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  1. #1
    Avatar von Commander
    Commander ist offline Moderator
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    Disziplin als Schlüssel zum Glück?

    Hallo miteinander,
    ich habe bei Spiegel online diesen Artikel gefunden und möchte einmal eure Meinung zu dem Thema hören.
    Grob geschildert ist er ein Interview mit dem Pädagogen Bernhard Bueb, einem ehemaligen Schulleiter des Elite-Internats Schloss Salem. Er spricht sich dafür aus, die Sekundärtugenden wie Gehorsam, Pünktlichkeit und Ordnungssinn wieder mehr zu fördern. Bitte lest euch den Artikel mal komplett durch, sonst habt ihr vielleicht kein Gesamtbild.
    Meine Meinung zu dem Thema ist, dass der Mann Recht hat. Ich bin nicht dafür, ein Kind antiautoritär zu erziehen. Er bringt da auch gute Beispiele, z.B. dass Kinder ohne Ungerechtigkeit keine Gerechtigkeit erkennen können.
    Ich glaube, es gibt viele Menschen gibt, die nicht in der Lage sind, ihre Kinder rational zu erziehen, bzw. Vorbild zu sein.
    Herr Bueb geht auch soweit, Schülermitbestimmungen an Schulen auflösen und Jugendlichen unter 16 Jahren aufgrund ihrer fehlenden Reife Drogen und Sex verbieten zu wollen. Meine Zustimmung dafür bekommt er. Wäre meine Erziehung larifari verlaufen, könnte ich mich heute bestimmt nicht so klar von bestimmten 'Untugenden' distanzieren.
    Aber lest selbst..


    Meine Meinung ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Bei Anregungen und Kritik lesen Sie bitte die Forenregeln oder fragen Ihren Admin oder Moderator...

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    Wer sich an andere hält, dem wankt die Welt.
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  2. #2
    Astir01 ist offline "Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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    Zitat Zitat von Commander
    Er spricht sich dafür aus, die Sekundärtugenden wie Gehorsam, Pünktlichkeit und Ordnungssinn wieder mehr zu fördern.
    Dagegen ist doch nun wirklich nichts zu sagen. Sein Argument, die sg. Säkundärtugenden werden von den sg. 68´ern diffamiert weil sie von einem unmenschlichen Unrechtsregime missbraucht wurden, ist jedoch nur teilweise richtig.
    Die Frage eigentlich muss lauten: "Wie vermitteln wir Werte und Tugenden wie Pünktlichkeit, Fleiß, Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, Treue und Gehorsam, ohne dass die so erzogenen Menschen in Gefahr geraten, sich von einem autoritären Regime missbrauchen zu lassen?" Um die Antwort auf diese Frage haben sich die 68´er herum gedrückt, und die Pädagogen von heute tun es immer noch. Statt dessen verzichten sie lieber auf die Vermittlung dieser Werte und Tugenden.
    Er bringt da auch gute Beispiele, z.B. dass Kinder ohne Ungerechtigkeit keine Gerechtigkeit erkennen können.
    Das halte ich für den einen Fehler in seiner Argumentation. Niemand muss (gezielt erzeugte) Ungerechtigkeit erfahren um Gerechtigkeit zu erkennen. Sonst könnte man ja auch behaupten, man müsse ertrinken um Schwimmen zu lernen.
    Richtig ist vielmehr, dass man den Kindern in ihrer Erziehung deutlich machen muss, worin der Unterschied zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit besteht.
    Ich glaube, es gibt viele Menschen gibt, die nicht in der Lage sind, ihre Kinder rational zu erziehen, bzw. Vorbild zu sein.
    das ist zweifellos richtig.
    Herr Bueb geht auch soweit, Schülermitbestimmungen an Schulen auflösen und Jugendlichen unter 16 Jahren aufgrund ihrer fehlenden Reife Drogen und Sex verbieten zu wollen.
    Er vermischt damit m.E. in unzulässiger Weise seine Vorstellungen von geistiger Reife mit den Verboten der katholischen Sexualmoral.

    Es ist schon richtig, dass die nötige Reife für gewisse Dinge sich erst im Laufe der Jahre einstellt; beim einen früher, beim anderen später. Schon deshalb sind starre Altersgrenzen eigentlich sinnlos, und für 1000 junge Leute, die sich im Rahmen des Erlaubten bewegen findet man auch 20 oder 30, die sich aus einem Mangel an Reife und guter Erziehung daneben benehmen. Die übrigen aber dafür in Haftung zu nehmen halte ich für absurd.
    Ebenso absurd ist es, eine im Grunde doch als schön und beglückend anerkannte Sache wie Sex und eine als wünschenswert und staatstragend anerkannte Sache wie Demokratie aus den gleichen Gründen zu verbieten (und durch das Verbot erst recht interessant zu machen) wie Drogen auf nächtlichen Partys.
    Wer Erziehung nur als System von Verboten und Strafen begreift, und dazu in erster Linie auf den Ersatz von natürlicher durch amtliche Authorität zurück greift, der ist vielleicht als Ausbilder Schmidt geeignet, wird aber als Pädagoge nur Zivilver- und Jasager produzieren.

    Es mag zwar durchaus eine Menge Jugendliche geben, die solche Erziehungsmethoden benötigen, aber der große und ganze Rest muss die Möglichkeit bekommen, Reife zu entwickeln, und ohne Zwang beweisen, dass er das Vertrauen der Erzieher rechtfertigt.

    Alles von vorneherein zu verbieten, ja nicht einmal eine Diskussion über Sinn und Ausmaß von Verboten zu führen, ist zwar einfach, läßt aber keinerlei Spielraum für eine Persönlichkeitsentwicklung. Wohin das führt sieht man sehr gut an den Exzessen zu springbreak, wo amerikanische Heranwachsende, zum ersten Mal den Authoritäten und Verboten entronnen, sich solcherart daneben benehmen und bis zur völligen Besinnungslosigkeit volllaufen lassen dass umgehend der Ruf nach weiter gehenden Verboten und Einschränkungen laut wird.

    Dabei bleibt die Frage völlig unbeantwortet, wann die jungen Leute endlich erwachsen werden sollen, und bei welcher Gelegenheit sie den (verantwortungsbewußten) Umgang mit Verlockungen, Verführungen, Drogen usw. lernen sollen.
    Am Ende sind wir da, wo die Taliban in Afganistan schon waren. Beim physischen Vernichten und Unterbinden von ALLEM was das menschliche Leben lebens- und liebenswert macht.
    Tja, Proton müsste man sein; man würde die Quantenphysik verstehen, wäre immer positiv drauf, und hätte eine nahezu unbegrenzte Lebenszeit.
    (Silvia Arroyo Camejo)

  3. #3
    Avatar von Neroli
    Neroli ist offline "Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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    Der Mann sagt einiges richtiges und viel indoktrinäres, unterdrückendes. Vor allem finde ich die Argumentation, man sollte Kindern die Sexualität verbieten, vollkommen absurd. In allen westlichen Ländern beginnt gegenseitige Sexualität seit langem irgendwann ab dem Alter von 14, 15 (Unterschiedliche Statistiken zeigen das konsistent). Der Mann ist katholischer Theologe, das merkt man bei solchen Ratschlägen.

    Ansonsten habe ich mich gefreut, dass die Spiegel-Interviewer eine genügend distanzierte Position behalten haben. Bei Shows im Stil von Christiansen wären sich wahrscheinlich wie immer alle einig gewesen, dass die Jugend unheilbar verdorben ist.

    Ciao,
    Neroli (der die gewünschte "Amtsautorität" eines Lehrers nie hingenommen hat.)

    Life’s about film stars and less about mothers
    It’s all about fast cars cussing each other
    But it doesn’t matter cause I’m packing plastic
    and that’s what makes my life so fucking fantastic


    Lily Allen - The Fear

  4. #4
    Schmunzel ist offline "Habilitand" (500-749 Beiträge)
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    513
    Die FAZ. hat heute das als "zentral" bezeichnete Kapitel aus der "Streitschrift" des Herrn Bueb abgedruckt. Lohnt sich nicht; meines Erachtens fehlt den Ausführungen alles Analytische. Und gerade das wäre ja interessant (abgesehen von einer Reflektion der von Bueb als erstrebenswert erachteten Werte): Ist die heutige Jugend tatsächlich so schlecht, wie Bueb sie ganz offenbar empfindet? Und liegt das wirklich daran, dass die Klassenzimmer voller Lehrer sind, die nicht "selbstbewußt und würdig durch die Schule gehen und in jeder Klasse auftreten können", wie Bueb schreibt?

    Letztlich bleibt in meinen Augen nicht mehr als der wenig überraschende Hinweis, dass Autorität in der Erziehung nichts per se Schlechtes ist. Die hier vertretenen Erziehungswissenschaftler mögen mich korrigieren, aber ich dachte, das hätte die moderne Erziehungswissenschaft schon seit einiger Zeit verstanden. Der Kampf Buebs gegen die 68-Ideologie scheint mir mittlerweile ohne echten Gegner stattzufinden.

    Die eigentlich spannenden Fragen liegen doch tiefer: Was ist denn der "richtige", erstrebenswerte, autoritäre Erziehungsstil? Damit landet man bei dem, was Bueb unterlässt, nämlich bei einer Diskussion um die Ziele der Erziehung.

    Beste Grüße

    PS. Besonders vielsagend finde ich folgenden Satz aus dem Interview, bezogen auf die Schülermitverwaltung: "Sie führt dazu, dass junge Menschen Politik mit dem Kampf um egoistische Interessen verwechseln." Das zeigt sehr eindringlich, in welchem Maße Bueb sich von Wunschvorstellungen leiten lässt, glaubt er doch offensichtlich daran, dass es in der "richtigen", erstrebenswerten Politik gerade nicht um den Kampf egoistischer Interessen geht. Darum sollte es vielleicht nicht gehen, das ändert aber nichts an der Wirklichkeit.
    Geändert von Schmunzel (14-09-2006 um 12:24 Uhr)
    Ein technisch gut ausgebildeter Jurist kann im Grunde genommen alles beweisen.

  5. #5
    Astir01 ist offline "Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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    noch was zur Überschrift des ersten Beitrages

    Disziplin als Schlüssel zum Glück.
    Man kann sich ja mal zu Beginn der Auseinandersetzung überlegen, ob das logische Gegenteil des Satzes die größere Weisheit enthält.
    Das wäre dann etwa: Disziplinlosigkeit als Schloss an der Tür zum Glück.

    Klingt doch beides gleichermaßen logisch. Die Aussage scheint also zumindest in sich schlüssig.

    Ich möchte daher einen anderen Zugang zu der gemachten Aussage versuchen. Denken wir doch mal einen Moment über die Beschaffenheit jenes Glücks nach, das sich durch Disziplin erreichen lassen wird, oder zu dessen Erreichen Diziplinlosigkeit ein Hindernis darstellen würde.

    Disziplin wird benötigt, wenn es um harte Arbeit geht. Disziplin bedeutet, die eigenen Bedürfnisse und Wünsche, das Verlangen nach Wohlleben, Müßiggang und Bequemlichkeit zumindest vorübergehend hintenan zu stellen, sich am Riemen zu reißen und Umständen klaglos stand zu halten, ja sogar Leistung unter diesen Umständen zu erbringen. Dafür braucht man Disziplin.
    Welches Glück winkt unter solchen Umständen?
    Ist es das unverdiente Glück des Lottogewinns?
    Nein!
    Das Glück des Augenblicks?
    Aunich!
    Es ist das erarbeitete Glück des Malochers, der am Ende des Tages zwar erschöpft ist, aber weiß, was er geschafft hat.
    Es ist das Glück der Erleichterung, es geschafft zu haben.
    Es ist der Stolz auf die eigene Leistung und Ausdauer. Letztendlich ist es der Stolz auf die eigene Disziplin. Disziplin wird dadurch zum Selbstzweck. Glück geht nicht mehr in allen Fällen mit ungetrübter Freude einher, und uneingeschränktem Genuss. Es kann sogar den schalen Beigeschmack der Frage bekommen, ob es das Wert war.

    Ich habe schon oft erlebt, dass Menschen, die sich eine Sache hart erarbeitet hatten, sich ihrer am Ende gar nicht mehr erfreuen konnten. Zu groß war der bezahlte Preis.

    Disziplinlosigkeit ist also ein Stück weit eine Art Schutzmechanismus, der uns davor bewahrt, einen zu hohen Preis für einen Glücksmoment zu bezahlen, der sich ja vielleicht hinterher als trügerisch herausstellen mag. Sie verhindert, dass wir allzu viel Energie investieren um Luftschlösser zu bauen. Sie mag sogar dafür sorgen, dass wir uns mit Kleinigkeiten zufrieden geben. Sie verhindert, dass wir uns zu Sklaven unserer Sehnsüchte machen lassen.

    Es kann schon sein, dass es vielen Leuten heute an Disziplin fehlt. Von außen erzwungene Disziplin erzeugt aber nur innere Reibung. Disziplin, die nicht Selbstdisziplin ist, führt letztendlich zu nichts. Sie öffnet dem Missbrauch Tür und Tor. Dieser Herr Bueb hat durch nichts bewiesen, dass seine Vorstellungen von Disziplin etwas anderes sind als der Versuch ein Wohlverhalten zu erzwingen, wobei allein seine Interessen und seine persönlichen Moralvorstellungen maßgebend sind.
    Er soll also mal nicht so viel auf Disziplin rumreiten, sondern sagen, welches Glück er für die Leute vorgesehen hat, die er disziplinieren möchte.
    Geändert von Astir01 (14-09-2006 um 13:50 Uhr)
    Tja, Proton müsste man sein; man würde die Quantenphysik verstehen, wäre immer positiv drauf, und hätte eine nahezu unbegrenzte Lebenszeit.
    (Silvia Arroyo Camejo)

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