Ich kann Dir, Thomas, wen wundert's, nicht ganz zustimmen. Meiner Ansicht nach spart der Autor nichts von Bedeutung ("Rest") aus; der Wunsch nach mehr mag höchstens in der literarischen Qualität und dem bloß novellenhaften Umfang des Buches begründet liegen.
Auch finde ich nicht, dass der "historische Bogen" zu weit geraten ist, er fängt lediglich das für diese Geschichte notwendige, weil alle Figuren und ihre Vergangenheit mit einer spezifischen Patina bestreichende Kolorit ein. Zum "Gespensterroman" taugt "Die Glut" gerade deshalb, weil die beiden alten Herren eben nicht allein in seinem Zentrum stehen, sondern auch alle durch die Jahrzehnte geschleppten Geister der Vergangenheit darum kreisen (eine Frau, eine Schuld, eine zentrale Frage, eine zerbrochene Freundschaft, etc.). Ohne diese bis in die Gegenwart der Erzählung hineinreichende Vergangenheit funktionierte der Roman gar nicht, deshalb vermag ich nirgendwo "Seitenschinderei" zu entdecken.
Sam
Thema: Buchempfehlungen
+ Antworten
Ergebnis 21 bis 25 von 61
-
07-10-2005 11:56 #21
"Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
- Registriert seit
- 13.01.2003
- Beiträge
- 4.691
Zu: Sandor Marai "Die Glut"

Auf Anregung einer hungarophilen Freundin las ich Mitte diesen Jahres Sandor Marais "Die Glut".
Mein erster Eindruck war, noch bevor ich eine Zeile gelesen habe, kein guter: Offenbar hatte der Verlag diesen Autor vor ein paar Jahren aus seiner Backlist geholt und erfolgreich bei deutschen Publikum "relauncht", wie man heute so sagt. Das Werk stand damals einige Wochen in den Bestsellerlisten. Heute will es aber offenbar keiner mehr lesen: Sowohl in meiner ansonsten schlecht sortierten (Kölner) Stadtbibliothek, als auch bei der Buchtauschbörse buchticket.de war das Werk in gleich mehreren Exemplaren vorhanden.
Die ersten fünf Kapitel habe ich als etwas seitenschinderhaft empfunden. Marai entwirft einen sehr großen historischen Bogen, obwohl das zentrale Thema "nur" die Freundschaft zwischem dem General und Konrad ist. Die literarischen Exkurse, die Marai sich zwischendurch leistet, insbesondere der über die Tropen, der mir sehr Joseph-Conrad-mäßig vorkommt (was nicht heißen soll, er hätte dort abgeschrieben), sind gelungen. Eigentlich bringt der Autor was ganz großes in Schwung, bleibt aber irgendwie auf halber Strecke liegen. Man möchte ihm sagen: Super, Sandor, ganz große Klasse, wann krieg' ich den Rest zu lesen?
Das soll aber nicht heißen, daß mir "Die Glut" nicht gefallen hat. Mit der genannten kleinen Einschränkung kann auch ich das Buch weiterempfehlen.
Im Gegensatz zu Samuel fand ich die Monologe nicht gewöhnungsbedürftig und hatte keine Anpassungschwierigkeiten.
Was Thomas Wirtz von der FAZ veranlasst hat, das Buch einen "Gespensterroman" zu nennen, kann ich nicht nachvollziehen. Ein Werk der phantastischen Literatur ist "Die Glut" sicherlich nicht. Wenn er allerdings mit "Gespenster" die Gespenster, Geister einer untergegangenen Ära (nämlich der K.u.K.-Zeit) gemeint hat, so stimme ich ihm zu...Geändert von S. Anders (11-10-2005 um 11:49 Uhr) Grund: Grafik eingefügt
Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
Dem Narren ein Denkmal.
Dem Reimliebhaber ein Gedicht.
-
07-10-2005 14:53 #22S. Anders Gast
Zu Sándor Márai: Die Glut
Geändert von S. Anders (11-10-2005 um 11:50 Uhr)
-
16-10-2005 15:20 #23
"Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
- Registriert seit
- 13.01.2003
- Beiträge
- 4.691
Klaus Kinski: Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund

(1) Der AUTOR in einem Satz
- Klaus Kinski, deutscher Film- und Theaterschauspieler, 1926-1991. Kinski hat in über 130 Filmen mitgespielt, darunter Hanussen(1955), Winnetou II (1964), Doktor Schiwago (1965), Aguirre, der Zorn Gottes (1972), Nosferatu: Phantom der Nacht (1979), Woyzek (1979), Fitzcarraldo (1982) und Cobra Verde (1987). Bekannt wurde er auch durch seine Tourneen, bei den er unter anderem Gedichte von Rimbaud und Villion (Ich bin so wild nach deinem Erbeermund) und Shakespeare-Monologe vortrug.
(2) Der INHALT in einem Satz
- Obszön.
(3) Mein FAZIT in einem Satz
- Obszön.
(4) "Besprechung"
- Ich bin so wild nach deinem Erbeermund hat den Anspruch, eine Biographie zu sein. Nichtsdestotrotz interessiert sich Kinski nicht für eine gewisse Vollständigkeit und Stringenz und setzt im Buch eine klare Fokussierung auf Auszüge aus seinem Liebesleben.
“Mich selbst hängen diese idiotischen Edgar-Wallace-Filme zum Hals heraus. Nicht nur, weil sie so dilettantisch gedreht sind, daß der Abspruchsloseste Zahnschmerzen bekommen muß, sondern auch weil es immer derselbe Salm ist.“ Das ist noch eine der harmlosesten Stellen und eine der wenigen, die mit seiner Arbeit zu tun haben. Der Rest des Buches strotzt nur so vor Obszönitäten, von den manche sich zu hanebüchenen Ungeheuerlichkeiten versteigen. Polternd und vulgär trägt Kinski in einer schnörkellosen und direkten Sprache die Ereignisse vor. Der Klappentext des Buches spricht hilflos davon, daß Ich bin so wild nach deinem Erbeermund „eines der bedeutsamsten erotischen Bücher unserer Zeit“ sei.
Aber gerade dieser Text, der kein Blatt für den Mund nimmt, übt eine gewisse Faszination auf den Leser aus: So genervt und vielleicht auch manchmal angewidert man ist, man greift doch immer wieder zu diesem Buch und liest es auf jeden Fall zu Ende... Zu den Stärken von Ich bin so wild nach deinem Erbeermund gehört, daß er neben all den Hasstiraden auch Gefühl zeigt. Nämlich dann, wenn der Autor über seine Eltern spricht, über seine Geschwister und seine beiden Töchter. Eine leicht bizarre, aber sicherlich unterhaltsame Lektüre.
Geändert von S. Anders (16-10-2005 um 16:16 Uhr) Grund: Um Abb. ergänzt, Sam
Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
Dem Narren ein Denkmal.
Dem Reimliebhaber ein Gedicht.
-
11-12-2005 13:15 #24
"Doktorand" (150-299 Beiträge)
- Registriert seit
- 10.10.2004
- Beiträge
- 188
Irvin D. Yalom: Die Schopenhauer - Kur

(1) Der AUTOR in einem Satz
- Irvin D. Yalom ist einer der bekanntesten Psychoanalytiker der USA, der außer Lehrbüchern noch drei sehr erfolgreiche Romane veröffentlicht hat.
(2) Der INHALT in einem Satz
- Ein tödlich erkrankter Therapeut, ein durch Schopenhauer "geheilter" Sexsüchtiger und eine Therapiegruppe: Rahmen für eine Reise in die Psychoanalyse und in die Gedankenwelt Schopenhauers.
(3) Mein FAZIT in einem Satz
- Ein überdurchschnittlich gutes Buch, lehrreich, spannend von der ersten bis zur letzten Seite: nicht nur für Hobbypsychologen!
(4) "Besprechung"
- Therapeut Julius erfährt, dass er an einem tödlichen Melanom erkrankt ist. Dies ist der Anlass für eine Reflektion über sein Leben und Wirken. Aus einer unbestimmbaren Laune heraus nimmt er Kontakt zu Philip auf, einem ehemaligen Patienten, den er nicht von seiner Sexsucht heilen konnte. Der sehr wesenskalte Philip behauptet, sich durch die Lektüre Schopenhauers selbstständig geheilt zu haben; um nun selbst Therapeut zu werden, bittet er Julius, ihn in Supervision zu nehmen. Der knüpft die Supervision an eine Bedingung: Philip soll zuerst ein halbes Jahr an seiner Therapiegruppe teilnehmen...
"Die Schopenhauer- Kur" ist ein ungewöhnlich vielschichtiges Buch, das neben der Auseinandersetzung mit Schopenhauers Werk zahlreiche andere psychologische Themen behandelt: Umgang mit dem Sterben, Minderwertigkeitskomplexen, Eifersucht und schliesslich der Wirksamkeit psychoanalytischer Therapie.
Es gelingt Yalom hervorragend, authentische Charaktere zu entwerfen, deren Wesenszüge und Emotionen bis ins letzte Detail ausgeleuchtet werden. Nach "Zwiebelschema" treten immer neue Konflikte zu Tage; andererseits unterliegen die Charaktere des Buchs einer starken Dynamik; durch ihre eigene Veränderung interpretieren sie ihre Beziehung zu den Anderen plötzlich völlig neu. Das Buch bleibt so ständig in Bewegung; definitiv ein "Nachtdurchleser"!
Der folgende Abschnitt enthält Spoiler (in grau):
Von Schopenhauer zeichnet der Autor ein ausgewogenes Bild, indem er sowohl dessen Erkenntnisse analysiert, andererseits seine misanthropes und depressives Wesen widergibt.
Der Charakter Philip ist im Grunde genommen eine detailgetreue Kopie Schopenhauers, angefangen bei dessen Sexsucht und Misanthropie hin zu seinem Hund. Dadurch erlaubt sich Yalom die These, oder vielleicht den Scherz, Schopenhauer sei durch moderne Psychoanalyse zu heilen gewesen.
Abschliessend: dieses Buch ist schlicht und einfach ein Muß.
Geändert von S. Anders (11-12-2005 um 19:59 Uhr) Grund: Layout erledigt. Interessanter Tip!
-
03-03-2006 16:51 #25
"Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
- Registriert seit
- 13.01.2003
- Beiträge
- 4.691
Wilhelm Genazino: Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz.

(1) Der AUTOR in einem Satz
- Wilhelm Genazino, deutscher Schriftsteller, geboren am 22.Januar 1943 in Mannheim.
(2) Der INHALT in einem Satz
- Ein Mann und eine Frau auf der Reise: Wien, Paris, Amsterdam.
(3) Mein FAZIT in einem Satz
- Ein von sehr präzisen Beobachtungen geprägtes Buch, ehr- und eindringlich.
(4) "Besprechung"
- Vorne drauf, unter dem Titel, steht "Roman". Das ist eigentlich gelogen. Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz. ist kein klassischer Roman, sondern ein aus vielen Fragmenten bestehendes Werk, in dem jedes allein für sich stehen kann. Das heißt aber mitnichten, daß Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz. kryptisch oder schwer zugänglich wärte.
Der Humor kommt auch nicht zu kurz. Die Beobachtungen des Ich-Erzählers sind oft lakonisch-komisch, aber nie auf die Kosten der anderen.
Insgesamt ergeben sie, die Einzelteile, ein ganzes Bild, wenn der Leser das möchte, wenn er er zuläßt. Jedes Teilchen für sich ist jedoch schon eine Perle. Äußerst angenehm ist, daß in Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz. im Grunde nichts weltbewegendes passiert - trotzdem ist es ein äußerst spannendes Buch. Die Fragmentierung hat noch einen weiteren, schönen Effekt: Es lädt dazu ein, nach jedem Ende zu verweilen und nachzudenken. Die Pausen, die man selbst beim Lesen macht, sind eigentlich das Schönste bei diesem Buch. Und welches zeitgenössische Werk kann das von sich heutzutage schon behaupten? Dabei ist es so herrlich unaufdringlich und zurückhaltend, daß man es schon vermisst, wenn man es gerade erst fertig gelesen hat.
Geändert von S. Anders (05-03-2006 um 08:44 Uhr) Grund: Um Buchcover ergänzt
Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
Dem Narren ein Denkmal.
Dem Reimliebhaber ein Gedicht.
Ähnliche Themen
-
Buchempfehlungen
Von Nitron im Forum BücherAntworten: 29Letzter Beitrag: 30-01-2004, 17:21


LinkBack URL
About LinkBacks



Zitieren
Lesezeichen