Thema: Der 1001. Brief
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30-04-2006 12:13 #1
"Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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Der 1001. Brief
Der 1001. Brief
oder
Warum man Bauersleute im bergischen Land aus dem Weg gehen sollte
Ein modernes Märchen
Einst schrieb ein junges Fräulein aus Köln frech ins Internet, sie sei nett und süß und suche einen Mann. Gar viele bewarben sich und schrieben ihr, denn sie war schön anzuschauen und nicht auf den Kopf gefallen. Das schöne Fräulein wohnte in einer Zweieinhalbzimmerwohnung in Köln-Deutz im fünften Stock eines Mietshauses mit Blick auf das Hochhaus des TÜV Rheinland. Sie hatte viele Einrichtungsgegenstände eines schwedischen Möbelherstellers und nach Feierabend saß sie gerne auf ihrem orangefarbenen Sofa. Abend für Abend räkelte sie sich dort und las die Briefe, die sie bekommen hatte. Nach einem Jahr, als sie 1000 Briefe gelesen hatte, wählte sie unter alle ihren Verehrern drei aus. Drei war deren Zahl, die sie zu sich vorließ. Alle diese drei Männer wurden von dem jungen Fräulein auf das genaueste geprüft.
Der erste war vom Spiel des Fußballs derart fasziniert, daß er stundenlang vor dem Fernseher saß und anderen beim Fußballspielen zusah. Darüber wurde er innerhalb kürzester Zeit so fett, daß das hübsche Fräulein einen Kran mieten musste, der ihn aus ihrer Wohnung hob und das Fräulein beschloss, daß der es nicht gewesen sein konnte, den sie suchte.
Der zweite Verehrer fuhr eine schnelle, dunkelblaue Limousine und trug stets Anzüge mit Krawatte und Krawattennadel. Aber wenn er zu Hause war, war er immer müde und schlief ständig ein. Er arbeitete für den Finanzdienstleister eines russischen Energieversorgers, das zu der Holding des gleichnamigen Joint-Venture-Partner des überregionalen Shareholder-Value gehörte und dessen Vorstandsnichtmitglieder Terminoptionen auf das chinesische Unternehmen hatten, in der der zweite Verehrer als Effektivitätsfond-Berater tätig war. Das ist ja nicht weiter schlimm, dachte sich das junge Fräulein und deckte ihn mit einer wollenen Decke zu und wünschte ihm eine gute Nacht. Aber am Morgen des ersten Sonntags wollte und wollte er einfach nicht aufstehen und war kaum wach zu kriegen. Da aber das Fräulein aus Köln was mit ihm unternehmen wollte, wurde ihr die Sache zu bunt und so warf sie auch den zweiten Verehrer raus.
Beim dritten Mann hatte das schöne Fräulein nicht mehr ganz so viel Geduld wie mit den beiden ersten. So fackelte sie nicht lange und stellte ihm gerade heraus die Frage: "Was fällt jemandem, der dich zum ersten Mal trifft, innerhalb der ersten Stunde an dir auf?" Und der Mann antwortete: "Jedem wird sofort auffallen, daß ich total verknallt in dich bin und dazu braucht derjenige sicher keine ganze Stunde und wenn du mich nicht nimmst, bin ich verloren für immerdar". Das gefiel dem schönen Fräulein so gut, daß sie sich ein schickes, enges weißes T-Shirt anzog und eine Sonnenbrille aufsetze und mit ihm auf ihrem Motorrad fort fuhr.
Das schöne Mädchen aus Köln und ihr Verehrer fuhren in das bergische Land, das östlich von Köln aufragt. Der Verehrer fragte das Mädchen, ob sie einmal Kinder haben wollte, darauf entgegnete sie, das verrate sie nicht. Auch was ihr Beruf sei, wollte sie nicht preisgeben. Doch wenn er herausfinde, wie ihre echte, wirkliche Haarfarbe sei, dann würde sie ihn heiraten. Da fing der Verehrer an zu grübeln und als sie Rast machten, um sich vom frischen Wassers eines plätschernden Bächleins zu laben, sahen sie zwei Bauersleute auf der Weide stehen. Der eine war ein Mohr und spielte auf der Gitarre, der andere war seine Frau. Sie, die Frau, kam an den Wegesrand und sprach den Verehrer an: "Hallo" sagte sie, "Ich bin Heidi. Heidi Klum". Sie sprach damit einen Zauber über den Verehrer des hübschen Fräuleins aus. Dieser musste von nun an auf dem Hof von Heidi Klum schwer schuften, damit sich Heidi Klum ein gar grandioses Jet-Set-Leben leisten und dusselige Fernsehsendungen machen konnte, während ihr Mann auf der Gitarre spielte.
"He, dritter Verehrer, der gesagt hat, er sei in mich verknallt" sagte das Mädchen aus Köln und versuchte einen eigenen Zauber, "ich bin nett und süß!", aber das nutzte gar nichts, der Zauber der Heidi Klum war, durch viele Zeitschriften-Titelcover ihres Abbildes gestärkt, weitaus wirkungsvoller.
Das Mädchen aus Köln war machtlos und konnte die Situation nicht ändern. Schwermütig stieg sie wieder auf ihr Motorrad und fuhr zurück nach Köln-Deutz. Dort genoss sie einen ruhigen Abend auf ihrer orangefarbenen Couch. Aber sie war doch recht traurig und als sie den Fernseher anschaltete, kam dort nur eine dusselige Fernsehsendung mit Heidi Klum und das wollte sie nun wirklich nicht sehen. Dann bemerkte sie, daß ihr mehr als 1000 Verehrer geschrieben hatten. Sie nahm den 1001. Brief, öffnete ihn und las. Der 1001. Brief begann so: „Einst schrieb ein junges Fräulein aus Köln frech ins Internet, sie sei süß und suche einen Mann. Gar viele bewarben sich bei ihr,...“
ENDEThomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
Dem Narren ein Denkmal.
Dem Reimliebhaber ein Gedicht.
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