ööhm...wollte nur mal freundlich anfragen, ob vielleicht jemand eine Meinung zu diesem Text äußern könnte. Von meinen "befremdlichen" Texten halte ich diesen hier für am gelungensten, weil am vielschichtigsten und "sinnvollsten" (im Vergleich zu meinen anderen Prosa-Texten).
"Versteht" den bloß keiner oder wollt ihr mit dem Schweigen ausdrücken: Interessiert micht nicht/ find ich schei.e?
Swn
Thema: abcdefghijklmnopqrstuvwxyz
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28-09-2005 20:54 #1n/a Gast
abcdefghijklmnopqrstuvwxyz
>abcdefghijklmnopqrstuvwxyz<
von Ingmar Kursawe
Das Klassenzimmer sieht verfallen aus. An der Decke erkennt man hier und da das Stahlgerippe, das den Raum stabilisiert. Schimmel hat die ehemals weiß gestrichenen Wände wie eine pelzige Tapete eingekleidet. Es wirkt wie der Horizont im Urwald; als wären alle Pflanzen und Lebewesen zu einem einzigen Farbton verlaufen; dreckig-schwarzes Grün.
Die Fenster sind vor geraumer Zeit erblindet; kein Tropfen Sonnenlicht dringt hinein.
In der Mitte des Klassenzimmers steht eine Toilettenkabine. Unter dem Türgriff leuchtet ein rotes Lämpchen.
Die Kabine steht nicht ganz auf dem Boden, auch zur Decke reicht sie nicht ganz hinauf. Über ihr hängt eine einsame Glühbirne direkt am Kabel und leuchtet so hell, dass der Glühdraht summt.
Zum Aus- und Einschalten baumelt ein Band in die Kabine; daran ist ein rauer Strick geknotet, der leicht pendelt, als hinge Schweres an ihm.
Hinter dem stillen Örtchen steht ein einsames Pult, verkratzt und übersät mit eingeritzten Botschaften. „Verpiss dich“, „Ich hasse dich“, „Stirb!“.
Eine Gestalt sitzt hier. Sie sieht aus wie aus schwarzem, durchsichtigem Eis gehauen, unbewegt, mit aufmerksamem Gesichtsausdruck, die Hände liegen auf den Botschaften. Als würden sie sie wie Blindenschrift lesen.
„Mein Ergebnis lautet also: Ich existiere nicht. Das ergibt sich aus dieser Formel.“
Die Toilettenkabine blockiert der sprechenden Gestalt die Sicht auf das einzige Pult.
Vielleicht hat sie es nie gesehen!?
Karteikarten sind mit ihren Händen verwachsen, in unregelmäßigen Abständen wirft sie einen Blick darauf.
„Hergeleitet habe ich die Formel aus dem Lebenssinn, von dem mir freundlicherweise eine beglaubigte Kopie zur Verfügung gestellt wurde. Auch das Sein war eine Quelle. Ich berufe mich auf diejenige Ausgabe 0, die nicht in unserer Bücherei steht. Ich möchte mit den Worten Gottes schließen, die ich in einem Buch in der Kinderecke der Bücherei gefunden habe. Der Name..ähm...tschuldigung, ist mir...gerade entfallen. Aber das Buch war in abgegriffene Menschenhaut gebunden und die Seiten waren nicht beschrieben, sondern der Text mit Säure ausgeätzt. Der Titel fing, glaub' ich, mit einem „B“ an.
Aber zumindest sagte Gott: „abcdefghijklmnopqrstuvwxyz““
Eine Stille tritt ein. Man hört das leise Surren des angestrengten Strickes am Ausschaltband der Birne an der Decke.
Wäre es unverschämt zu fragen, was los ist?
Warum niemand etwas sagt?
Nervös kaut die Gestalt mit den Karteikarten an den Händen an ihren Fingernägeln.
Was ist mit meiner Bewertung?
Ein Menschenleben lang wartet die Gestalt, kaut immerwährend an ihren Fingernägeln. Dann an ihren Fingern. Bald hat sie die Karteikarten eine nach der anderen abgekaut. Dann steht sie handlos da.
Und plötzlich hallt ein Klirren durch den Raum, als wäre ein gläsernes Fass voll mit Münzen auf dem Boden zersprungen. Die schwarz-transparente Gestalt hat in die Hände geklatscht, aber das Klirren hat es übertönt. Sie ist dabei in Splitter zerfallen.
Scherben verteilen sich im ganzen Raum. Die Gestalt, die keine Karteikarten mehr hat, guckt sich verwundert um und verlässt seinen Platz vor der Tafel, auf der eine Formel in den pelzigen Schimmel gekratzt ist, deren Ergebnis 1=0 lautet.
Sie geht um die Toilettenkabine herum und findet einen Haufen schmilzender, schwarzer, transparenter Scherben. Sie sieht das Pult und untersucht es nach einem Notenbuch oder ähnlichem. Dann sieht sie die eingeritzten Botschaften im Holz.
Das „Stirb!“ gilt dir!
denkt sie.
Ich habe an der Tafel versagt. War die Formel falsch? Habe ich schlecht vorgetragen?
Die Gestalt geht zum Waschbecken, das von Schimmel und Moos brüchig gefressen ist, um einen Schluck aus dem Wasserhahn zu trinken. Darüber hängt ein Spiegel. Völlig hellsichtig und sauber.
Darin sieht sie einen verfallenen Raum, Schimmel bedeckt alle Wände und in der Mitte steht einfach so ein WC. Darüber hängt eine einzelne Birne. An dem Band zum Ausmachen scheint ein Strick geknotet, an dem etwas baumelt.
Erschrocken wendet sich die Gestalt ohne Hände um.
Plötzlich steht sie real in diesem Raum, und an dem Strick hängen Hände mit Karteikarten. Sie hält den Atem an wegen all des Schimmels und geht geradeaus auf die Hände zu. Als sie sie berührt, macht es „klick“, das Licht geht aus. Als die Gestalt das Papier der Karten wieder in ihren Händen fühlt, erstrahlt die Birne zu neuem Leben und der alte Zustand des Raumes stellt sich wieder her. Die Gestalt hat alles vergessen, was sie bisher erlebt und gesehen hat.
Sie atmet tief durch (Bin ich so nervös, dass ich die Luft unbewusst anhalte?) und schaut sich unruhig in dem sonnendurchfluteten, weißgestrichenen Klassenzimmer um (Wo bleiben die alle? Soll ich ohne Publikum anfangen? Hat es dann überhaupt Sinn?). Sie nimmt sich ein Stück Kreide aus dem Fach unter der geputzten Tafel und glaubt hinter der Toilettenkabine ein „abcdefghijklmnopqrstuvwxyz“ zu hören.
Sie versteht das als Startsignal, blickt noch einmal ohne hinzusehen auf ihre Karteikarten, von denen sie in jeder Hand einen dicken Stapel hält, und beginnt ihr Referat.
„Ich existiere nicht! Ich werde es ihnen beweisen!“Geändert von Scheinweltname (30-09-2005 um 10:38 Uhr)
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30-09-2005 00:07 #2n/a Gast
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30-09-2005 00:28 #3
Okay, dann mach' ich mal den Anfang:
Du hast offensichtlich viel Fantasie. Der Anfang ist gut geworden und sehr plastisch. Die pelzige Schimmeltapete mit Urwald-Assoziationen erzeugt den von dir wohl gewünschten Igittigitt-Geschmack auf meiner Zunge.
Den Rest der Geschichte fand ich allerdings etwas wirr. Meiner Meinung nach ist dies auch keine Geschichte, weil dafür einfach zu wenig passiert. Und weil die Handlung fehlt (oder ich sie nicht verstehe), bin ich durch den Text galoppiert und habe ihn dann im erst im zweiten Durchgang richtig gelesen.
Mit der "Gestalt" hatte ich Probleme. Da sie weder Geschlecht noch Alter hat, kann ich sie mir nicht vorstellen. Den Raum zeichnest du vor meinem geistigen Auge sehr schön, aber die Gestalt kann ich nicht sehen. Absicht?
Sprachlich finde ich deinen Text überarbeitungsfähig. An einigen Stellen hast du meiner Meinung nach die falschen Tempi und unpassende Verben und Adjektive gewählt. Ein paar Beispiele:
"Die Kabine liegt nicht voll auf dem Boden auf ..." - Steht sie nicht?
"unbewegt, mit aufmerksamem Gesichtsausdruck" - Oxymoron?
"die nicht in unserer Bücherei steht" - besser: Bibliothek (wissenschaftlicher!)
"und leuchtet nach Leibeskräften" - mMn verunglücktes Bild, müsste außerdem "aus" heißen
Gruß,
Karendric
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30-09-2005 10:34 #4n/a Gast
das oxymoron ist keins...eine Statue kann doch auch einen aufmerksamen Gesichtsausdruck haben. Und eine Bibliothek hat keine Kinderabteilung; eine Uni hat keine Klassenzimmer. Es dreht sich hier um etwas Schulähnliches.
beide Gestalten sollten relativ schemenhaft bleiben, zumal eine Angabe eines Geschlechts und eines Alters der "Intention" widersprechen würde.
Handlung fehlt? ok, ich beschreibe relativ viel...aber da ist doch Handlung (direkte Rede ist doch eine Art von Handlung...)
übrigens Danke, Karendric
Swn
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30-09-2005 10:51 #5
Meiner Meinung nach können Statuen nicht aufmerksam wirken. Sie sind immer etwa entrückt. Aufmerksamkeit ist bewegt, aktiv, niemals statisch. Man sieht jemanden aufmerksam an, folgt ihm aufmerksam, hört ihm aufmerksam zu. Alles aktiv und in motio.
Auch bei einer Schule würde ich hier von Bibliothek sprechen/schreiben, weil es ja nicht um Kinderbücher geht, sondern um eine Weltformel. Und die erwarte ich eher in einer (Schul-/Uni-)Bibliothek mit hauptsächlich "ernsten" Büchern.
Dass die Figuren schemenhaft sein sollen, macht es aber für mich schwer, sie in den konkret beschriebenen Raum einzuordnen. Entweder bleibst du auf der konkreten Ebene und sagst mir, wie sie schemenhaft zu sehen sind, oder du lässt alles unkonkret, auch den Raum.
Just my two cents.
Gruß,
KarendricGeändert von Karendric (30-09-2005 um 14:07 Uhr)


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