So ein Schmarrn. Ich bezweifle sehr, daß die Aufschrift des Schildes mit konkreten Vorfällen in einem Zusammenhange steht; vermutlich gibt es in dem Kaff überhaupt keine Juden. Mit "Anteil des Volkes..." hat das gar nichts zu tun.Zitat von Jonas
Es ging einzig um die Demütigung des Schildträgers durch die, die es ihm umhängten. Auf dem Schild hätte auch stecken können "1x Blasen 17,50 €" oder auch nur "Ich bin eine doofe Brillenschlange" oder was auch immer. (Nur kam halt in der vorgefallenen Weise noch ein provokativer Akt hinzu; evtl., aber nicht notwendigerweise auf eine entsprechende Gesinnung der Täter schließen lassend (aber eigtl. haben Zwölfjährige gar keine "Gesinnung", sondern können nur nachplappern.))
Thema: "Demütigung in Nazimanier"
+ Antworten
Ergebnis 1 bis 5 von 36
-
16-10-2006 10:37 #1Jonas Gast
"Demütigung in Nazimanier"
...betitelten die Blätter der Republik am Sonnabend den Fall des Schülers in Sachsen-Anhalt, der von rechtsradikalen Mitschülern genötigt wurde, ein Schild mit der folgenden Aufschrift um den Hals zu tragen:
"ich bin im Ort das größte Schwein ich lass mich nur mit Juden ein!!!"
Mal ganz im Ernst: Ist dieser Fall nicht in Wirklichkeit etwas anderes, als der schlagzeilenheischende Skandal, den die Presse witterte?
Was haben wir?
Was ist wem geschehen?
Zunächst einmal ist da der Satz, der zwei Hauptsätze aufweist, zwischen deren Inhalten kein Kausalzusammenhang besteht.
Das kann man wie folgt deuten:
Entweder beide Unterstellungen stimmen.
Juristisch gesehen, dürfte das Opfer dann zumindest gegen die erste klagen können, denn selbst wenn jemand das größte Schwein wäre, müsste man es noch lange nicht allen aufbinden. So scheint zumindest das deutsche Rechtsempfinden zu sein.
Ob man gegen die zweite Unterstellung klagen kann, möchte ich infragestellen:
Wäre es denn schlimm, wenn sich jemand nur mit Juden einließe? Es kann doch jeder tun und lassen, was er will. Wer da etwas negatives hineininterpretiert, ist doch selbst mit antisemitischen Gedankengut belastet, oder sehe ich das falsch?
Als nächstes kommt der suggerierte Zusammenhang.
Die in Deutschland allgemein dahinschwindende Fähigkeit Sprache zu gebrauchen und benützen bewirkt, dass der Satz vermutlich wie folgt aufgefasst wird.
"ich bin im Ort das größte Schwein, denn ich lass mich nur mit Juden ein!!!"
Nun wird aus den zwei Unterstellungen eine Behauptung, die allerdings unwahr ist. Jeder sollte das wissen, was aber leider nicht so ist. Hier handelt es sich dann um einen Fall von Volksverhetzung, denn genau bei den Leuten die
- den Unterschied der beiden Sätze nicht kennen (oder kennen wollen) [b]und[/u]
- es nicht auf die Reihe kriegen, für sich selbst die Unwahrheit der Aussage zu erkennen, wird Hass gegenüber Juden geschürt.
Sollte der Aufschrei, dass der Kreis eben dieser Personen in Deutschland immer größer wird, nicht viel lauter sein?
Ist es nicht viel schlimmer, dass Naziparolen ziehen, anstatt, dass sie auftauchen?
In der Presse hieß es, der Geschädigte sei eher ein "Gedemütigter".
Aber es ist doch nicht das Schild bzw. die Aufschrift, die ihn demütigt.
Ja nicht einmal die, die ihm das Schild umhängten, sind die, die ihn nennenswert demütigen. Es ist der Anteil des Volkes, der der Aufschrift glauben schenkt, der ihn demütigt.
Was wäre nun gewesen, wenn eine Gruppe Linksradikaler (welche ja nun auch ab und an mal nicht ausreichend mit IQ ausgestattet sind) die fatale Idee gehabt hätten, mit solchen Schildern herumzulaufen, um zu zeigen oder prüfen, ob/dass es Menschen gibt, die glauben, was darauf steht?
-
16-10-2006 12:24 #2§ 11.
-
16-10-2006 13:30 #3
"Dekan" (1500-2999 Beiträge)
- Registriert seit
- 06.01.2004
- Beiträge
- 2.726
Ob ein "denn" o.ä. dazwischensteht ist nicht so entscheidend, denn wenn man ein Komma setzt (was von den sicherlich hochintelligenten Schreibern aufgrund mangelhafter Beherrschung ihrer Muttersprache einfach weggelassen wurde), ist die Kausalität sprachlich gegeben.
Zitat von Jonas
Dieses Schild greift die unsäglichen Demütigungen aus dem "Dritten Reich" wieder auf, als es hieß "Kauft nicht bei Juden!" und die, die es doch taten, auf genau diese Weise gedemütigt wurden. Insofern ist Deine These
nur als provokant aufzufassen oder Deine Gedanken sind von einer erschreckenden Harmlosigkeit.
Zitat von Jonas
Die Relativierung rechtslastiger Umtriebe durch hypothetische Vergleiche mit linksradikalen Umtrieben ist in konservativen Kreisen gern geübte Praxis, aber sie läuft fehl. Genau diese Verharmlosung des braunen Gesocks und ihrer dummen Mitläufer führt dazu, dass die NPD inzwischen in ganzen Landkreisen weit über 20% einfährt - sie sind ja keine "bösen Jungs". Den Linksterror hat man in Deutschland durch konsequente Ächtung und Verfolgung (die Terroristen sitzen z.T. seit fast 25 Jahren in Haft) niedergerungen, aber beim Rechtsterror ist man allzu oft blind.
Zitat von Jonas
Was die Jungs da getan haben ist bösartig und Anlaß zu großer Sorge. Es ist jetzt die Frage, ob man sie noch erzieherisch erreichen kann (da strohdumme Mitläufer bzw. Nachplapperer) oder ob sie mit dem vollen strafrechtlichen Programm behandelt werden sollten, sofern schon möglich (waren sie über 14?), um auf diese Weise die Grenzen zu definieren.
P.
-
16-10-2006 15:55 #4
Meines Erachtens besteht der Unterschied zwischen dem Linksterrorismus der Siebziger- und Achtzigerjahre und dem Treiben rechtsradikaler und linksradikaler Krimineller heutzutage darin, daß eine Abgrenzung zu "normaler" Alltagskriminalität oft schwer fällt.
Wenn man beispielsweise einen Brandanschlag auf ein Kaufhaus verübt und dann verkündet, daß man damit das faschistische Schweinesystem und seine Büttel treffen wolle, ist die Richtung klar.
Wenn hingegen ein Pkw, der etwa zufällig in der Nähe sagen wir einer Veranstaltung pro Studiengebühren steht, in Brand gesetzt wird? Klar, es ist ein Delikt. Aber ob es jetzt - ohne weitere Anhaltspunkte unbedingt Linksterrorismus ist, läßt sich, auch wenn der gesunde Menschenverstand anhand weiterer Indizien kaum Zweifel läßt, schwer nachweisen.
Ebenso, wenn betrunkene Mitteldeutsche mit besonders windschnittigen Frisuren einen Klassenkameraden verprügeln und ihn dabei z.B. als "Assel" beschimpfen: Ist das jetzt ein Delikt mit rechtsradikalem Hintergrund? Ein kurzgeschorener Kopf kann auch einfach modisch (oder meist: durch sichtbaren Haarausfall
) bedingt sein, und daß Schimpfwörter selten politisch korrekt sind, ist ihnen immanent. Freilich sprechen Indizien dafür, daß es sich dennoch um rechtsextreme Gewalt handelt.
Aber ich will mit den Beispielen verdeutlichen, daß erstens die Schwelle der Delikte heute viel niedriger liegt (Asylantenheime brennen heute glücklicherweise keine mehr) und sie mit weniger nach außen gerichtetem politischen Sendungsbewußtsein kommuniziert werden.
Wäre man allgemein gegenüber Straftaten wie z.B. Sachbeschädigungen, Körperverletzungen oder Beleidigungen weniger nachsichtig, könnte man ein Gutteil der Delikte mit dem gewöhnlichen Strafrechte handhaben und dadurch m.E. auch mehr Täter abschrecken (und bräuchte nicht m.E. immer sehr kritisch zu sehende Sondertatbestände zu schaffen oder auszuweiten). Denn: schließlich ist es egal, warum gegen ein Gebäude der Allianz ein Brandbeschleuniger geworfen oder der Mitschüler Murat auf dem Pausenhof verprügelt wird: Es dürfte so oder so nicht passieren, egal mit welcher abartigen Motivation auch immer.§ 11.
-
16-10-2006 16:24 #5
"Dekan" (1500-2999 Beiträge)
- Registriert seit
- 06.01.2004
- Beiträge
- 2.726
Das ist wohl richtig, gleichwohl lässt sie sich (eine z.T. fast fanatische Energie der Strafverfolger wie bei RAF & Co. vorausgesetzt) durchaus vornehmen. Man muss lediglich die Scheuklappen fallenlassen. Kahlgeschorene Jungs mit "Lonsdale"- und ähnlichen T-Shirts/Bomberjacken, martialischem Schuhwerk und den einschlägig bekannten Zahlen "18" und "88" auf der Kleidung keine fremdenfeindlichen Motive zu unterstellen wenn sie "undeutsche Elemente" (sprich: alle nicht rein "nordisch-arisch" aussehenden Mitbürger) "klatschen" gehen oder diese rein zufällig in ihre Faust reinlaufen als "dumme Jungs" oder gewöhnliche Kleinkriminelle darzustellen hat was von Wegschauen und Totschweigen. Terror von rechts ist plumper, breitgefächerter und eigentlich viel gefährlicher als der Linksterrorismus, der sich fast immer ganz gezielt auf einzelne Personen konzentrierte (die "Kollateralschäden" in Form getöteter und verletzter Fahrer und Sicherheitsleute haben sie allerdings billigend in Kauf genommen, ohne dass sie es auf diese Leute abgesehen hatten).
Zitat von StudJurLMU
Sie sprechen sogar ganz massiv dafür (btw: "Mitteldeutschland" kann sich glaube ich nur Sachsen-Anhalt und Thüringen nennen, auch wenn der MDR bis Sachsen funkt. Brandenburg und Sachsen sind Ostdeutschland, auch wenn die Leute über die wir hier reden immer noch gerne von 1937 träumen...). Man darf nur die Augen nicht vor den Indikatoren verschließen. Ein kahler Schädel macht noch keinen (Neo-)Nazi - es ist die Kombination verschiedener bewusst eingesetzter Symbole unterhalb der Schwelle der verfassungswidrigkeit. Ganz blöd sind die Antreiber der Szene auch nicht, das sind zum Teil ziemlich intelligente Leute - leider.
Zitat von StudJurLMU
Sicher? Das Strafrecht unterscheidet meines Wissens nach zwischen "Körperverletzung" (Murat eine aufs Maul hauen) und "schwerer Körperverletzung" (z.B. aus niederen, rassistischen Beweggründen dem Murat eine aufs Maul hauen), was sich auch im Strafmaß niederschlagen kann und sollte. Dito bei Brandstiftung und Sachbeschädigung. Korrigier mich, wenn ich als Nichtjurist falsch liege, aber ein bisschen Rechtsverständnis und -kenntnis habe ich schon...
Zitat von StudJurLMU

P.
P.S.: Nachtrag:
http://www.spiegel.de/politik/deutsc...442893,00.html
"Rechte Gewalt nimmt dramatisch zu
Die rechtsextreme Szene wird immer brutaler. Die Zahl der Straftaten ist in Deutschland enorm angestiegen: Allein in den ersten acht Monaten 2006 gab es 20 Prozent mehr Übergriffe von Extremisten als ein Jahr zuvor. [...]"
Zufall?Geändert von Paracelsus (16-10-2006 um 20:32 Uhr)


LinkBack URL
About LinkBacks
Zitieren




Lesezeichen