„Oder irgendwie so“ – dies erkläre ich zu meinem privaten Titel für diesen Text. Der Autor möge mir verzeihen.
„Die gottverdammte Stille lässt mein Herz erbrechen,“
Guter Satz. Könnte auch heißen: „lässt mich mein Herz erbrechen“, aber vielleicht ist er in der Originalfassung doch besser und sollte stehen bleiben, wie er ist...(?)
Was ist eine „immernde“ Freiheit? – Da sich sonst keine Wortneuschöpfungen im Text finden, könnte es auch n Tippfehler sein. Weil es aber zweimal vorkommt, ist das eher unwahrscheinlich, oder?
Zum Ende hin ein bisschen zuviel shit und Scheiße. Aber „Und das alles, obschon ich mich kalt (kaltblau) glaubte. Aber immer dann, wenn ich mich emotional unansprechbar wähne, erwischt es mich. Nasskalt. Ultramarin. Oder irgendwie so...“
ist wieder einer jener Sätze, für den sich das Lesen dieses grünstichigen Textes lohnt.
Generell: Man ertappt sich leicht, bei Prosatexten eine erzählte Geschichte mit einem Handlungsfaden zu suchen und den Text wegzulegen, wenn man den Fadenanfang nicht zu fassen kriegt. Beim vorliegenden Text hat man schnell den Eindruck, einen Anfang in der Hand zu haben, der in eine Richtung (Osten/ Reise/ Ausflugserlebnis o.ä.) weist. Aber dann schweift er ab und tüttelt ein bisschen hierhin und dorthin und will sich –bis auf die Wander- nicht festlegen. So bleibt der Text letztlich wie der Autor ‚mimikfrei’ und schert sich einen Teufel um den Leser.
Weil mir der Text aber so gut gefallen hat und ich einzelnen Passagen nachschmecke wie einem kühlen süßen Sommereis, habe ich mir einfach als „Entschuldigung“ zurecht gelegt: So ungeordnet findet das Denken nun mal statt, vor allem vor dem Einschlafen....![]()
Thema: Grünstichig
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24-09-2005 15:15 #1
Grünstichig
Jetzt liegt sie da und schläft. Schläft sich fern und fern von mir - und ich zerbreche die letzte Stunde und noch jetzt daran, den Anblick zu beschreiben - wie sie daliegt und schläft. Es ist banal und es ist so: ich kann das nicht glauben; nicht glauben, dass plötzlich alles anders sein soll, oder muss, oder will. Ich bin Masochist; verzehre mich in der Begierde nach Ungewissheit und Qual. Von Neubrandenburg nach Rostock sind wir heute gefahren und ich hätte kotzen können - nicht wegen ihr, das ist zu sagen, sondern wegen dieser depperten Straßenschlacht - ist mal einer von euch in Demmin gewesen oder dorthin gefahren? Nein? Dort nämlich ist sie zu finden, die westfinanzierte Infrastruktur des Ostens - Schlaglöcher Felsen und sonstige Abarten. Und jetzt liegt sie da und ich wollte eigentlich noch weiter in den Tagebüchern der Maxie Wander lesen - Maxie Wander; meine Maxie Wander! - aber nach einem Lesbenporno will man nicht lesen. Obwohl die Wander schon einiges zu offerieren hat - über allem mir nah ihre Zeilen aus dem Krankenhaus. Und da ist er wieder, der darbende und eklig prophetische Gedanke, dass die Kongruenz von meinem Leben und meinem Schicksal nur im Krankenhaus zu finden ist. Mich einlesend in ihre Aufzeichnungen, die so herrlich nah an Welt und Herz geschrieben sind, fühle ich mich betreten und jäh ertappt - augenblickartig liege ich im Spital und sehe stumpfe und redselige Mitbewerber um den Tod und bemerke mich, der ich stumpfsinniger und redseliger bin als alle gemein, jede auch nur erdenkliche Konnotation kommentieren. Ich bin wahrlich eingesunken in ihre verwandten Zeilen. Seltsam und idiotisch: Im Moment wünsche ich mir nichts sehnlicher und ist mir nichts holder und idyllischer, als mein Kind, das aufmerksam von der Schule spricht. Und gerade jetzt huscht mir mein Zimmerkollege vor´s innere Auge, wie er dasitzt, meine Texte liest und verstört guckt und und mich ansieht und mir einen stets kalten Gesichtsausdruck zuspricht - ich sei mimikfrei. Er sieht aus wie die gallisierte Ausgabe von Ekrem Bora. Was erwartet er da?
Ich kann stundenlang lesen und dabei nicht den unsüchtigsten (was ein grausiges Wort) Gedanken an eine Zigarette denken, ist aber irgendwo auch nur ein Halbsatz irgendeiner Kunst gewidmet, stecke ich mir in aller Hast und Umtriebigkeit so ein scheußliches Ding an. Irgendwas über Beuys, und seine seelische Verwandschaft zu Rodin. Beeindruckend. Auf jeden Fall werde ich jetzt schlafen gehen, mir noch einmal auf die Kleine im Nebenzimmer einen runterholen und an mein Buch, das ich nie schreiben werde, denken. Denken. Überhaupt. Man kann vorm Einschlafen wirklich alles denken, die Tatsache, dass man es im Augenblick des Erwachens wieder vergessen hat, rechtfertigt es. Wirklich alles, Halbkluges und jeden Scheiß. Beispielsweise kann einer noch so oft vom rechten Arm sprechen oder schreiben; ich stelle mir stets den linken vor. Oder, dass ich die letzte Zeit so weinerlich bin - lese ich in letzter Zeit nämlich Schicksale anderer, bin ich oft tief berührt und nahe am Weinen (die Wander!) - das eigene jedoch, ob gefesselt am Krankenbett oder geknebelt in Freiheit, ertrage ich mit beinah stoischer Gelassenheit. Na ja, wenn ich mir die Kleine im Nebenzimmer ansehe, scheiße, dann ist da nichts von Gelassenheit oder stoisch oder .. richtig. Und so vieles, das ich mir sage, das sein muss - für mich, weil es gesund wirkt, eben das unermüdliche Vorantreiben eines beschissenen Abnabelungsprozesses - es wird eben nur schnell problematisch, wenn mein Verstand, im Übrigen keine sonderliche Koryphäe seines Metiers, beginnt, vermeintliche Selbsthilfemaßnahmen lächerlich zu finden. Haben heute ihr Zimmer gestrichen. Grüngetunkte Lappen an die Wand geklatscht, sieht ganz nett aus, fast schön. Und wie sie da rumklatschte und rumkroch auf dem Boden - meine Fresse, da war ich versessen. Nur kurz auf ihren Arsch, die meiste Zeit auf ihre Lippen. Und, shit, sie hat die schönsten worldwide. Das wird wieder so ne Ode hier. Scheiße. Na ja, ich wollte schlafen gehen, hm. Yeh. Ich würde noch gern, masochistisch wie heute festgestellt, das Gefühl auskosten, dass niemand mich versteht. Aber das ist Bullshit, den meisten geht es so, oder ging. Und das alles, obschon ich mich kalt (kaltblau) glaubte. Aber immer dann, wenn ich mich emotional unansprechbar wähne, erwischt es mich. Nasskalt. Ultramarin. Oder irgendwie so. Wie immer: ich rauche Gauloise um Gauloise, Liberté Toujours - immerndeimmernde Freiheit - und die gottverdammte Stille lässt mein Herz erbrechen. Oder irgendwie so.Frage an Cendrars:
"Sind Sie wirklich mit der Transsibirischen Eisenbahn gefahren?"
Cendrars:
"Was geht Dich das an? Ich habe Dich mit ihr fahren lassen."
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25-09-2005 08:13 #2Unregistriert Gast
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25-09-2005 08:15 #3
"Professor" (750-1499 Beiträge)
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- 09.11.2002
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Prompt bin ich wieder in die Falle gegangen: nie denke ich dran, dass man hier im Gegensatz zum Lyrikforum ja auch als Unregistrierte was sagen darf! Der obige Kommentar ist von mir.
Akiva


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