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  1. #1
    Der Vogone Gast

    Benjamin Lebert: Der Vogel ist ein Rabe

    Ich kenne Benjamin Leberts Debüt-Roman "Crazy" leider nicht, kann also zwischen seinem ersten und zweiten Buch keinen Vergleich ziehen. Das erste wollte ich damals nicht lesen, weil es mir zum einen durch die Medien dermaßen aufgedrängt wurde, daß ich es schon aus purem Trotz niemals zur Hand genommen hätte; zum anderen hatte und habe ich zwar grundsätzlich nichts gegen Pubertäts-Romane einzuwenden, begehre sie aber keineswegs von Autoren vorgesetzt zu bekommen, die selbst noch mitten in der Pubertät stecken. (Hesse und Musil waren immerhin schon um einiges über 20, als ihre ersten Jugend-Reminiszenzen erschienen, und es hat ihren Texten nicht geschadet.)

    Da der Raben-Vogel aber nun mal gerade in meiner Stamm-Buchhandlung (in die ich eigentlich nur eingekehrt war, um mir einen Band mit Schnitzler-Erzählungen zu bestellen) auslag, schlappe 9,90 Euro kostete und zudem gerade frisch durch die Besprechungs-Maschinerie gezogen worden war, griff ich einfach einmal aufs Geratewohl zu und begann zu lesen.

    Und ich muß sagen: Es lohnt allemal! Für knappe 10 Euro macht man sich einen geistreichen Abend (der käme andernorts teurer und wäre möglicherweise weniger geistreich) und bekommt eine spannende Geschichte erzählt, die sogar eine unerwartete und recht pfiffige (wenngleich nicht 100%ig glaubwürdig wirkende) Schlußpointe hat.

    Vor allem aber hat mich beeindruckt, daß dieser Lebert wirklich zu schreiben versteht, und das ist ja bei einem solch jungen Autor (er ist jetzt 21) durchaus nicht selbstverständlich. Zwar neigt er zu Kurzsätzen, und zumal die Rahmenhandlung des Buches (2 junge Männer begegnen sich in einem Zug nach Berlin und erzählen sich von ihrem Leben) bringt es mit sich, daß ein Großteil des Inhaltes in wörtlicher Rede wiedergegeben wird und sich schon von daher an den charakteristischen Phänomenen der gesprochenen Sprache orientiert; doch das Ganze wirkt deswegen trotzdem weder unbeholfen noch abgehackt, sondern immer der Erzählsituation angemessen und natürlich.

    Auch finden sich herrliche und herzerwärmende Passagen in dem Buch, wie zum Beispiel wenn Henry einmal wieder von seiner größten Sehnsucht spricht:

    "Weißt du, wie wahnsinnig ich mich nach den Mädchen sehne?", sagt er.
    "Nach diesen beiden?", frage ich.
    "Auch", antwortet er. "Nach allen. Diese Sehnsucht ist kaum zu ertragen. Sie frisst einem die Tage und Nächte. Ich liebe die Mädchen so sehr. Sie sind das Wunderbarste, das es auf der Welt gibt. Und sie haben in allen Dingen so eine Art überirdischen Lehrmeister. Es ist, als hätte ihnen der Boden persönlich beigebracht, wie man auf ihm zu laufen hat. Als hätte ihnen der Wind gezeigt, wie man durch Haare fährt, als wüssten sie von Sternen, was Entfernung bedeutet, und einzig und allein vom Feuer haben sie abgeschaut, wie man brennt. [...]"


    Darüber hinaus versteht sich der Autor ebenso trefflich auf erotische Schilderungen, die z.T. so prickelnd sind, daß man einige Passagen schon zur one-hand-literature zählen möchte. Statt dessen bringe ich hier aber lieber noch ein Beispiel dafür, daß sich auch kleine philosophische Schmankerl in diesem Büchlein finden lassen:

    Henry sagt: "Es gibt doch viele Menschen, die keine Geschenke annehmen können, die es überhaupt nicht genießen können, beschenkt zu werden. Weil sie augenblicklich ein schlechtes Gewissen bekommen und denken, sie müssten etwas zurückschenken. Sie denken, sie sind es nicht wert, etwas zu bekommen, ohne es irgendwie auszugleichen. Und ich glaube, dass es mit dem Leben an sich das Gleiche ist. Das Leben ist etwas, das dir einfach so gegeben ist. Und genauso wie die anderen, kleineren Geschenke können diese Menschen das Leben nicht einfach so annehmen. Sie denken, sie verdienen es nicht, am Leben zu sein. Sie sind wahnsinnig verzweifelt. Sie quälen sich selbst. Manche bringen sich sogar um. Denn es ist eine ganz schreckliche, unerfüllbare Aufgabe. Und auch wenn es einem gelänge, wem würde es man dann zurückgeben? Gott? Den Eltern?"
    Er überlegt. Schließlich fährt er fort: "Aber sind Geschenke nicht einfach auch ein Zeichen der Zuneigung? Wenn man mit dem Leben beschenkt wird, ist das auch ein Zeichen der Zuneigung? Bedeutet nicht allein die Tatsache, dass man hier ist, auch, dass man es verdient hat, am Leben zu sein? Dass man wertvoll genug ist? Aber warum fühlt man sich nie wertvoll? Und fast niemand von den ganzen Menschen denkt über einen, dass man wertvoll ist."



    Das einzige, was mich an dem Buch stört - wobei der Autor das vermutlich am wenigsten zu verantworten hat -, ist das meiner Meinung nach viel zu große (und von den Lebert-Interviewern von "Spiegel" bis "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" auch artig und wie selbstverständlich übernommene) Etikett "Roman".

    Nun ist innerhalb der Gattung Epik der Roman zwar definitorisch von anderen Prosaformen wie der Erzählung oder der Novelle nicht ganz so simpel abzugrenzen wie etwa gegenüber den anderen beiden Gattungen Lyrik und Dramatik und selbst noch gegenüber seinem entfernten älteren Halbbruder, dem Epos (Heldengedicht). Die schiere Textmenge allein jedenfalls kann dafür noch kein zureichendes Kriterium sein, sei es nun, daß man, wie E(dward) M(organ) Forster, ein Minimum von 50.000 Wörtern, sei es, daß man, wie angeblich einmal Marcel Reich-Ranicki, wenigstens 200 Seiten einfordert (andere Kriterien wie Personenzahl, Komplexität der Handlung u.a. sind noch problematischer).
    Aber ein schmales Prosa-Bändchen von 127 Seiten (noch dazu sehr groß bedruckt und mit viel Rand; mit einem "normalen" Satzspiegel käme das Buch noch auf keine 100 Seiten), das man in zwei, maximal drei Stunden ausgelesen hat (das also nicht einmal abend-, geschweige denn nachtfüllend ist), kann nun beim besten Willen nicht als "Roman" durchgehen. Es gibt Novellen (Novellen! Keine Romane) von Conrad Ferdinand Meyer, Gottfried Keller oder Theodor Storm, die gut und gerne das Doppelte an Umfang erreichen.

    Kurz&gut, ich würde es eher als "Erzählung" einstufen. Der Qualität von Benjamin Leberts Zweitlingswerk täte diese Umsortierung freilich keinen Abbruch. Man ist, glaube ich, nicht schlecht beraten, auf diesen Autor zu achten. Auch was er in Interviews äußert, zeugt von einer beachtlichen Reife, die noch manches erwarten läßt.

    Der Vogone

  2. #2
    Gast
    rubbish!

  3. #3
    Der Vogone Gast
    Original geschrieben von dennis
    rubbish!
    Thank you for your expression of opinion, Sir; but please let me know whether that term "rubbish" is aiming at Mr. Lebert's narration or at my statements upon it. If first, please would you be more precise (for to give me the chance to answer suitably and point-by-point); if second, please show me where I've failed.

    Very truly yours,
    The Vogone

  4. #4
    Gast
    Original geschrieben von Der Vogone

    Thank you for your expression of opinion, Sir; but please let me know whether that term "rubbish" is aiming at Mr. Lebert's narration or at my statements upon it. If first, please would you be more precise (for to give me the chance to answer suitably and point-by-point); if second, please show me where I've failed.

    Very truly yours,
    The Vogone


  5. #5
    Gast
    hör auf diesen jungen stiftschwinger auf händen zu tragen. sein papa zieht an allen fäden und bringt seine kritzeleien in verlagen wie kiwi unter. ich verspreche dir: normal eingereicht wie jeder normalsterbliche wäre weder bei crazy noch bei dem rabenvogel das exposé zu ende gelesen worden. natürlich ist das nett, was dieser junge schreibt. nett und solide. aber das rechtfertigt wenig.

    trotzdem danke für crazy, benjamin, und meine dadurch genutzte chance!

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