Thema: Ein Nachruf
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23-10-2005 14:54 #1
Ein Nachruf
Phillip Wellthington, der von uns allen sehr geliebte, ist bedauerlicher Weise vor kurzem verschieden. Seiner wollen wir nun gedenken und uns anhalten sein gesamtes Werk in unserer Erinnerung und unserem Kunstgeist aufleben zu lassen, welches uns noch nach seinem frühen und tragischem Tode emporhebt zu den höchsten Gefilden der zeitgemäßen Literatur, in die er als das interpretatorische Genie nicht nur unserer Zeit, sondern geradezu als das Genie dieser seiner Kunstgilde schlechthin eingeht und es tatsächlich verdient, der Arthur Rubinstein, der Glenn Gould, der Fleisch gewordene Orpheus des Lesens genannt zu werden.
Seine Stimme wird unvergesslich bleiben, denn wer kennt nicht sein meisterliches Frühwerk, das vor jedem Film, dem wir uns in einer Stunde geistiger Ermattung freiwillig vielleicht, oder gezwungener Maßen, hingeben, verkleidet als eine Ermahnung der Eltern die Vorgaben der freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft zu befolgen, dem Müßiggang erliegend überrascht. Der Text erscheint und seine Stimme ist Donner in unseren Ohren. Zunächst können wir nicht glauben, dass diese Stimme dem Fernseher oder dem Computer entstammt und schreckensstarr verharren wir, gewiss, dass nun, nachdem wir uns ihm schon entronnen glaubten, doch noch der Schöpfer selbst über uns gekommen ist, um uns zu richten.
Doch die Erleichterung in uns ist gering, wenn wir erkennen, dass es nicht der Herrgott ist, der uns richtet, sondern die unerbittliche Stimme der Kunst selbst. Mit Schmach im wunden Herzen müssen wir eingestehen, dass wir uns niederem Vergnügen hingeben wollten, dass wir ins Auge gefasst uns mittels trivialer Scheinkunst das Gemüt unehrenhaft erweichen wollten. Angewidert und geläutert greifen wir nach der Fernbedienung beenden das Zeugnis mangelnder Manneskraft, das uns den Makel aufgebürdet und suchen unsere Schuld zu tilgen im Rezitieren subtiler mittelalterlicher Minnelyrik oder im Studium der rethorischen Figuren, senken uns tief ein in die Novellentheorie oder beginnen der Tragödie zweiter Teil auswendig und aus vollem Halse schreiend, denn wie sonst sollen wir unseren Mangel an gerechter Gesinnung sühnen, aus vollem Halse schreiend Vers für Vers und in unterschiedlichen Stimmlagen den handelnden Personen gemäß zu rezitieren bis in die frühen Morgenstunden, wo wir Ohnmächtig danieder sinken und uns das Herz leichter wird, wenn es die gütige Wärme umfängt, dass vielleicht doch noch Hoffnung besteht für uns.Geändert von gesein (23-10-2005 um 22:50 Uhr)
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19-11-2005 07:48 #2
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Zunächst einmal habe ich recherchiert, ob es diesen Phillip Wellthington wirklich gegeben hat. Hat es nicht.
Nun gut, habe ich dann gedacht, was will uns der Künstler damit sagen?
Er hat einen kurzen, aber großen Nachruf geschrieben, auf einen fiktiven Großmeister der Kultur-, vornehmlich Filmkritik. Aber geht es überhaupt um diese Person? Geht es in Ein Nachruf von G.E.Sein nicht um unser aller Kunst- und Kulturverständnis? Darum, daß wir uns manchmal auf fragwürdigen Subkultur- und Kleinkunstveranstaltungen die Blöße geben, es gut zu finden, aber dann, später, erkennen müssen, daß das Gesehene höchstens Karnevalsniveau hatte?
Ich glaube, es geht in dem Text in erster Linie darum, daß es schon so manchen Kunstkritiker gegeben hat, der uns durch seine besserwisserische, gestelzt vorgetragene Nörgelei den Spaß zu verderben versuchte...Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
Dem Narren ein Denkmal.
Dem Reimliebhaber ein Gedicht.
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