

    Sie richtet sich auf, im Garten, wo sie gerade gearbeitet hat, und schaut in die Ferne. Sie spürt einen Wetterumschwung. Wieder ein Windstoß, ein Beben in der Luft, und die hohen Zypressen schwanken. Sie dreht sich um und geht hinauf zum Haus, klettert über eine niedrige Mauer und fühlt die ersten Regentropfen auf den bloßen Armen. Sie durchquert die Loggia und betritt rasch das Haus.
    In der Küche bleibt sie nicht stehen, sondern eilt hindurch und steigt die Treppe hoch, die im Dunkel liegt, und geht dann weiter die lange Halle entlang, an deren Ende ein Lichtkegel aus einer offenen Tür fällt.
    Sie wendet sich dem Zimmer zu, einem zweiten Garten - dieser hier aus Bäumen und Lauben, die auf Wände und Decke gemalt sind. Der Mann liegt auf dem Bett, sein Körper dem Luftzug ausgesetzt, und er wendet den Kopf langsam zu ihr, als sie hereinkommt.


    Erraten von: niemandem

    10. Tonke Dragt - Die Türme des Februar

    Januar, Februar, März, April, Mai, Juni, Juli, August, September, Oktober, November, Dezember

    Er sagte: "Schreib alles auf. Alles. Von Anfang an."
    Ich starrte auf das weiße Blatt, das vor mir lag, und kaute an meinem Schreibzeug herum.
    "Mach ein Tagebuch daraus", sagte der alte Mann.
    "Schreib auf, was du erlebt hast, was du gerade denkst und früher gedacht hast, und auch das, was du geträumt und phantasiert hast."
    Diese Worte hatte ich schon einmal gehört; wenn ich nur wüßte, wann und in welchem Zusammenhang?
    "Welcher Tag ist heute?" fragte ich.
    Er gab keine Antwort darauf. Ich fragte noch einmal.
    "Der dreißigste Februar", sagte er.


    Erraten von: niemandem


    And the winner iiis...

    3. Platz

    miss smilla & StudJurLMU



    2. Platz

    Salome



    1. Platz

    Thomas Bernhard Gratulation!

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