Neben Studiengängen, die eher auf Durchbeißen und Einzelgängertum setzen, wo sich jeder selbst der nächste ist, wo man sich um wenige Seminar- und Praktikumsplätze streitet, weil sich ansonsten das Studium um Monate verlängert, wo jeder einen eigenen, ganz individuellen Vorlesungs- und Studienplan erstellen kann, jeder andere Ziele verfolgt, gibt es auch kleine, besser organisierte Studiengänge, wo die Gemeinschaft der Kommilitonen mehr gefordert ist.
Mit Freuden erinnere ich mich an die Momente in der ersten Semestern, wo wir im Wohnheim gemeinsam vor einer Tafel saßen, um die ersten Analysis-Übungen auszuknobeln. Daraus ist eine Gemeinschaft gewachsen, die sich über all die Semester und Jahre immer wieder gegenseitig unterstützt hat. Neben großen Unipartys, auf denen ich selten Gast war, gab es immer wieder nette Zusammenkünfte der Lerngruppe und insbesondere jetzt nach dem Studium, wenn man sich zum Grillen, zum Jahrestreffen, oder mal zum gemütlichen Beisammensein trifft, dann wird immer weniger über Fachliches, sondern vielmehr über persönliche Dinge und Befindlichkeiten geredet. Das Gespräch in dieser Runde ist manches Mal hilfreicher gewesen, als mit anderen Freunden und Bekannten. Manches Mal, wo man sich als Unicum fühlte, wurde einem in dieser Runde klar, dass es den anderen genauso geht. Da kommt bisweilen schon das Gefühl von Familie auf, mit meinen Leuten, wenn wir, die nun nach dem Studium über ganz Deutschland bzw. Europa verteilt sind, uns wiedersehen.
Auch trifft man sich dann nicht nur am Uniort und in der studentischen Kneipenszene, sondern auch bei dem einen oder anderen daheim und sieht so etwas von Deutschland.
Thema: Soziale Kälte und Isolation
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14-10-2006 09:32 #1Kah Gast
Soziale Kälte und Isolation
In den letzten Monaten, fiel mir immer wieder auf, wie distanziert alles an der Uni funktioniert. Persönliches ist völlig egal. Und damit meine ich nicht primär Dozenten, denen egal ist, ob man fehlt, weil man den Wecker nicht gehört hat, man mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus liegt oder der Vater gerade gestorben ist, sondern ganz besonders auch die Studenten selbst. Es gibt zwar oft „Freundschaften“, wie Lerngrupppen, Leute, die sich gegenseitig einschreiben oder zusammen feiern und arbeiten, aber über persönliche Herzensangelegenheiten redet man fast nie, zumindest nie länger als fünf Minuten.
Bei mir selbst merke ich, dass ich einerseits nicht zuviel über mich reden mag (obwohl ich es wohl müsste, es liegt einfach viel zu viel Ballast auf meiner Seele), weil ich weiß, dass es viel Tratsch gibt und man sich schnell Ablehnung einhandelt, andererseits will aber auch keiner etwas hören von dem, was mich bewegt. Ein Satz wie „Lass es einfach, dein ewiger Pessimismus nervt“, ist bezeichnend, für das, was ich zu sehen glaube. Allen muss es krampfhaft gut gehen und wenn es nicht so ist, soll man gefälligst die Chuzpe aufbringen, alle anderen in dem Glauben zu belassen, es sei so. Indianer weinen nicht.
Besonders interessant fand ich auch die Feststellung einer Psychologin, die sagte, dies sei symptomatisch für Unis. Obwohl ich diese soziale Isolation genauso in der Arbeitswelt und der Öffentlichkeit wiederzufinden glaube. Eigentlich auch innerhalb von Familien.
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14-10-2006 11:26 #2
"Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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14-10-2006 13:17 #3
Ich denke, das ist ein Problem der anonymen Massenuniversitäten. Entweder die anderen sind einem völlig egal bzw. man kann sie gar nicht kennen (in Jura haben jetzt wieder ca. 600 Erstsemester an der LMU angefangen). Oder, wie schon erwähnt, man steht in direkter Konkurrenz um knappe Ressourcen.
Daher wird auch Erstsemestern von Anfang an geraten, sich privat zu Lerngruppen zusammenzuschließen, nicht in erster Linie, für private Kontakte, sondern damit man verläßliche und langfristige "Partner" im Studium hat. Dies kann natürlich zu Freundschaften führen. Im übrigen aber muß man sich wohl gerade an größeren Hochschulen private Kontakte auf andere Art suchen. Der eine engagiert sich mit einer Handvoll anderer in der Fachschaft, ein anderer findet Kontakte im Hochschulsport, der nächste tritt einer Studentenverbindung bei, wieder andere gehen zum RCDS oder zu den GrünS (oder was es da noch alles an überflüssigem Hochschulpolitikgedöns
gibt), wer die Begabung hat, geht vielleicht in das Orchester seiner Fakultät oder man tritt Gruppen wie EL§A bei - je nach Neigung halt. Diese alle haben gemeinsam, daß man eine kleinere Gruppe (mehr oder weniger, zumindest bezogen auf ein bestimmtes Ziel) Gleichgesinnter beisammen hat, wo man eher auch privat zusammenfinden wird.
Nur, weil man einander Kommilitone ist, wird sich der Kontakt auf einer menschlichen Ebene noch keineswegs herstellen lassen. Das mag (vielleicht) bei Studiengängen mit einem guten Dutzend Leuten gehen, aber generell nicht. Daher sollte man sich unbedingt seine Kreise auf andere Art (s.o.) suchen, um nicht als vereinsamter Einzelkämpfer in einer fremden Stadt dazustehen und keinen tiefergehenden Kontakt mit anderen pflegen zu können.Geändert von StudJurLMU (14-10-2006 um 15:50 Uhr)
§ 11.
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14-10-2006 14:54 #4Kah Gast
Hmmm...ich meine nicht, dass es keine langfristigen Studiengemeinschaften oder Bekanntschaften gäbe, aber auch innerhalb dieser sind meiner Erfahrung nach wirklich tiefgreifende Gespräche nicht möglich. Mann kann vielleicht darüber reden, dass jemand eine schwere Krankheit hat und ihn bedauern, ihm helfen, im Krankenhaus besuchen etc., aber darüber, wie das den Menschen selbst und die KomillitonInnen seelisch beeinflusst, wird doch kaum ein Wort gewechselt?!
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14-10-2006 16:16 #5
"Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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Das kenne ich nun wieder anders. Allerdings, das räume ich ein, kommen derartige Themen mitunter erst in relativ berauschtem Zustand am späterem Abend noch ausgebiegem Wein- oder Bierkonsum zur Sprache... Das mag nicht jedermanns Sache sein, aber dann fangen eine Leute an zu reden und Gesprächsinhalte werden deutlich persönlicher und vertraulicher.
Zitat von Kah
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