(1) Der AUTOR in einem Satz
- Michel Houellebecq ist ein geistreicher Autor, der mit seinen unterkühlten Romanen und seiner provokativen Ausdrucksweise seine Leser polarisiert.
(2) Der INHALT in einem Satz
- Daniel1, ein wohlhabender Entertainer im Ruhestand geht an seiner schwindenen sexuellen Attraktivität zu Grunde; sein in der Zukunft lebender "Klon" Daniel24 versucht das Gefühlsleben seines Vorfahren nachzuvollziehen, aber das ist ihm aufgrund seiner Entfremdung von der menschlichen Spezies nicht mehr möglich.
(3) Mein FAZIT in einem Satz
- Ein lyrisches Buch über die Suche nach Glück, das nicht dynamitgeladen ist wie die vorigen Bücher des Autors, sondern eher einen Tendenz zum Romantischen besitzt.
(4) "Besprechung"
- Auf einen Schlag verliert Daniel das Interesse an seinem Beruf, er beginnt sogar, seinen Zynismus zu verabscheuen, ist seiner aufgesetzten Kritik an der westlichen Gesellschaft über. Das Alter rückt an. Doch vorerst besitzt er noch Zuwendung durch das weibliche Geschlecht:
zwei Frauen finden sich in Daniels Leben; Isabelle ist (s)eine große Liebe, aber als das sexuelle Feuer erlischt, und Daniel sich nur richtig glücklich fühlt, wenn er "in einer Frau drin ist", beendet das die Beziehung.
Die zweite, Esther, ist zu jung, als dass sein Geld und Ruhm sie halten könnten; mit ihr geht seine letzte Freude am Leben:
"Esther hatte mich buchstäblich ausgelaugt, meine Kräfte verbraucht, und jetzt war ich ganz einfach am Ende; [...]"
Aber mit dem Freitod endet nur Daniels erste Existenz: als Anhänger der Sekte der Elohim wird er, und mit ihm sein Hund Fox, über Zweitausend Jahre hinweg "geklont". Bei den "Klonen" handelt es sich nicht mehr um Menschen: die neuen Wesen benötigen zur Ernährung lediglich einige Mineralsalze, ihre Energie beziehen sie über Photosynthese. Sie besitzen von Natur aus nur rudimentäre Emotionen, die sie weiter unterdrücken, und fristen ihr Dasein in Isolation. Vereinzelt kommunizieren sie über eine Art kodierten Chat; sonst widmen sie sich der Lektüre der Lebensberichte ihrer Vorfahren.
Dieses Leben ist nicht mehr lebenswert: Daniel24 beschliesst, sein Heim zu verlassen und damit seine Ahnenfolge zu beenden.
Das große Thema des Buches ist die Suche nach Erfüllung und Glück. Mit dem Ende seines beruflichen Erfolgs rückt Daniel die Leere seiner Existenz ins Blickfeld. Erfüllung findet er ausschliesslich in Liebe und Geschlechtsakt. Diese Anschauung findet sich im dem Buch seinem Namen gebenden Gedicht wieder:
[...]
Mit Sehnsucht wollte ich das kennenlernen,
Was das Leben an Schönstem birgt,
Wenn zwei Körper das höchste Glück erfahren,
Sich vereinigen und stets neu geboren werden.
[...]
Und die Liebe, die alles so leicht macht,
Dir alles schenkt, und zwar sogleich;
Es gibt in der Mitte der Zeit
Die Möglichkeit einer Insel.
Meine persönliche Meinung zu dem Buch: ich war eher enttäuscht. Inhaltlich bringt der Roman wenig Neues zu den Vorgängern. Die Anschauung des Autors zur menschlichen Existenz erschien mir einseitig; meiner Überzeugung nach besitzt die menschliche Existenz Dimensionen über das Geschlechtliche hinaus, familiärer und spiritueller Natur. Die "Klonthematik" ist ein Rahmenaspekt und bietet kein wesentliches Diskussionsmaterial; sie erscheint außerdem naturwissenschaftlich unsolide, weitgehend fiktional.
Das Buch ist der Lektüre nur bedingt wert; für den Buchlesekreis möchte ich es nicht empfehlen.
Thema: Buchempfehlungen
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Ergebnis 16 bis 20 von 61
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23-07-2005 22:36 #16Schaumkrone Gast
Königin Noor von Jordanien: Im Geist der Versöhnung

(1) Der AUTOR in einem Satz
- Königin Noor ist nicht nur die ehemalige Königin Jordaniens, sondern eine intelligente, faszinierende und sich für Menschlichkeit engagierende Frau.
(2) Der INHALT in einem Satz
- Mit großer Eloquenz und Offenheit erzählt Königin Noor von Jordanien die faszinierende Geschichte ihres ungewöhnlichen Lebens und davon, wie sie das Herz König Husseins und seines Volkes eroberte. Ihre Erinnerungen offenbaren zugleich die hellsichtige politische Vision einer Frau, die sich dem Engagement ihres Mannes für den Frieden verpflichtet fühlt.
(3) Mein FAZIT in einem Satz
- Das Buch hat mir Königin Noor noch sympathischer gemacht, als ich sie ohnehin in Erinnerung hatte. Interessante persönliche, poltitsche und geschichtliche Details überraschen zudem den vielleicht weniger geschichts- und/oder politikversierten Leser. Man sollte allerdings beachten, dass Jordanien sowie die Königsfamilie entsprechend Königin Noors Verbindung und Stellung in Jordanien nur positiv ohne Kritik dargestellt werden, so dass das Buch in dieser Hinsicht durchaus einseitig ist.
(4) "Besprechung"
- "Das Buch lebt von der Mischung aus Weltpolitik und Familiengeschichte." (SÜDDEUTSCHE ZEITUNG)
Geändert von S. Anders (24-07-2005 um 00:11 Uhr) Grund: Formatierungsarbeiten erledigt. Danke für die tolle Empfehlung! Sam
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05-09-2005 19:08 #17
"Doktorand" (150-299 Beiträge)
- Registriert seit
- 10.10.2004
- Beiträge
- 188
Michel Houellebecq: Die Möglichkeit einer Insel
Geändert von S. Anders (05-09-2005 um 21:09 Uhr) Grund: Formatierungen erledigt. Hervorragend rezensiert, vielen Dank! Sam
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07-09-2005 13:16 #18Buchlesekreis Gast
John Irving: Witwe für ein Jahr

[Alle Beiträge dieses Artikels sind
der zweiten Runde des UNICUM-
Buchlesekreises entnommen]
(1) Der AUTOR in einem Satz
- Der Amerikaner John Irving ist ein seit vielen Jahren bekannter sog. Bestsellerautor, der inzwischen auf ein ganz beachtliches Oeuvre zurückblicken kann; auch in Deutschland hat er viele Fans, sonst wäre eines seiner Werke letztes Jahr nicht in der ZDF-Sendung, die der Deutschen liebstes Buch kürten, auf eines der vorderen Plätze gekommen.
(Thomas Bernhard)
(2) Der INHALT in [mehr als] einem Satz
- [Das Buch] zeigt auf einfühlsame Weise die zerstörerische Kraft einer Familie und die Unfähigkeit, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Andererseits zeigt es auch Liebe, in vielen Facetten - besonders interessant hier Eddie mit seiner unbeugsamen Liebe zu einer weitaus älteren, aber faszinierenden Frau. Und natürlich Ruth, die oft Liebe sucht, wo sonst keiner sie suchen würde.
(krischan)
(3) Mein FAZIT in einem Satz
- „Witwe für ein Jahr“ ist hervorragend gut gemachte Trivialliteratur
(Thomas Bernhard)
- Das Buch ist weniger skurril als die Erstlingswerke, aber aus meiner Sicht nicht von geringerer erzählerischer Kraft.
(krischan)
- Alles in allem, kein schlechtes Buch, doch hätte es ein anderer Autor geschrieben, hätte es mir sicher besser gefallen.
(Lenichen)
- Im Großen und Ganzen fand ich das Buch nicht schlecht, im Vergleich zu sonstigen Themen (Bären im Wiener Zoo, von Löwen gefressene Hände, voneinander getrennte Zwillinge in Indien) von John Irving überraschend wenig exotisch und ausgefallen.
(miss smilla)
(4) "Besprechung"
- Viel mehr als ein paar interessant zusammengestellte Szenen und Geschichten kann ich an dem Buch nicht finden. Vielleicht wollte Irving hier die Bilder zu sehr als Leitmotiv aufgreifen, aber dadurch sind für mich die Charaktäre unglaubwürdig und nicht greifbar geworden. Einzig Ruth, die der Leser ja durch ihr ganzes Leben begleitet, ist für mich greifbar geworden. Ihre Entwicklung auf Grund ihrer familären Situation bleibt nachvollziehbar und die Person, die dabei rauskommt, ist eine interessante Mischung aus einer zerstörerischen Frau, die versucht Erlebtes zu verarbeiten, und der hingebungsvollen Mutter und Ehefrau.
(Lenichen)
- Irving [schickt] das wesentliche in ein, zwei Sätzen immer voraus, wendet sich dann eine Weile einem anderem Thema zu, um dann wieder ausführlich zu schildern, wie es soweit kam, wie er anfangs unumstößlich formuliert hat. Der allwissende Erzähler ist nicht nur allwissend, er steht auch moralisch über allen Protagonisten des Buches. Das hat den Effekt, das es einen gewissen literarischen Fatalismus auslöst: Irving lässt keine Zweifel, keine Fragen offen, seine Figuren handeln nie überraschend und diese Art zu schrieben lullt den Leser geschickt ein: Man beginnt zu glauben, alle und alles hätte ein Bestimmung, die auf jeden Fall, so oder so, in Erfüllung geht, egal was die Protagonisten anstellen. Und da es bei Irving immer ein Happy-End gibt, macht er sich so bei den Lesern natürlich auf sehr geschickte Art beliebt. Er ist ein guter Erzähler, der präzise Erzählpassagen mit direkter Rede abwechselt, ältere Geschehnisse kurz wiederholt und einen (zumindest in der deutschen Übersetzung) sehr flüssigen Stil hat. Ich will nicht leugnen, daß auch ich ihn sehr gern gelesen habe, aber nach ein paar Jahren entwächst man ihm, man emanzipiert sich. Es ist zwar, meiner Meinung nach, weiterhin handwerklich eine wahre Freude, ihn zu lesen, aber inhaltlich erwartet man dann mehr. Man könnte auch sagen: Irving ist gut für die literarische Pubertät.
(Thomas Bernhard)
Geändert von S. Anders (07-09-2005 um 13:43 Uhr) Grund: Ausgewählt und in Form gebracht, Sam
- Der Amerikaner John Irving ist ein seit vielen Jahren bekannter sog. Bestsellerautor, der inzwischen auf ein ganz beachtliches Oeuvre zurückblicken kann; auch in Deutschland hat er viele Fans, sonst wäre eines seiner Werke letztes Jahr nicht in der ZDF-Sendung, die der Deutschen liebstes Buch kürten, auf eines der vorderen Plätze gekommen.
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21-09-2005 14:56 #19
"Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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- 13.01.2003
- Beiträge
- 4.691
Bret Easton Ellis: Glanorama

(1) Der AUTOR in einem Satz
- Bret Easton Ellis wurde am 7.März 1964 in Los Angeles geboren, aufgewachsen ist er aber in Sherman Oaks. Seit 1987 lebt er in New York. In deutsc her Sprache wurden veröffentlicht: (in Klammern die Veröffentlichungsjahre): Below Zero (1985), deutsc h Unter Null, The Rules Of Attraction (1987), deutsch Einfach unwiderstehlich, American Psycho (1991), Die Informanten (1994), Glanorama (1995) und Lunar Park (2005).
(2) Der INHALT in einem Satz
- Die Welt der Reichen und Schönen, der Supermodels und der Parties.
(3) Mein FAZIT in einem Satz
- Verstörend, zerstörend, vernichtend, negierend.
(4) "Besprechung"
- In Glanorama erleben wir die Welt durch die Augen des Supermodels Victor Ward. Was nicht heißen soll, daß Ellis dieses Charakter in den Mittelpunkt seines Romans gestellt hat. Formal gesehen hat er das natürlich getan. Tatsächlich ist es in Glanorama so, daß die Figur des Victor Ward beliebig austauschbar wäre mit den anderen Personen des Buches. Ward ist nur eine besonders wiilfährige Figur, mit der Ellis die Welt zeigen kann, die er beschreibt. Victor Ward wird außerdem in seinen Handlungen zunehmend passiv und ist zum Schluß nur noch willenloser Spielball der Geschehnisse. Praktisch von Anfang an hat er die Rolle eines Beobachters. Die Rolle eines äußerst armseligen und verabscheuungswürdigen Beobachters. Weder er noch irgendeine der anderen Figuren eignen sich dafür, daß der Leser sich mit ihnen identifiziert. Sie sind allesamt widerwärtig und abstoßend und bewegen sich in einer völlig unmoralischen und ethisch niederschmetternden Welt. Das macht das Buch sehr lesenswert, denn: Ellis ist dankenswerterweise kein Moralist. Seine Beschreibungen, die er durch den „Helden“ Ward erzeugt, urteilen nicht. Er überläßt, wie es sich für einen guten Autor gehört, alles dem Leser.
Erstmals greift der Autor das Thema Terrorismus auf. Vor dem 11.September 2001 geschrieben, greift Ellis einigen Ereignisse vor, insgesamt beweist er jedoch mit diesem Thema eine eher unglückliche Hand. Das ist der einzige Schwachpunkt, den man Glanorama vorwerfen könnte. Trotzdem bleibt Ellis einer der wichtigsten und besten Autoren und Gesellschaftsbeoobachter der Gegenwart. Glanorama ist vielleicht sein schwächstes Buch, trotzdem bleibt es noch immer eines der besten der Gegenwartsliteratur überhaupt.
Glanorama ist ein Buch für den fortgeschrittenen Leser. Ein Buch für den fortgeschrittenen Bret-Easton-Ellis-Leser.
Geändert von S. Anders (21-09-2005 um 17:37 Uhr) Grund: Bild eingefügt, Sam.
Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
Dem Narren ein Denkmal.
Dem Reimliebhaber ein Gedicht.
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06-10-2005 00:42 #20Kumo Gast
Mötley Crüe - The Dirt

(1) Der AUTOR in einem Satz
- Mötley Crüe (Nikki Sixx, Tommy Lee, Vince Neil, Mick Mars) haben sich 1981 in Kalifornien formiert und wurden als erste Hair-Metal-Band der Inbegriff von Sex, Drugs & Rock'n'Roll. (Neil Strauss ist Journalist bei der New York Times und war auch Co-Autor bei Marilyn Mansons (Auto-)Biographie The Long Hard Road Out of Hell.)
(2) Der INHALT in einem Satz
- Vier Loser aus völlig kaputten Familienverhältnissen treffen Anfang der 80er aufeinander, um als Mötley Crüe eine beispiellose Erfolgsgeschichte im Rock-Business hinzulegen, die jedoch bald von unfassbaren Drogenexzessen, Instant-Ehen und -Scheidungen und diversen Gefängnisaufenhalten auf die Probe gestellt wird.
(3) Mein FAZIT in einem Satz
- Einmal angefixt, kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen, bis man nach dem Inhalieren der letzten Seite erschöpft zusammenbricht und unerbittlich der kalte Entzug einsetzt – geil.
(4) "Besprechung"
- Dieses Buch ist unglaublich schmutzig. Mindestens zur Hälfte erlogen. Und einfach nur geil.
Spätestens ab Seite 5 macht es einem als Leser schon nichts mehr aus, ständig als „Dude“ oder „Bro“ bezeichnet zu werden, weil man merkt, hier will sich niemand anbiedern, sondern hier erzählen 4 altgediente Rockstars begeistert von ihrem Leben. Und diese Begeisterung steckt an.
Das Buch setzt bei dem Zeitpunkt an, wo die frisch aus der Taufe gehobenen Mötley Crüe ihre ersten Auftritte haben, und hält von da an erfolgreich die Balance zwischen Rückblenden in die kaputte Kindheit der einzelnen Musiker bis zur Gründung der Band und der glamourösen Sex-Drugs-and-Rock’n’Roll-Karriere bis zu den überfüllten Fußballstadien dieser Welt – und dem großen Absturz.
Häufig traut man sich nur mit Hilfe einer Pinzette umzublättern, so sehr ekelt man sich vor den Substanzen die die diversen Protagonisten in ihre Körper einführen oder absondern, oder was sie mit den unzähligen Frauen anstellen, aber der Voyeurismus siegt jedes mal.
Eigentlich handelt es sich bei diesem Buch um vier Bildungsromane, um vier Künstlerromane, deren autobiographisches Seemannsgarn nahtlos zu einer einzigen, berauschenden Geschichte verwoben wurde.
Wer sich an die 80er erinnern kann, hat sie nicht erlebt. Und wer sich an die 80er nicht mehr erinnern kann, der hält mit diesem Buch ein großartiges Nachschlagewerk in den Händen.
Geil.
(ReganBooks. 2002 [1]. $15,95)Geändert von S. Anders (06-10-2005 um 09:40 Uhr) Grund: Bild auf akzeptable(re)s Format gebracht ;p Sam
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