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    stipe ist offline "Habilitand" (500-749 Beiträge)
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    was ist denn literatur überhaupt?

    mehr oder weniger inspiriert von thomas bernhards äußerung, dass ulysses dem unvermögen des autors zum opfer gefallen ist. war ich erstmal etwas angemacht, und hab mir dann gut einen gelacht und ein ei auf mein persönliches expertentum gepellt. wenn ulysses ohne sekundärliteratur nicht zu verstehen ist, sagt unser lieber mitposter also, liegt das am unvermögen des autors.

    setzen, sechs, soweit ich das sehe. mal abgesehen davon, dass joyce sicher einer der am wenigsten unvermögenden autoren der literaturgeschichte ist - wer sich einmal in ulysses reingelesen hat, kommt von dem buch nicht mehr los - und spätestens mit finnegans wake die literarische postmoderne eingeläutet hat, stellt sich hier natürlich die ganz entscheidende frage, was literatur überhaupt erreichen soll und will. will und soll literatur primär unterhalten? dann hat thomas natürlich recht, dann ist joyce spätestens mit ulysses gescheitert, denn dieses werk unterhält erst auf der dritten oder vierten ebene, davor ist es harte arbeit. dann allerdings müssen wir auch sagen, dass kunst etwas ist, das wir uns gern über das sofa hängen würden, und wären damit beim traurigen kunstverständnis des elfenreigens angelangt. darüber, dass dieser an sich keine kunst ist, dürfte allerdings einverständnis bestehen.

    kunst ist zunächst mal idee, ein mentales konzept, das oft aber nicht immer (wir erinnern uns an die konstruktivisten, die mehr in theoretischen manifesten als in physisch umgesetzten werken arbeiteten), in ein physisches objekt umgesetzt wird. literatur wiederum ist eine kunstform, das heisst also, eine mögliche art, ein mentales konzept physisch umzusetzen. und genau das hat joyce mit ulysses getan. er hat seine idee von urbaner existenz am beispiel dublin in papierform umgesetzt, nicht primär zur unterhaltung anderer, sondern mit der motivation, die grenzen von sprache zu erforschen, sich sein heimweh von der seele zu schreiben, seiner frau eine liebeserklärung zu machen etc. pp.

    übrigens ist keine dieser motivationsvermutungen direkt das resultat der lektüre von sekundärliteratur (die ich hasse und meide wie die pest), sondern eigenen nachdenkens und etwas hintergrundwissens über die stadt, in der ich lebe (will sagen dublin) - manchmal soll selber denken nämlich auch helfen. und mit genau dieser information, oder weniger, sind auch die ersten rezensenten und literaturwissenschaftler an sie sache rangegangen. die, die diese information hatten, haben dem ulysses dann irgendwann eine interpretation zukommen lassen, die die weniger informationen hatten (prominentestes beispiel - kurt tucholskys rezension in der weltbühne 1927), haben zumindest das potential von werk und autor erkannt und verzeichnet. ich bestreite nicht, dass sekundärliteratur die joyce-interpretation beschleunigt und erleichtert, aber das gilt eigentlich für jedes werk der literatur jenseits von heinz g. konsalik. abgesehen davon

    (a) ist es auch ohne sekundärliteratur ganz gut zu lesen.
    (b) wäre selbst die notwendigkeit von sekundärliteratur kein grund, einen autor als unvermögend abzustempeln, sondern eine herausforderung an den leser, die motivation des autors herauszufinden.

    und was nun das verständnis eine werkes an sich angeht: was heisst es eigentlich, ein werk "zu verstehen"? für mich hiesse das, dass es für jedes kunstwerk eine allgemeingültige bedeutung gibt, und die idee finde ich, milde gesagt, schwierig. auch kunst kann doch immer nur in ihrem zusammenhang betrachtet werden, oder? allein für sich steht kein werk, und darum kann eigentlich auch keine bedeutung für sich allein stehen. für mich ist verständnis eines werkes dann eingetreten, wenn der rezipient zu einer cohärenten schlussfolgerung gekommen ist, die sinn macht, und weiter kann es meiner meinung und erfahrung nach eigentlich nicht gehen.

    zusammenfassend gesagt: wäre joyce ein trivialautor, hätte thomas berhard natürlich recht. da er aber keiner ist, halte ich die idee, dass der mann ein schlechter autor war für äußerst problematisch.

    ende der vorlesung für heute. *g* aber wenn sich daraus eine diskussion ergeben würde, wäre es schon nett...

    :-)

    stipe
    Geändert von stipe (21-01-2004 um 19:47 Uhr)
    Frage: Was ist der Titel der Autobiographie von Muhammad Ali?
    Antwort: Ääääh - mein Kampf?

    - ZDF-Quiz Risiko

    My brain is back to normal, for whatever good that is.

    - William Thomas Berry

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