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  1. #1
    ranita ist offline "Doktorand" (150-299 Beiträge)
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    228

    Sozialneid unter Studenten

    Mich würde es mal interessieren, ob und wie ihr Sozialneid unter Studenten erfahren habt.
    Und wie ihr damit umgegangen seid.
    Damit ihr versteht, was ich meine, hier meine Erfahrung:

    Ich war mit jemanden befreundet, der nicht aus so einem priviligierten Elternhaus wie ich komme. Ich habe während meines Studiums niemals für meinen Lebensunterhalt arbeiten müssen. Gearbeitet habe ich, um mir Luxus wie Urlaub zu gönnen. Meine Eltern haben mir zwei Semester im Ausland finanziert etc..das Auto läuft über meine Eltern, ich bezahle lediglich das Benzin.
    Gleichwohl habe ich immer ehrenamtlich in Sportvereinen gearbeitet und war hochschulpolitisch sehr aktiv, und bin es jetzt auch ausserhalb der Universität in einer Partei.
    Mit der Person war ich ungefähr drei Jahre befreundet, wir sind zusammen in Urlaub gefahren etc..bis etwa vor einem Jahr sich das Verhätlnis sich verschlechtert hat. Es kamen immer mehr Sprüche wie "Ich muss arbeiten um überleben zu können. was bitte stellst Du in deiner Freizeit an? " (Wenn ich gesagt habe, dass ich an einem Abend keine Zeit habe, weil ich politisch unterwegs ware).
    Ich hatte immer mehr das Gefühl, dass einfach nicht akzeptiert wurde, dass ich zwar nicht für meinen Lebensunterhalt arbeiten muss aber trotzdem eine Daseinesberechtigung habe, und vielleicht trotzdem ein egangierter Mitmensch bin, der sich sehr wohl Gedanken um seine Mitmenschen macht.
    Was kann ich denn dafür, dass ich nur arbeiten muss, um mir Luxus zu leisten? Und stattdessen meine übrige Zeit (neben meinen Studiums) mich ehrenamtlich engagiere?
    Manchmal habe ich auch einfach das Gefühl, dass sich solche Leute einfach hinter ihre finanziell nicht sehr guten Ausgangslange verstecken, um nicht zuzugeben, dass es auch an ihnen liegt, dass sie nicht zufrieden mit ihrem Leben sind. Im Gegensatz dazu bin ich nämlich auch mit Leuten befreundet, bei denen es finanziell noch enger aussieht, und die a) sich trotzdem engagieren b) mit denen man einfach befreundet sein kann, ohne dass das dauernd zur Sprache kommt.

    Letztendlich ist diese Freundschaft kaputtgegangen, eben weil ich auch keine lust mehr hatte, mich jeden zweiten Tag für meinen Lebensstil anpflaumen zu lassen.
    Aber mich beschäftigt das gedanklich immer noch sehr, wie ich das hätte verhindern können.

  2. #2
    Andy Gast
    Zitat Zitat von ranita Beitrag anzeigen
    Aber mich beschäftigt das gedanklich immer noch sehr, wie ich das hätte verhindern können.
    Nein, da hättest Du wahrscheinlich nicht sehr viel daran ändern können. Es gibt Menschen, die sind sehr sozial eingestellt und weltoffen. Da ist es für sie dann egal, wieviel sie auf ihrem Konto haben. Weltoffenheit, soziales Engagement und Gesprächskultur sind nur bedingt von den Einkommensverhältnissen abhängig.
    Dann doch eher, welcher elterliche Hintergrund hinter der Person steht. Auch dies wiederum ist nur bedingt vom Einkommen der Eltern abhängig, sondern primär darin, ob die Eltern es für ihre Kinder für wichtig und förderlich halten, dass sie sich sozial engagieren, viel lesen, offen auf andere Menschen zugehen und sich in der hohen Kunst der Konversation, gerne auch politisch oder philosophisch oder zu einem beliebigen wissenschaftlichen Thema. Man muss nicht Physik studiert haben, um sich Gedanken über das "wie funktioniert unsere Welt" zu machen. Man muss nur hinreichend neugierig sein.

    Auch bei Menschen mit einer guten Einkommenssituation beobachte ich immer wieder intellektuelle Beschränktheit, gleichwohl diese Leute ein Universitätsdiplom habe und beruflich erfolgreich sind. Wenn ich mich mit solchen Leuten unterhalte, dann komme ich selten über die Small Talk Ebene hinaus.

    Tendentiell beobachte ich aber ein Verhalten, wie Du es beschrieben hast bei Personen mit geringeren finaziellen Möglichkeiten. Gleichwohl es auch hier sehr belesene Menschen gibt. Zumindest solange es noch öffentlich zugängliche kostenfreie oder zumindest kostengünstige Bobliotheken gibt.

    Mit solchen Menschen habe ich auch so meine Schwierigkeiten. Und ich komme es einer "klassischen Arbeiterfamilie" mit relativ geringen finanziellen Möglichkeiten. Nichtsdestotrotz habe ich einen Uni-Abschluss und bin einigermaßen belesen und weltoffen. Wenn ich mich mit dem Großteil meiner Verwandten unterhalte, ist auch nicht mehr als Small Talk Niveau zu erwarten und selbst das wird sehr schnell langweilig, weil es sich immer um die ewig gleichen Themen dreht und sich für mich daraus in den seltensten Fällen neue Erkenntnisse oder wenigsten neue Informationen ergeben.

    Sicherlich auch mit einer der Gründe, warum der letzte Versuch einer Beziehungsanbahnung so kolossal ein Schuss in den Ofen war.

    Und Du solltest Dir deswegen auch keine großen Vorwürfe machen. Warum solltest Du Dein soziales und politisches Engagement reduzieren, nur um irgendeinem Freund zu gefallen, der nicht neugierig und weltoffen genug für Dich ist?
    In fünf bis zehn Jahren wird das sicherlich ein gesamtgesellschaftliches Problem, wenn die Generation "Playstation und X-Box" in das Alter kommen werden, in den ihre Väter und Vorväter auf die Positionen von Entscheidungsträgern rückten... Wenn wir nicht schon an diesem Punkt angekommen sind. Und die letzten Studien zur motorischen Entwicklung von Vorschulkindern stimmt mich da auch nicht gerade zuversichtlich.

  3. #3
    ranita ist offline "Doktorand" (150-299 Beiträge)
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    Beiträge
    228
    Wenn ich mich mit dem Großteil meiner Verwandten unterhalte, ist auch nicht mehr als Small Talk Niveau zu erwarten und selbst das wird sehr schnell langweilig, weil es sich immer um die ewig gleichen Themen dreht und sich für mich daraus in den seltensten Fällen neue Erkenntnisse oder wenigsten neue Informationen ergeben.
    Ja, genau das ist es. Den ganzen lieben Abend nur daheim herumhocken, weil "man ja arbeiten muss, um zu überleben" aber sich dann von DSDS vollrieseln zu lassen. Und mir den Vorwurf machen, dass ich NICHT das Bedürfnis habe, mich mit Trash-TV abends es gemütlich zu machen, weil ich ja NICHT um mein "Überleben" zu arbeiten habe....

    Kein Wunder, dass ich irgendwann nicht mehr mitreden konnte..hatte halt leider keine Ahnung, wer gerade in welcher D. sucht irgendwas -Sendung im Finale steht....
    Für mich steht zunächst einmal der Mensch im Vordergrund. Und wenn ich mit jemanden befreundet bin, dann schaue ich auch nicht auf das Bankonto.
    Natürlich ist es klar, dass Studenten, die nicht dringend arbeiten gehen müssen, sich eher gesellschaftlich engagieren können. Aber ich habe es ja genauso akzeptiert, wenn Leute dies nicht gemacht haben/ weil sie entweder keinen Bock hatten, oder aber echt keine Zeit wg. Arbeit haben.. Aber umgekehrt dann daraus jemanden Vorwürfe zu machen, dass man die Zeit hat, finde ich sehr, sehr erschreckend.
    Ich will ja nicht soweit gehen, zu sagen, diese Leute sind selbst daran schuld, aber wenn ich das so beobachte, dann neige ich doch dazu, meine allg. sehr linke Einstellung zu revidieren, zu der Meinung, dass wenn man nur will, auch vieles möglich ist.(Auslandsemester, Engagement, mal abends mit Freunden was trinken gehen, etc..).
    Aber woher kommt denn dieser Neid? Ich verstehe ja, dass man allgemein neidisch sein kann, wenn jemand aufgrund seiner Geburt bessergestellt ist. Aber daraus dann einen persönlichen Neid auf jemanden zu entwickeln - auf eine seiner engsten Freunde - das war für mich neu. Das passt einfach nicht in mein Menschenbild - ich beurteile doch Menschen nicht danach, was sie haben, sondern was sie aus sich machen, wie sie sich geben, wie sie sich verhalten. Warum funktioniert das denn nicht umgekehrt?

    Gott sei dank ist das ja ein Einzelfall bei mir bisher gewesen.

  4. #4
    Avatar von chowdy
    chowdy ist offline "Dekan" (1500-2999 Beiträge)
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    Zitat Zitat von ranita Beitrag anzeigen
    Aber mich beschäftigt das gedanklich immer noch sehr, wie ich das hätte verhindern können.
    Du hättest es wahrscheinlich garnicht verhinden können. denn wie du gut erkannt hast, gibt es auch leute in deinem umfeld bei denen es noch enger ist und mit denen es freundschaftsmäßig trotzdem gut klappt.

    liegt einfach auch vielfach an den leuten selbst bzw. hat andere ursachen.

    grüße
    chowdy
    http://captainstory.blogg.de > Neu: captain domination

    My philosophy is to experience paradise during this lifetime and not "maybe" after. I am taking full advantage of my timeslot in this world and I encourage you to do the same. Crucial parts of my philosophy are extreme experiences and emotions.

    Thank god, I'm not ugly!

  5. #5
    Giftzwergin ist offline "Dekan" (1500-2999 Beiträge)
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    ist ja jetzt mal ne dumme frage, aber: lässt du vielleicht hin und wieder raushängen, dass du nicht arbeiten musst? bzw arbeiten für dich die finanzierung von luxus bedeutet und nicht leben? oft macht man sowas nämlich total unbewusst und geht damit den leuten, bei denen das anders ist, tierisch auf den keks.
    und irgendwie ist es doch auch nachvollziehbar, dass diese leute irgendwann pampig werden, oder? ich genieße auch den luxus, nicht arbeiten zu müssen und mein auslandssemester nächstes jahr zumindest teilweise bezahlt zu bekommen. aber wenn ich mir das im vergleich zu meiner besten freundin, die nicht nur sich, sondern auch ihre auch ihre arbeitslose mutter durchbringen muss neben dem studium, ansehe, ekle ich mich fast vor mir selbst, dabei kann ich nichts dafür, dass mein vater arzt ist und genug verdient, um seinen töchtern das studium in voller länge zu finanzieren. aber fair ist es nicht.
    ...Deutschland, wir weben dein Leichentuch, wir weben hinein den dreifachen Fluch...

    Ich bin ein Held - ich muss besser sein als ein Monster!! (mit bestem Gruß an den Fußnackenmasseur...)

    Mehr Hunde für Deutschland!

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