poetischer als "berlin-berlin"...gefällt mir vom Leseeindruck her sehr gut...nur dieses "weil-eine-Beziehung-kaputt-gegangen-ist-werd-ich-zum-Misanthropen" gefällt mir nicht...das ist mir einfach...da fehlt mir psychologische Motivation...
außerdem: Sind Misanthropen nicht Menschen-hasser, anstatt sich-Isolierer?Swn
Thema: Geburt einer Misanthropin
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16-08-2005 01:08 #1Nastizia Gast
Geburt einer Misanthropin
Geburt einer Misanthropin
Die Bremsen quietschten. Rüttelten mich wach. Holten mich zurück in die Realität. Wie ein Nadelstich inmitten meiner Stirn durchzuckte mich die Erinnerung. Ich war wieder zu Hause. Zurück in Sicherheit? Nein, nur zurück in der Einsamkeit. Sicher war man nirgendwo. Nur die Tatsache allein, dass ich weit weg vom Chaos war, schuf noch keine Sicherheit.
Während der Zug langsamer wurde wankte ich der Ausgangstür entgegen. Wie schwimmen gegen den Strom. Nur mit festem Boden unter den Beinen. Fester Boden, aber wieder keine Sicherheit. Ein letzter Ruck schüttelte mich noch einmal kräftig durcheinander. Puzzled. Dann war es vorbei. Die Reise. Ich war wieder am Anfang. Hatte nichts gewonnen. Nichts verloren. Zumindest äußerlich. Innerlich? Schwarze Schneeflocken. Alles erstarrende Kälte. Sich ausbreitende Leere und Schmerz. Es würde vorüber gehen. Die Zeit heilt alle Wunden, das wusste ich ja inzwischen nur zu gut. Beißender Schmerz versumpft im Moor der Zeit. Doch Leere…?
Schweiß gebadet wachte ich auf. Die Dunkelheit hatte nahezu alles verschlungen. Nur eine Straßenlaterne ermöglichte einzelne Umrisse im Zimmer erkennen zu können. Ich versuchte meine wirren Gedanken zu ordnen. Mein heißer Atem drang hinaus in die Stille. Die Situation noch einmal rekapitulieren! Was war nur geschehen mit mir, mit dem Chaos?
Wir hatten einander den ganzen Tag angestrahlt. Wie zwei Sterne, die das Glück genießen durften im gleichen Universum, zur gleichen Zeit zu existieren. Waren umgeben von Weihnachtsmännern, toten Dichtern und schreienden Kindern. Debattierten die Nibelungen in Grund und Boden, um sie gleich darauf auf neue aventiuren zu schicken. Wie Plus und Minus hatten wir uns mit jedem Wort, mit jedem Blick mehr und mehr angezogen. Ausgezogen. Zuerst seelisch und dann…
Ich kniff die Augen zusammen. Leckte das Salz von meinen Lippen und warf mich zurück auf mein Kissen. Nein. Schmerz allein war tragbar. Man konnte die Zähne zusammenbeißen, aushalten, dichtmachen. Doch Schmerz und Liebe? Sticht sich. Kann nicht lieben, dafür schmerzt es zu sehr. Kann nicht hassen, dafür liebt es zu sehr.
Wirre Gedanken fingen an ein Labyrinth in meinem Kopf zu formieren. Schreib es auf, zitterten mir meine Hände entgegen. Lass es raus, bebte mein Blut.
Ich stand auf, nahm mir etwas Papier, lehnte mich kapitulierend gegen mein Bett und begann zu schreiben…
Melancholie. Schwarzer Schnee deckt zu der Gedanken Leben und Einsamkeit ängstigt sich vorm Alleinsein, schutzlos und taub. Liebe genießt, Trauer erträgt, Wut bekämpft und Sehnsucht verlangt. Doch was macht Nichts aus Schmerz? Schreiend Herzblut? Das ist drinnen. Draußen versinken Welten in dumpfem Dezemberschneeschnee. Kälte schluckt der Menschenherzen Wärme. Eisstatuen - graziös, elegant und schön. Doch kalt, durchschaubar und starr. Was gibt sie? Diese Welt? Taubheit. Uhren ticken. Wasser tropft, pocht, schlägt. Getrübte Empfindung belügt sich selbst, überredet sich zum Glücklichsein. Dein Bild in meinem Kopf. Nähe. Wärme in meinem Herzen, Kribbeln in meinen Fingerspitzen und Beben auf meinen Lippen. Schwarzer Schnee küsst mich. Trocknet meine Tränen und Schlaf entführt mich in die Bewusstlosigkeit…
Da saß ich. In meinem Zimmer. Halb einsam.
Wie ein halbverlassenes Kind im Dezemberschnee. Spürte den Schmerz und den Wahnsinn aufkeimen. Wieder und immer wieder. Legte den Kopf zwischen die Knie, als suchte ich nach einem Versteck, nach Geborgenheit. Doch da war niemand. Keiner, der mich tröstete und keiner, der mir zuhörte.
Ich war allein.
Mit meinen Gedanken. Vielleicht bedeutet das ja Sicherheit?! Einsamkeit, Leere. Niemand, der mich anlügt. Niemand der nach Ausreden stolpert. Niemand, der mich verletzt. Ich stand auf und setzte mich wieder auf mein Bett. Der Gedanke fing an mir zu gefallen. Er fühlte sich warm an. Für die Späte der Stunde fand ich ihn sonderbar logisch und rational. Beinahe nüchtern. Meine Augen brannten und ich ließ mich wieder in mein weiches Kissen zurückfallen. Diesmal schlief ich ein. Etwas ruhiger, ein wenig geborgener und ein bisschen sicherer.
Denn es geht mir gut - ohne das Chaos.
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16-08-2005 02:10 #2n/a Gast
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16-08-2005 11:05 #3
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Ich will mich hier jetzt nicht als Experten für den Begriff des Misanthropen aufspielen, aber das Thema interessiert mich schon seit vielen Jahren. Nicht umsonst habe ich mir als Avatar den Namen den großen Österreichers zugelegt.
Misanthropie entsteht nicht - wie Scheinweltname richtig erkannt hat - durch das Verlassenwerden in einer Partnerschaft. Und das emotional-kurzfristig erzeugte Gefühl der Einsamkeit an sich ist noch kein Indikator, kein Symptom für Misanthropie. Die in Geburt einer Misanthropin beschriebene Trennungsmelancholie, das ist - mit Verlaub - einfach zu billig.
Misanthrop zu sein, das ist eine Geisteshaltung. Misanthrop zu sein, da ist mehr, als einfach nur allein sein zu wollen. Misanthrop zu sein, bedeutet, ein Denken anzunehmen, daß viel Kraft benötigt, aber zu einer einzigartigen ehrlichen und überwältigend realistischen Sicht der Dinge führen kann. Die Einsamkeit ist dabei der wichtigste Motor, wird dabei zur wichtigsten Quelle für die Kraft, die der Misanthrop benötigt. Die Einsamkeit ist für den Misanthropen kein negativ belegter Begriff, sondern ein ganz natürliches Bedürfniss, ohne das der Misanthrop zu Grunde geht. (schnell übersetzt könnte man den Misanthrop als "menschenscheu" oder "Menschenhasser" bezeichnen, die beiden Beschriebungen geben aber nur sehr ungenau wieder).
Mit schnöden Trennungs-/Beziehungsverwirrungen hat der Begriff der Misanthropie so rein gar nichts zu tun. Der Misanthrop ist zwar nicht per se partnerschaftlich ungebunden, das Thema spielt aber nur eine untergeordnete Rolle, weil der wahre Misanthrop erkannt hat, das jeder letzten Endes mit sich allein ist und allein seine Entscheidungen treffen muß.
Um sich ein größeren, besseren Begriff der Misanthropie zu machen, empfehle ich die Lektüre irgendeiner der Romane von Thomas Bernhard (die Dramen sind da weniger geeignet), z.B. Auslöschung. Daneben könnten auch Die Bekenntnisse des Malte Laurids Brigge (Rilke) oder The Rules of attraction (dt. "Einfach unwiderstehlich"), Below zero (dt. "Unter null") oder American Psycho (alle von Bret Easton Ellis) nützlich sein.Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
Dem Narren ein Denkmal.
Dem Reimliebhaber ein Gedicht.
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17-08-2005 12:11 #4Nastizia Gast
hmmm. also die 'aufzeichnungen des malte laurids brigge' von rilke zählen zu meinen lieblingsbüchern. und von bret easton ellis kenn ich 'american psycho' und 'less than zero'.
@Thomas: ich weiß schon, worauf du hinaus willst, aber ich habe hier nicht auf die philosophie des misanthropisch seins angespielt, sondern wollte wirklich lediglich einen begriff finden, der misstrauen, skepsis und antipathie gegen menschen allgemein ausdrückt.
*mist* ^^
die überschrift ist erst später, ohne viel nachdenken dazu gekommen, weil die geschichte so nackt aussah und es irgendwie in der wahnwitzigen natur des menschen liegt, alles zu betiteln.
und wenn ich die überschrift einfach mal wegnehme?!
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17-08-2005 18:57 #5Der Vogone GastErstens heißt das Buch immer noch - wie Nastizia schon richtig sagt - "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge", zweitens ist Malte zwar ein Gottsucher, aber deswegen mitnichten ein Misanthrop. Jedenfalls findet sich im Werk keine Stelle, die das stützen würde, und übrigens ist mir dieser Begriff bei meiner Beschäftigung mit den "Aufzeichnungen" auch kein einziges Mal in der Sekundärliteratur begegnet. Ich hatte jenes "Prosabuch" (so Rilke) als Thema in meiner mündlichen Magisterprüfung.
Zitat von Thomas Bernhard
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