Du führst also Wirtschaftswachstum und wenn auch bescheidenen Wohlstand darauf zurück, dass man sich Militärausgaben gespart hat?
Im wesentlichen macht man für Costa Rica drei Gründe aus:
1. Die gesellschaftlichen Hierarchien sind sehr flach. Es gibt keine großen sozialen Unterschiede. In der Kolonialzeit war Costa Rica (übrigens nur ein Scheinname, weil man zeitweise El Dorado dort vermutet hatte) schwach besiedelt und man unterdrückte auch nicht die Einheimischen, die selber keine Großreiche hervorgebracht hatten, also ebenso wenig mit starken Hierarchien zu kämpfen hatten. Entflohenen afrikanische Sklaven konnten sich im Land selber eine Existenz aufbauen als Kleinbauer oder Handwerker.
Von der ökonomischen Hierarchie gliederte sich die Bevölkerung in autarke Bauern, Handwerker und eine kleine städtische Elite. Von den Lebensstilen unterschieden sie sich untereinander wenig, aber dafür umso mehr von den Nachbarländern. Dort galten (und gelten weiterhin) Indigene und Afrikaner (auch Chinesen und Inder) als Leute, mit denen man am besten wenig zu tun hat. V.a. fehlt in Costa Rica ein System der Großgrundbesitzer (Latifundien), das zu Ausbeutung und Verelendung führen könnte.
2. Costa Rica ist eine Konsensdemokratie und weist relativ starke Parteien auf, die viele Anhänger haben. Lateinamerikanische Parteien haben normalerweise nur wenige tausend bis zehntausend Mitglieder und werden von charismatischen Einzelpersonen geführt.
3. Costa Rica hat sich nie in den Kalten Krieg hineinziehen lassen. Man vergleiche hierzu nur mal die politischen Entwicklungen in El Salvador, Honduras, Guatemala, Kolumbien, Argentinien oder Nicaragua. Ganz im Gegenteil traten costaricensische Politiker als Vermittler in den mittelamerikanischen Konflikten auf (v.a. Nicaragua, El Salavador).
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27-05-2007 19:53 #1
Wer kennt Costa Rica - die Schweiz Mittelamerikas?
Wer von euch weiss etwas über die Politik, Wirtschaft und Bildung in Costa Rica? Eher wenige, vermute ich einmal. Costa Rica - wo liegt das doch gleich noch einmal? Ach ja, in Zentralamerika. Eine von Bürgerkriegen geprägte Region. Arme diktatorisch geführte Länder, bestenfalls noch Tourismus können Devisen ins Land bringen. Viel Natur, die aber ausgebeutet wird. Keine besonderen Ausgaben für Bildung und Gesundheit. Vermutlich gilt das alles auch für Costa Rica...oder? Weit gefehlt!
Die ersten freien Wahlen wurden in Costa Rica 1889 abgehalten. Danach gab es einige politische Unruhen, doch seit dem Bürgerkrieg und der neuen Verfassung 1953 ist das Land politisch stabil, die Staatsform ist eine Demokratie.
Für das Bildungswesen werden in Costa Rica 19% des Staatshaushaltes verwendet (Deutschland liegt mit 5,3% des Bruttoinlandsproduktes unter dem Durchschnitt der entwickelten Länder). Die allgemeine Schulpflicht wurde 1869 eingeführt. (in Deutschland: 1870!) Die erste Universität Costa Ricas wurde 1843 gegründet. Die Analphabetenquote Costa Ricas liegt heute bei 4,2%, die niedrigste Mittelamerikas. (in Deutschland immerhin 0,6%). - Wohlgemerkt bleibt Costa Rica bei alledem immer noch ein armes Land. Es ist also nicht etwa so, dass das Geld für Bildung einfach übrig wäre. Dennoch wird in sie investiert, weil sich die Politiker über ihre Bedeutung bewusst sind. In Costa Rica gibt es mehr Lehrer als Polizisten. Hochschulen und Wissenschaft arbeiten auf hohem Niveau und erreichen in einigen Bereichen Spitzenleistungen.
Wie sieht es denn im Gesundheitswesen aus? Hierfür werden 22% des Staatshaushaltes Costa Ricas verwendet (Deutschland: 11,1% des BIPs).
Nun gut, dann schauen wir mal auf den Naturschutz. Als ein armes Land wird Costa Rica wohl wahrscheinlich nicht viel seiner Energie auf die Erhaltung seiner Natur verwenden, sondern lieber die grösstmögliche Fläche nutzen, zumal die Landwirtschaft (Export von Kaffee und Bananen) neben dem Tourismus den wichtigsten Devisenbringer des Landes darstellt. – Nein. Noch einmal voll daneben gegriffen! Rund 27% der Fläche Costa Ricas wurden vom Parlament unter Naturschutz gestellt, es gibt mehr als 20 Nationalparks. Vor allem beim Schutz des Regenwaldes spielt Costa Rica eine Vorreiterrolle.
Aber all diese Ausgaben gehen ja wohl auf Kosten der Wirtschaft, was? - Auch nicht richtig! Die Wirtschaft Costa Ricas wuchs 2005 um 5,9% und 2006 um 7,9%. 2005 stiegen die Exporte um 11,5%, 2006 um weitere 17,1%! Die Produktion von elektronischen Geräten, Medikamenten und nicht zuletzt auch Software (so hat z.B. Intel eine Chip-Fabrik im Lande.) spielt eine grosse Rolle. Auch wenn eines der Hauptprobleme die Auslandsverschuldung bleibt, ist der Aufwärtstrend in diesen Zahlen kaum übersehbar. Und das alles ist eine geschichtlich gesehen relativ neue Entwicklung. Denn bis zur Unabhängigkeit Costa Ricas war dieses ein verhältnismässig armes Land. Es gibt keine nennenswerten Bodenschätze.
Woher kam also das Geld für die nötigen Investittionen in Bildung und Sozialsystem, die dem Land zuvor fehlten? Dazu vielleicht eine der erstaunlichsten Fakten zum Schluss: Costa Rica beschloss bereits 1948 – trotz zahlreicher militärischer Konflikte in den Nachbarländern – vor allem aufgrund des ausgeprägten Friedensstrebens des Volkes einen kompletten Verzicht auf das Militär. Und noch mehr als das: Die 6% des Bruttoinlandproduktes, die zuvor für militärische Kosten verpulvert wurden, wurden direkt und ungekürzt in die Gesundheits- und Bildungspolitik geleitet. Die Erfolge dieses radikalen Wechsels wurden oben umrissen. Das zuvor in einer ökonomischen Krise befindliche Land erholte sich langsam aber sicher aufgrund der richtigen Investitionen.
Ausserdem ruht sich Costa Rica keinesfalls auf seiner inneren Sicherheit aus, sondern fördert aktiv die demokratische Entwicklung in den Nachbarländern. 1987 erhielt der damalige (und seit letztem Jahr wieder neue) Präsident Óscar Arias Sánchez für seinen Zentralamerika-Friedensplan und seine diplomatischen Bemühungen um Frieden in den Nachbarländern den Friedens-Nobelpreis.
Ich denke, man kann am Beispiel Costa Ricas sehen, dass Veränderungen auch unter armen Verhältnissen möglich sind, wenn die richtigen politischen Entscheidungen getroffen werden und sich die einzelnen Bürger eines Staates für deren praktische Durchführung einsetzen, für ihre Vision einer besseren Zukunft arbeiten.
Und vielleicht, vielleicht können wir ja auch in Europa und Deutschland etwas aus dieser Feststellung lernen...?
Quellen: [1] [2]Geändert von Rudi Ratlos (27-05-2007 um 19:57 Uhr)
Wessen wir am meisten im Leben bedürfen ist jemand, der uns dazu bringt, das zu tun, wozu wir fähig sind.
(Ralph Waldo Emerson, 1803-1882)
Gehe nicht vor mir - vielleicht folge ich Dir nicht.
Geh nicht hinter mir - vielleicht kann ich Dich nicht führen.
Geh einfach neben mir - und sei mein Freund.
(Albert Camus, 1913-1960)
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28-05-2007 02:34 #2
"Habilitand" (500-749 Beiträge)
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28-05-2007 11:27 #3
Danke für die weiteren Ausführungen, Pour. Die von Dir genannten Besonderheiten Costa Ricas sind sicher wichtig. Nein, ich will nicht "alles" auf den eingesparten Militärhaushalt zurückführen, aber ich denke, dass diese Entscheidung eine wichtige Rolle in der Veränderung des Landes gespielt hat. Jedenfalls hätte die Entwicklung wohl in eine ganz andere Richtung hätte gehen können, wären nicht die richtigen Entscheidungen getroffen worden.
Über die Sicht auf die Vergangenheit hinaus wollte ich auch darauf hinweisen, wieviel offensichtlich auch noch heute in diesem Land in die entsprechenden Bereiche investiert wird, obwohl der Wohlstand noch lange nicht westeuropäische Werte erreicht hat.Wessen wir am meisten im Leben bedürfen ist jemand, der uns dazu bringt, das zu tun, wozu wir fähig sind.
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01-06-2007 19:09 #4
"Habilitand" (500-749 Beiträge)
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Was wir vielleicht nur implizit erwähnt haben, ist die Rolle des Militärs selber. Welcher Militär nimmt es denn schon, dass man ihm seiner Macht beraubt? In Argentinien, Kolumbien, Chile, Brasilien, Kuba, Honduras oder Paraguay wäre das unvorstellbar. Das wird dort so sehr der Fall sein wie in der Türkei.
Ja, das ist sicher sehr augenfällig. Auch andere Länder, z.B. Malaysia, zeigen dieses Bild. Allerdings sollte man sich fragen, ob denn ein westeuropäischer Maßstab unbedingt erforderlich ist. Das gilt inbesondere für Länder, die noch sehr agrarisch geprägt sind und die Bauern noch großteils für ihre eigene Versorgung und nicht für den EU-Butter-, Milch(-pulver)-, Fleisch-, Pflanzenöl- oder Weizenberg wirtschaften.Über die Sicht auf die Vergangenheit hinaus wollte ich auch darauf hinweisen, wieviel offensichtlich auch noch heute in diesem Land in die entsprechenden Bereiche investiert wird, obwohl der Wohlstand noch lange nicht westeuropäische Werte erreicht hat.
Immerhin ist es auch eine Tatsache, dass mit steigender Automatisierung immer weniger Menschen in der Industrie benötigt werden. Das sieht man sowohl an Indien, als auch an der VR China. Obwohl in beiden Staaten die Industrie zum Teil durch eigene Entwicklung, zum Teil durch BPO (Business Process Outsourcing), ist die Arbeitslosigkeit sehr hoch und sie nimmt in beiden Staaten in den Segmenten der Arbeiter zu, die schlecht ausgebildet sind.
Das Ziel eines Staates sollte es nicht sein, irgendwelchen westeuropäischen Standards hinterherzujagen, sondern vielmehr ein ausreichendes Wohlergehen seiner Bevölkerung sichern.
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09-07-2007 01:38 #5
"Doktor" (300-499 Beiträge)
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War in Costa Rica tauchen - geiles Land, super nette Bevölkerung !
-
--- Du bist Deutschland !
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